Das IchDem Ich unterstehen Verstand und Vernunft, und es hat sowohl die Fähigkeit, wie auch die Aufgabe, das Denken und Handeln zu steuern. Es ist die einzige Instanz, die frei wählen kann und hat deshalb eine zentrale Rolle. Nur das Ich ist zu bewusster Entscheidung fähig. Sowohl das Innere Kind, wie auch das Höhere Selbst haben ihre festen Rollen, die bestimmten Regeln unterworfen sind, die sie selbst nicht ändern können. Weder das eine, noch das andere ist von Ich erschaffen, aber beide schaffen das Ich immer wieder neu, entweder alleine, oder zusammen. Das Ich kann den Kampf gegen das Innere Kind wählen, sogar den Kampf gegen das Höhere Selbst, oder es kann sich unter die Führung des einen oder anderen stellen. Es ist an sich völlig frei - muss sich dessen aber erst bewusst werden. Mit der Bewusstwerdung übernimmt es aber auch die Verantwortung über die Konsequenzen, denn das ist seine wichtigste Aufgabe: Es ist dazu bestimmt, sich seiner Freiheit bewusst zu werden, die Verantwortung zu übernehmen und die Konsequenzen seines Denkens und Handelns zu tragen. Damit wird es zum "Hüter seines Schicksals"... Natürlicherweise erlebt das Ich, als Zentrum des Bewusstseins, die Totalität des Inneren Kindes als unmöglich. Die Kraft des Inneren Kindes aber ist (vor allem, wenn es größtenteils unbewusst agiert) sehr lebendig und stark, manchmal sogar übermächtig. Das Ich steht ihr oft hilflos gegenüber, v.a., solang es den "emotionalen Stress" alleine mit Verstand und Vernunft zu beherrschen versucht. Damit wird das Innere Kind nämlich nur unterdrückt und beiseite geschoben. Geholfen wird ihm dadurch aber nicht, genauso wenig, wie irgend etwas gelöst oder verändert wird. Denn: Nach jeder "erfolgreichen" Unterdrückung bricht das Innere Kind bei der nächst besten Gelegenheit wieder mit unverminderter Gewalt hervor. Wer an diesem Punkt stehen bleibt,
im Kampf des Ich mit Verstand und Vernunft gegen die Totalität der Emotionen des
Inneren Kindes, befindet sich im Teufelskreislauf der Identifikation: Denn auch das Ich will, dass es ihm gut geht und sucht ständig nach Möglichkeiten, das Innere Kind zufrieden zu stellen und sich so das Leben angenehm und leichter zu machen. Diese Identifikation ist leider genauso häufig, wie unbewusst. Aber: Das Ich ist nicht das Innere Kind! Das Ich hat keine Wünsche und Bedürfnisse, die es zu erfüllen gibt, es hat keine Emotionen, die sein Denken und Handeln bestimmen, und seine Rationalität ist auch nicht dazu da, diejenigen des Inneren Kindes zu erfüllen und mit der Realität in Einklang zu bringen - und an diesem unmöglichen Ziel zu scheitern! Es hat zuerst einmal "nur" die Aufgabe, die Identifikation zu erkennen und sich von ihr zu lösen. Die Identifikation mit dem Inneren Kind ist für eine gewisse Zeit notwendig, um die Persönlichkeit zu entwickeln, d.h., die eigenen "positiven" und "negativen" Seiten wahrzunehmen - um sich dann von ihnen zu distanzieren. Erfolgt die Distanzierung nicht, beginnt die Identifikation egoistisch zu wirken (im Sinne von Wirkung auf das Umfeld), und zwar im Verhältnis zu ihrem Bewusst-Sein: Je bewusster das Ich sich der Identifikation ist und dennoch an ihr festhält, desto egoistischer ist es. Ist die Identifikation unbewusst, kann sie auch nicht Egoismus genannt werden. Egoismus ist die (zeitweise oder beständige) Aufrechterhaltung der Identifikation. Dieser erste Schritt der Bewusstwerdung ist verhältnismäßig einfach. Doch es ist kein einmaliger Prozess, der danach endgültig erledigt ist. Das Ich muss die Distanzierung immer wieder neu erarbeiten. Das Innere Kind und seine Emotionalität ist ein fester Bestandteil des Menschen, der nicht ausgelöscht werden kann. Dennoch kann sich das Ich in seinem Denken und Handeln immer wieder davon distanzieren, indem es sich die Identifikation und seine Freiheit davon bewusst macht. Es ist aktiver Gestalter seines Schicksals und nicht gezwungen, in der Identifikation hängen zu bleiben. Es ist "einfacher", sich unter die Führung des Inneren Kindes zu stellen (weil es so stark und bekannt ist) und den freien Willen dazu zu benützen, sich die Freiräume zu schaffen, die es einem ermöglichen, sich das Glück und die Zufriedenheit des Inneren Kindes einigermaßen zu erhalten. Das vielfältige Angebot der Freizeit- und Feriengestaltungsmöglichkeiten ist ein Produkt dieses Weges, der mit seiner Ablenkung doch nur die Fluchttendenzen des Ich in seiner Kapitulation gegenüber der latenten Unzufriedenheit deutlich macht, sie aber nicht wirklich auflöst. Und genauso "leicht" ist es, diese Unzufriedenheit "dem allgemein-menschlichen Schicksal" in seiner Unpersönlichkeit in der heutigen Zeit zuzuschieben. Damit ist die "Schuldfrage" auch schon zweifach erledigt, und das Ich kann sich weiterhin darum bemühen, entweder die Umstände oder das Innere Kind zu ändern - und somit den "Teufelskreislauf" aufrecht erhalten. Das Leben wird dadurch nicht freudvoller. Eben: Die Realität und das Innere Kind lassen sich nicht dauerhaft miteinander in Einklang bringen, deshalb ist nur der Wechsel zwischen Zeitweiser Zufriedenheit und dem Warten darauf möglich... Der Trugschluss, der hinter diesem Schicksalsbegriff steht, und die Anstrengungen, die damit verbunden sind, ist in der Identifikation begründet. Dieser Teufelskreislauf könnte sich endlos so weiterdrehen. Sowohl das Ich, wie auch das Innere Kind sind darin gefangen, ihm hilflos ausgesetzt - solange nicht das "erlösende Dritte" ins "Spiel" eingreifen kann. Doch solange die Identifikation mit dem Inneren Kind besteht, hat das Höhere Selbst tatsächlich nur die Möglichkeit, sich über das Schicksal zu äußern.
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