Eine qualitative Untersuchung der Ontogenese
und individuellen Repräsentation des Aura-Sehens
als paranormales Phänomen
Freie Universität Berlin
Fachbereich: Erziehnungswissenschaften und Psychologie
Diplomarbeit im Diplomstudiengang Psychologie
Verfasser: Oliver Amm
Frankfurter Tor 6
10243 Berlin
email: ammoli@hotmail.com
Erstgutachter: Prof. Issing
Zweitgutachter: Prof. Lischke
Abgabetermin: 15. 6. 2001
Ich erkläre an Eides Statt, dass ich diese Diplomarbeit selbstständig und
ohne fremde Hilfe verfasst, andere als die angegebenen Quellen nicht benutzt und
die den benutzten Quellen wörtlich oder inhaltlich entnommenen Stellen als
solche kenntlich gemacht habe.
Ich bin mit der Einsichtnahme in der Bibliothek und auszugsweiser Kopie
einverstanden.Alle übrigen Rechte behalte ich mir vor Zitate sind nur mit
vollständigen bibliographischen Angaben und dem Vermerk „unveröffentlichtes
Manuskript einer Diplomarbeit“ zulässig.
Oliver Amm
Berlin, den 15. Juni 2001
Danksagung:
Als erstes möchte ich den Aurasichtigen danken, die sich für diese Untersuchung
zur Verfügung gestellt haben, denn ohne sie wäre diese Arbeit nicht zustande
gekommen.
Ein besonderer Dank gilt Prof. Issing, der es mir ermöglichte über dieses
interessante Thema eine Arbeit zu schreiben und für seine vielen hilfreichen
Anregungen.
Ich danke dem Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in
Freiburg i. Br. für die freundliche Hilfe bei der Literaturrecherche.
Ich danke Bernhard Harrer von der Patienteninformation für Naturheilkunde in
Berlin, mit dessen Unterstützung ich die Kontakte zu meinen Interviewpartnern
herstellen konnte.
Ich danke Marco Bischof für die vielen Informationen.
Ich möchte mich bei der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von
Parawissenschaften bedanken, die es mir ermöglichte, meine Arbeit einer
interessierten Öffentlichkeit vorzustellen.
Schließlich möchte ich mich bei meinen Freunden und meiner Familie für die
liebevolle und tatkräftige Unterstützung bedanken.
Oliver Amm
Inhaltverzeichnis
1. Vorwort
2. Einleitung
3. Theorie
3. 1. Phänomenbeschreibung: Aura
3. 1. 1. Was ist eine Aura ?
3. 1. 2. Die Geschichte der Aura
3. 1. 3. Die Aura in der Esoterik
3. 1. 4. Auravorstellungen im 20. Jahrhundert
3. 2. Phänomenbeschreibung: Aura-Sehen
3. 2. 1. Psychophysiologische Betrachtungen
3. 2. 2. Psychiatrische Phänomene
3. 2. 3. Sensitivität
3. 2. 4. Das Aura-Sehen in der Parapsychologie
4. Methode
4. 1. Ein qualitatives Verfahren als Forschungsmethode für eine
parapsychologische Fragestellung
4. 2. Das episodische Interview
4. 3. Der Interviewleitfaden
4. 4. Die Tonbandaufzeichnung
4. 6. Suche und Auswahl der Interviewpartner
4. 7. Die Probeinterviews
4. 8. Durchführung der Interviews
4. 9. Die Transkription der Interviews
4. 10. Die Auswertung der Interviews
4. 12. Auswertungsprozess
5. Ergebnisdarstellung
5. 1. Ontogenese des Aura-Sehens
5. 1. 1. Interview mit T: „Ich mach´ so ein ressourcenorientiertes Aura-Lesen“
5. 1. 2. Interview mit P: „Ein liebender Mensch, der leuchtet drei Kilometer
gegen den Wind!“
5. 1. 3. Interview mit O: „Da war ich dann aufgenommen im Familienkreis“
5. 1. 4. Interview mit S: „Unsere Seele ist so feinstofflich.“
5. 1. 5. Interview mit B: „Ich habe viele Jahre Angst gehabt, ich bin nicht
normal.“
5. 2. Die individuelle Repräsentation der Aura-Wahrnehmung
5. 2. 1. Interview mit T: „Die meiste Zeit hat man das Gefühl, das ist wie
Einbildung.“
5. 2. 2. Interview mit P: „Eine Aura ist die Ausstrahlung eines Menschen“
5. 2. 3. Interview mit O: „Als Aura wird nur der Teil des Energiefeldes
bezeichnet, der den Namen Körper trägt.“
5. 2. 4. Interview mit S: „Das ist wie bei Erde Atmosphäre.“
5. 2. 5. Interview mit B: „Ein Energiefeld – eine Vibration um den Körper
herum.“
5. 3. Berufliche Anwendung des Aura-Sehens
5. 3. 1. Interview mit T: „Also es ist schon eher pragmatisch, wie ich arbeite.“
5. 3. 2. Interview mit P: „Mein Traum ist es, jedem soviel Input zu geben, dass
er seinen Therapieplan selbst erstellen kann“ 70
5. 3. 3. Interview mit O: „Ich kann mich soweit runtersetzen, dass ich die
Gefühle des anderen aufnehmen kann“ 71
5. 3. 4. Interview mit S: „Aura ist Buch des Lebens“
5. 3. 5. Interview mit B: „Ich sehe die Aura, aber das ist für mich nicht mehr
so wichtig.“
5. 4. Persönliche Bedeutung des Aura-Sehens
5. 4. 1. Interview mit T: „Ich halte das für etwas, was jeder kann“
5. 4. 2. Interview mit P: „Ja, plötzlich leuchten sie alle.“
5. 4. 3. Interview mit O: „Man kann nicht sagen, Aura-Sehen ist absolut spitze
oder absolut negativ.“
5. 4. 4. Interview mit S: „...wenn Menschen sehen Engel, sie sehen Teufel auch
...“
5. 4. 5. Interview mit B: „Ich habe mich versucht zu drücken vor dieser
Aufgabe.“
5. 5. Umgang mit Freunden und Familie
5. 5. 1. Interview mit T: „... das kann heftige Aggressionen hervorrufen.“
5. 5. 2. Interview mit P: „Es ist so schön, wenn man sich zu zweit austauschen
kann.“
5. 5. 3. Interview mit O: „Da war ich dann aufgenommen im Familienkreis.“
5. 5. 4. Interview mit S: „Jeder Mensch hat auch ein Wunder erlebt.“
5. 5. 5. Interview mit B: „Für die bin ich irgendwie eh verrückt.“
5. 6. Paranormale und mystische Erlebnisse
5. 6. 1. Interview mit T: „Es gibt etwas Stärkeres.“
5. 6. 2. Interview mit P: „Das sind so Momente , wo ich einfach weiß.“
5. 6. 3. Interview mit O: „Wie wollen Sie Hellsichtigkeit und mystische
Erlebnisse auseinanderhalten?“
5. 6. 4. Interview mit S: „Und seitdem ich habe keine Angst vor dem Tod.“
5. 6. 5. Interview mit B: „Ich wollte dieses Gefühl wieder haben, dieses
Sich-eins-fühlen.“
6. Diskussion
7. Zusammenfassung
Literaturverzeichnis
Eine andere Wahrnehmung
1.Vorwort
Im Wintersemester 1999/2000 fand unter der Leitung von Professor Ludwig Issing an der Freien Universität Berlin ein Seminar mit dem Titel „Medienpsychologie: Analyse medialer Fähigkeiten und Wirkungen bei parapsychologisch bzw. esoterisch „begabter“ Menschen“ statt. Herr Issing hatte die Idee, dass Personen, die von sich selber glauben, dass sie mit medialen oder sensitiven „Fähigkeiten“ ausgestattet sind und diese Fähigkeiten als Wahrsager, Geistheiler, Schamanen, Hexen etc. auf dem Esoterik-Markt anbieten, von den Teilnehmern dieses Seminars aufgesucht und interviewt werden sollten. Allerdings war noch nicht klar, wie „Medialität“ oder „Sensivität“ genau zu definieren sei. In der Esoterik werden darunter Menschen verstanden, die sich selber als Mittler verschiedener Welten oder Realitätsebenen betrachten. Sie halten sich für besonders sensibel und empfindsam für „feinstoffliche Energien“. Durch diese Wahrnehmung feinstofflicher Energien soll es möglich sein, Informationen über die Zukunft zu erhalten, Kontakt mit höher entwickelten Wesenheiten aufzunehmen oder auch Ursachen von Krankheiten zu erfahren.
Oliver Geyer und ich hatten die Gelegenheit, bei der Organisation dieses Seminars mitzuarbeiten. Wir durchforsteten die Anzeigenseiten der kostenlosen Esoterik-Magazine „Sein“ und „Körper, Geist, Seele“ nach Adressen von Hellsehern, Channelmedien, Geistheilern, Schamanen, Reiki-Lehrern, Astrologen etc.. Diese Medien oder Sensitive sollten nun von den Studenten des Seminars in Zweier-Teams zur Durchführung von Interviews aufgesucht werden. Ziel dieses Projektes war es, Einblick in die Esoterikszene und ihre Protagonisten und deren Lebensgeschichte, ihre Arbeitsweise, aber auch ihre Weltbilder zu bekommen.
Insgesamt wurden 21 Interviews geführt mit einem breiten Spektrum von Anbietern. Die Erlebnisse mit den „Medien“ wurden anschließend im Seminar ausgetauscht und intensiv diskutiert. Für uns alle war die Begegnung mit den Medien eine außergewöhnliche Erfahrung, denn wir kamen mit einem Bereich in Kontakt, der bis dato in unserem Studium bisher ausgespart wurde – der Esoterik und des Paranormalen. Die Berichte der Medien waren allesamt äußerst bemerkenswert. Fast alle hatten eine sehr bewegte und dramatische Lebensgeschichte. Sie erzählten, wie sie durch eine Krankheit oder ein paranormales Erlebnis zu einem spirituellen Weltbild konvertiert sind. Meist waren sie dann längere Zeit bei einem Lehrer, der ihnen half, ihre medialen Fähigkeiten weiterzuentwickeln oder sie in einer bestimmten Heil- oder Wahrsagetechnik unterwies. Auch berichteten sie häufig, dass sie mit Engeln, Geistern, „aufgestiegenen Meistern“ oder anderen Wesen in Kontakt stehen. Von einem naturwissenschaftlichen Standpunkt betrachtet, hörten sich die Geschichten an wie die Auswüchse einer blühenden Phantasie. Trotz allem machten einige der „Medien“ einen sehr glaubhaften und vertrauenerweckenden Eindruck. Man hatte zumindest das Gefühl, dass sie selber von der Wahrheit ihrer Geschichten überzeugt waren.So standen wir als Psychologiestudenten nun vor der Frage, wie diese Erzählungen einzuordnen seien. Hatten wir es mit Spinnern zu tun, die Realität und Phantasie nicht auseinanderhalten können? Waren es Scharlatane, die den menschlichen Hang zum Phantastischen ausnutzten und ihren Klienten übernatürliche Fähigkeiten vorgaukelten, um daraus Profit zu schlagen? Oder verfügten sie tatsächlich über besondere Fähigkeiten und hatten durch ihre Sensitivität Zugang zu anderen Realitätsebenen?
Das Ziel bei der Auswertung der Interviewunterlagen war es nun, eventuelle allgemeine Strukturen und zugrundeliegende Wirkungszusammenhänge aufzuspüren. Allerdings stellte sich die Stichprobe, an der die Befragung durchgeführt wurde, als sehr heterogen heraus. Es fanden sich darunter Astrologen, Yogalehrer, Wahrsager, Reikimeister, Channelmedien etc. und alle gaben an, dass sie medial oder sensitiv veranlagt seien und mit dieser „Fähigkeit“ arbeiten würden. Daher gestaltete sich das Extrahieren allgemeiner Strukturen dieser „Medialität“ als ein sehr schwieriges Unterfangen. Hinzu kam, dass die Anbieter selten auf eine Disziplin (z.B. Hellsehen) beschränkt waren, sondern ihren Kunden in der Regel ein ganzes Repertoire an Fähigkeiten zur Verfügung stellten. Ein Medium machte z.B. Hellfühlen, Channeling, Handauflegen und Akashalesung. Ein anderes Medium hatte Akupunktur, Qi Gong, Reiki und Psychic Reading im Programm.Einige Medien berichteten auch, dass sie Auren sehen könnten und Auralesungen durchführen würden. In der Esoterik versteht man unter dem Begriff Aura, „eine Art leuchtenden Nebel, der den menschlichen Körper umgeben soll“ (Holroyd, 1991, S.159). Ihre Schilderungen, wie sie anhand der Aura den Gesundheitszustand, die emotionale Verfassung oder auch kognitive Strukturen und vieles mehr erfassen könnten, schien mir für Psychologen ein äußerst interessantes Thema zu sein. Auf der anderen Seite hatte ich die Vermutung, dass das Aura-Phänomen ein guter Ansatzpunkt ist, um sich dem Thema „Sensitivität“ oder „Medialität“ anzunähern, da sich die Aura-Beschreibungen nicht ganz so abgehoben anhörten, wie zum Beispiel die komplexen Kosmogonien von Channelmedien, mit mehreren Realitätsebenen und komplizierten Hierarchien geistiger Wesen.
Für meine Diplomarbeit griff ich nun das Aurasehen als ein spezielles Thema
medialer Heiler heraus, um mich damit genauer zu befassen. Interessant erschien
mir bei dieser Thematik auch, dass es ein kulturübergreifendes Phänomen ist, das
bis heute nicht nur Esoteriker und Spiritualisten, sondern auch Wissenschaftler
fasziniert und zu verschiedenen Forschungsprojekten inspiriert hat. So hatte ich
schon von der Kirlian-Fotografie gehört, dem Versuch diese geheimnisvolle
Ausstrahlung des Körpers fotografisch festzuhalten, und zufällig fiel mir das
Buch über die Biophotonen-Forschung von Marco Bischof in die Hände (Bischof,
1995). In diesem Buch werden die Forschungen des Physikers Fritz Albert Popp
und ihre Parallelen zum Aura-Phänomen dargestellt. Es gab also bereits
verschiedene wissenschaftliche Ansätze, die sich mit dieser Thematik befassten.
Ich wählte einen qualitativ-psychologischen Ansatz, da mich die subjektive Seite
des Phänomens interessierte. In was für einer Welt leben diese Aurasichtigen?
Wie hat sich diese Fähigkeit entwickelt? Was für eine Bedeutung hat das
Aura-Sehen für die Aurasichtigen? Im Folgenden möchte ich nun meine umfangreiche
Literaturrecherche zum Aura-Sehen, sowie die Interviews, die ich mit fünf
Aurasichtigen geführt habe und deren Auswertung darstellen.
2. Einleitung
In der Esoterik wird die Aura als Verbindungsglied oder Übergangsbereich zwischen der materiellen, grobstofflichen Welt und der feinstofflichen Welt verstanden und ist damit ein zentrales Element, um Medialität oder Sensitivität zu verstehen. Denn Sensitive verstehen sich ja als Vermittler zwischen diesen Welten, indem sie zum Beispiel als „Channelmedium“ Informationen aus dem feinstofflichen Bereich, wie dem Jenseits oder einer höheren geistigen Ebene, übermitteln, indem sie wie z.B. ein Geistheiler „feinstoffliche Energien“ übertragen oder indem sie diese Energien als Aura um den menschlichen Körper herum wahrnehmen können (Roethlisberger, 1999). Dies sind natürlich alles Vorstellungen, die aus der Esoterik- oder New-Age-Bewegung entstammen.Von akademischer Seite ist das Phänomen der Sensitivität oder Medialität bisher größtenteils ignoriert worden. Die einzigen seriösen Wissenschaftler, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzen, sind die Parapsychologen. Die Parapsychologie hat sich allerdings in den letzten hundert Jahren vornehmlich mit der experimentellen Erforschung der „Außersinnlichen Wahrnehmung“, also Telepathie, Hellsehen und Präkognition und der Psychokinese, darunter versteht man die willentliche Beeinflussung biologischer oder physikalischer Systeme, ohne dass diese Effekte durch bekannte naturwissenschaftliche Gesetze erklärt werden können, beschäftigt (Amm & Geyer, 2000 a). Diese paranormalen Phänomene wurden aber weniger an Sensitiven, sondern in vorrangig an „normalen“ Versuchspersonen untersucht.
Fragestellung
In der vorliegenden Studie liegt der Fokus nun auf „Sensitiven“, genauer gesagt auf Aurasichtigen, darunter versteht man Personen, die Auren sehen können. Mit Hilfe von qualitativen Interviews soll die subjektive Erfahrungswelt von Aurasichtigen erfasst werden. Unabhängig davon, ob nun Auren tatsächlich existieren oder eine physikalische Basis vorhanden ist, wird von der Annahme ausgegangen, dass es sich bei der Wahrnehmung von Auren um eine psychologische Realität handelt, die daher auch von Psychologen erforscht werden sollte. Mit dieser Studie sollte nun u.a. der Frage nachgegangen werden, wie die Entstehung und Entwicklung solch einer ungewöhnlichen Wahrnehmungsform von den Aurasichtigen erlebt wird. Entwickelt sich diese „Fähigkeit“ spontan oder kann sie auch erlernt werden? Interessant ist auch zu erfahren, wie diese subjektive Wahrnehmung von Auren beschrieben wird. Was nehmen Aurasichtige genau wahr? Stimmen diese Beschreibungen mit den Darstellungen in der esoterischen Literatur überein? Gibt es Parallelen oder Ähnlichkeiten zu anderen Wahrnehmungsphänomenen, wie z.B. Synästhesien oder Halluzinationen? nEng verknüpft mit der subjektiven Wahrnehmung von Auren ist die persönliche Bedeutung dieser „Fähigkeit“ für die Betreffenden. Inwiefern hat das Aura-Sehen deren Leben verändert? Hat das Aura-Sehen den Umgang mit Freunden und Familieangehörigen beeinflusst? Wie reagiert das Umfeld auf solch eine Wahrnehmungsform? Da ein Auswahlkriterium der Interviewpartner war, dass sie die „Fähigkeit“ auch professionell nutzen, wurde nach den Vorgehensweisen bei Aura-Lesungen gefragt. Was für Informationen werden der Aura entnommen? Wie wird mit diesen Informationen umgegangen? Schließlich wurde auch nach anderen paranormalen oder mystischen Erfahrungen gefragt, da vermutet wurde, dass die Personengruppe besonders anfällig ist für solche Erlebnisse.
Mit dieser explorativen Studie soll nun ein besseres Verständnis von paranormalen und esoterischen Phänomenen erreicht werden. Obwohl die subjektive Seite paranormaler Erfahrungen bisher kaum erforscht wurde, stellen sie einen wichtigen Bestandteil menschlichen Erlebens dar (White, 1997). In einer aktuellen Studie gaben 75 Prozent der 1510 befragten Personen in Ost- und Westdeutschland an, schon mindestens einmal in ihrem Leben ein paranormales Erlebnis gehabt zu haben (Deflorin & Schmied 2000). Über die Verbreitung von esoterischen oder spirituellen Glaubensvorstellungen in der Bevölkerung liegen zwar keine Daten vor, das beständige Interesse an esoterischer Literatur und sonstigen Angeboten dieser Szene weist allerdings auf eine konstante, vielleicht sogar zunehmende Verbreitung solcher Vorstellungen hin.Die Ergebnisse dieser Studie haben auch eine praktische Relevanz. Da die Wahrnehmungen, die von Aurasichtigen oder Sensitiven berichtet werden, schwer von den Symptomen psychischer Störungen zu unterscheiden sind, stellt sich die Frage, wie solche Phänomene in Kliniken, Praxen oder Beratungsstellen gehandhabt werden sollten. An der „Parapsychologischen Beratungsstelle“ in Freiburg melden sich täglich Personen, die unter paranormalen Wahrnehmungen leiden, ohne dass bei ihnen eine herkömmliche psychische Störung vorliegt. Hier stellt sich natürlich die Frage, wie man solchen Menschen am besten helfen kann? Dazu braucht man Informationen über die Entstehungsbedingungen solcher Fähigkeiten und die Risiken und Gefahren von veränderten Wahrnehmungsformen. Auch Hans Bender, der bekannte deutsche Parapsychologe und Begründer des „Institutes für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene“ sah in diesem Psychohygiene-Aspekt einen wichtigen Bestandteil seiner Arbeit. Auf der anderen Seite bergen solche sensitiven Wahrnehmungsformen, wie das Aura-Sehen, möglicherweise die Chance für Psychologen, neue Erkenntnisse über das Bewusstsein und die Erfassung der Realität zu erhalten. Vielleicht ist es auch diagnostisch oder therapeutisch nutzbar? Möglicherweise besteht ein Zusammenhang zum ebenfalls kaum erforschten Feld der Intuition? Es gibt also nicht wenige Gründe, die für eine psychologische Erforschung dieser Thematik sprechen.
Gliederung der Arbeit
Im theoretischen Teil dieser Arbeit wird zunächst das Phänomen „Aura“
beschrieben. Es wird die weite Verbreitung der Vorstellungen von
feinstofflichen Körpern und Energiesystemen in verschiedenen Kulturen und
Religionen dargestellt. Einen besonderen Stellenwert hat das Aura-Konzept in der
Esoterik und der modernen New-Age-Bewegung. Hierzu werden zwei wichtige
esoterische Aura-Systeme vorgestellt. Auch von naturwissenschaftlicher Seite
gibt es verschiedene Ansätze, das Aura-Phänomen zu erklären. Mit der
Kirlianfotografie wird versucht, Auren sichtbar zu machen, und in der modernen
Biophotonenforschung sehen viele eine biophysikalische Erklärungsgrundlage für
dieses Phänomen. In Theorie Teil 2 wird das Phänomen des Aura-Sehens und der
Sensitivität aus esoterischer, parapsychologischer und psychologischer Sicht
beschrieben. Es werden Theorien von Psychophysiologen dargestellt, die das
Phänomen als Wahrnehmungstäuschung zu erklären versuchen. In der Psychologie
finden sich noch weitere Phänomene, die gewisse Parallelen und Ähnlichkeiten zum
Aura-Sehen aufweisen, z.B. Synästhesien und Halluzinationen. Auf diese Phänomene
wird ebenfalls kurz eingegangen. Schließlich wird ein theoretisches Konzept des
Parapsychologen Charles T. Tart zur Erklärung des Aura-Sehens und die bisherigen
experimentellen Überprüfungen der Hypothesen erläutert. Im dritten Teil wird das
Untersuchungsdesign der vorliegenden Studie vorgestellt. Es wurden fünf
qualitative Interviews mit Aurasichtigen durchgeführt und nach der Methode des
„Zirkulären Dekonstruierens“ von Jaeggi, Faas,& Mruck ausgewertet. In Teil 4
werden die Ergebnisse der Auswertung mit vielen Zitaten aus den Interviews und
Erläuterungen dargestellt. Schließlich werden diese Ergebnisse mit
Berücksichtigung der bisherigen Forschung diskutiert, sowie die Vorgehensweise
bei dieser Untersuchung kritisch reflektiert, außerdem Vorschläge zur weiteren
Erforschung dieser Thematik besprochen.
3. Theorie
3. 1. Phänomenbeschreibung: Aura
3. 1. 1. Was ist eine Aura ?
Im alltäglichen Sprachgebrauch wird das Wort „Aura“ und andere Begriffe, die mit dem Wort Aura assoziiert werden, ganz selbstverständlich benutzt. So ist die Rede von der „Ausstrahlung“ eines Menschen, die besonders stark oder beeindruckend sein kann. Oder man sagt, dass jemand vor Glück oder vor Freude „strahlt“. Ein Anderer umgibt sich mit einer „magischen, geheimnisvollen“ Aura, die einen in seinen Bann zieht. Manche reden auch von guten oder schlechten „Schwingungen“, die sie bei einer Person verspüren. Auch vielen Redewendungen der Jugendsprache scheint die Vorstellung zugrunde zu liegen, dass Menschen von Strahlungsfeldern umgeben sind. Schon in den 70ern sprach man von guten oder schlechten „Vibes“ oder „Vibrations“, die eine Person umgeben. Oder man hat das Gefühl, mit jemandem „auf der gleichen Wellenlänge“ zu sein. In der heutigen Techno-Szene bezeichnet man jemanden, der Ecstasy konsumiert hat, als „verstrahlt“, was einerseits eine Anspielung auf die giftige, chemische Wirkung dieser Droge ist, aber andererseits auch auf das strahlende und fröhliche Erscheinungsbild des Ecstasykonsumenten hinweist. So scheinen also die Vorstellungen von Auren und Ausstrahlungen des menschlichen Körpers in unserem alltäglichen Leben implizit "mitzuschwingen". In der Esoterik-Szene hingegen wird ganz explizit über Auren kommuniziert. Wenn man Esoterikzeitschriften durchblättert, trifft man auf Anzeigen für „Aura-Lesungen“ oder „Aura-Fotos“. Es werden Produkte angeboten zur Reinigung der Aura oder auch Workshops und Seminare, in denen das „Aura-Sehen“ gelernt werden kann. In esoterischen Buchhandlungen findet man Bücher, wie „Das Aura-Heilbuch: Die Aura lesen und deuten lernen, Energiefelder farbig sehen und zur ganzheitlichen Heilung einsetzen“ (Lübeck, 1991). Aber was bedeutet nun das Wort Aura? Wenn man in einem Lexikon diesen Begriff nachschlägt, erfährt man zunächst, dass es sich dabei um ein lateinisches Wort handelt und zu deutsch „Hauch“ oder „Lufthauch“ bedeutet.
Im Brockhaus findet sich folgende Definition:
• „Lichtartiger Schein, von Sensitiven angeblich beobachtbare
persönlichkeitsgeprägte Ausstrahlung des menschlichen Körpers, dem Heiligen
Schein der christlichen Ikonographie vergleichbar.“ (Brockhaus-Enzyklopädie
(1987) S.331, Mannheim: Brockhaus GmbH.)
In Meyers Neuem Lexikon wird die Aura: „ ... als Farbspektrum, das den Körper
wolken- oder lichtkranzartig umgibt“, beschrieben.
Es ist also die Rede von farbigen Ausstrahlungen des Körpers und von sensitiven
Menschen, die diese Ausstrahlung angeblich sehen können. Dass es solche
Vorstellungen in vielen Kulturen und zu verschieden Zeiten gegeben hat, soll nun
gezeigt werden.
3. 1. 2. Die Geschichte der Aura
Die Vorstellung von einer Aura beruht auf der Idee von nichtmateriellen, unsichtbaren Energiekörpern oder -systemen, die den physischen Körper umgeben und durchdringen und ist eng verknüpft mit der Vorstellung einer universellen Lebensenergie. In verschiedenen grenzwissenschaftlichen Publikationen, in denen die aktuelle Bedeutung der esoterischen Konzepte von nichtmateriellen Körpern und Energien diskutiert werden, wird übereinstimmend behauptet, dass Überlieferungen hierzu in so gut wie jeder alten Kultur zu finden sind. Im Folgenden werden nun Darstellungen aus verschiedenen Büchern und Artikeln zur Geschichte dieser Vorstellungen zusammenfassend wiedergegeben. Vorstellungen von solchen nichtmateriellen Körpern gibt es demzufolge bei afrikanischen Völkern, zum Beispiel bei den Karanga oder Maschona, die den unsichtbaren Körper „Nwega“ nennen (Bischof, 1995). Für die Kahunas auf Hawaii existieren drei nichtphysische Schattenkörper (Long, 1954). In den Vorstellungen der australischen Aborigines zerfällt die nichtphysische Komponente des Individuums im Augenblick des Todes ebenfalls in drei Teile (Lawlor, 1993). Neben der Vorstellung von nichtmateriellen Körpern hat die Vorstellung einer kosmischen, alles durchdringenden Lebensenergie in vielen alten Kulturen anscheinend eine fundamentale Bedeutung gehabt. Im alten Ägypten wurde diese Lebensenergie zum Beispiel „Ka“ oder „Ga-llama“ genannt (Sabetti, 1985). Angeblich stehen auch die Pyramiden mit dieser Lebensenergie in Zusammenhang. In China und Indien haben die Vorstellungen von feinstofflichen Energiesystemen heutzutage immer noch eine große Bedeutung. Die Energiekonzepte dieser Kulturen werden in einzelnen Abschnitten kurz dargestellt. Aber auch im Okzident finden sich Energiekonzepte und Aura-Vorstellungen. Dazu werden Vorstellungen griechischer Philosophen beschrieben, sowie die Konzepte wichtiger Vertreter der abendländischen Medizin. Im Christentum gibt es zwar keine Vorstellungen von solchen Energien, dafür aber einige Hinweise, die darauf deuten, dass auch hier auraähnliche Beobachtungen gemacht wurden. Aura-Konzepte sind heutzutage am lebendigsten in der Esoterik. Andererseits gibt es aber auch moderne wissenschaftliche Theorien über Auren, die aber meist auch von der Esoterik inspiriert wurden. Bevor diese modernen Aurakonzepte beschrieben werden, wird der Begriff „Esoterik“ definiert und ein kurzer Abriss der Geschichte dieser Denkströmung gegeben. Da es momentan viele Unklarheiten bezüglich der Bedeutung des Wortes „Esoterik“ gibt, ist dies notwendig.
Das „Chi“ in China:
In China wird diese Energie „Chi“ genannt und gilt als Ursache alles Entstehens
und Vergehens (Werthmüller, 1999). Der Strom dieser Energie besteht aus zwei
gegensätzlichen, sich ergänzenden Aspekten: Dem Yin und dem Yang. Yin
symbolisiert das empfangende Prinzip, das mit Weiblichkeit, Erde, Wasser, Mond
und Nacht verbunden wird; Yang ist das aktive Prinzip und wird mit Männlichkeit,
Himmel, Feuer, Tag, Sonne und Hitze assoziiert. Obwohl die beiden Aspekte Yin
und Yang Gegensätze darstellen, bilden sie zusammen eine voneinander abhängige
Einheit. Dieses Chi ist die Grundlage der „Traditionellen Chinesischen Medizin“
und damit auch der Akupunktur. Es fließt durch die „Meridiane“ und bildet somit
ein feinstoffliches Energiesystem. Die Ursache von Krankheiten sind energetische
Ungleichgewichte der beiden komplementären Kräfte. Durch Akupunktur, gezielte
Ernährung, Körperübungen oder andere Methoden kann die Einseitigkeit wieder
ausgeglichen werden. Ein guter Arzt im alten China hat eine Unausgeglichenheit
seiner Patienten im Frühstadium erkannt, noch bevor es sich in Form einer
Krankheit manifestierte. Ziel einer Behandlung der Traditionellen Chinesischen
Medizin ist es also, das feinstoffliche Energiesystem – also das Chi in den
Meridianen – wieder zum Fließen zu bringen. Man kennt über zweitausend
Akupunkturpunkte, die über den ganzen Körper verteilt sind. Nicht nur in China
wurden viele moderne Forschungsarbeiten durchgeführt, um zu erklären, auf was
für eine physikalisch-biologische Kraft die Wirkungen der Akupunktur
zurückzuführen sei. Seit Anfang der fünfziger Jahre weiß man, dass die
Akupunkturpunkte sich durch veränderte elektrische Leitfähigkeit auszeichnen
(Bischof, 1995). Viele Experten sind sich aber einig, dass es sich beim Chi
nicht um eine elektrische Kraft handelt. Neueren Theorien zufolge, stehen die
Meridiane und Akupunkturpunkte in einem besonderen Zusammenhang mit dem von
Fritz Albert Popp postulierten Biophotonenfeld1
des menschlichen Körpers. Inzwischen gibt es verschiedene technische Geräte, mit
denen Messungen an den Akupunkturpunkten vorgenommen werden können, um die
Krankheiten im Frühstadium zu erkennen. Neben der „Elektroakupunktur von Voll“
und der „Elektroneuraldiagnostik nach Croon“ ist die AMI-Methode (Acupuncture
Measuring Instrument) von Hiroshi Motoyama mit Abstand die schnellste Methode
(Bischof, 1995).
1 Auf die Biophotonentheorie von Fritz Albert Popp wird
später noch eingegangen.
Das indische Chakrensystem
In Indien wird diese kosmische Energie wiederum „Prana“ genannt und die
Energiebahnen, durch die es fließt, heißen „Nadis“ (Werthmüller, 1999). Davon
soll es angeblich 72.000 Bahnen innerhalb des Körpers geben. Drei Bahnen
genießen eine Sonderstellung: „Sushumna“, der Zentralkanal, entspringt an der
Basis der Wirbelsäule und verläuft durch sie bis zur Stirn – ebenso „Ida“ und
„Pingala“, die sich wie Schlangen in entgegengerichteten Spiralbewegungen um den
Zentralkanal winden. Die Schlange ist das Symbol für die so genannte
„Kundalini“- Kraft, die durch den Zentralkanal aufsteigt. An jenen Stellen, wo
Ida und Pingala sich kreuzen, befindet sich ein Energiezentrum, „Chakra“
genannt, was zu deutsch „Rad“ bedeutet. Entlang der Wirbelsäule sitzen die
sieben Hauptchakren und jedes Chakra soll mit einer bestimmten Drüse im
Zusammenhang stehen (Ozaniec, 1993). Das „Muladhara“- oder Wurzelchakra ist
verbunden mit den Nebennieren und befindet sich auf Höhe des Steißbeines. Das
zweite Chakra ist das „Svadisthana“- oder Sakralchakra, manchmal wird es auch
Sexualchakra genannt. Dieses Chakra ist am Kreuzbein und steht in Verbindung mit
den Hoden oder den Eierstöcken. Das nächst Höhere ist das „Manipura“- oder
Solarplexuschakra, welches mit der Bauchspeicheldrüse verbunden ist. Dem
„Anahata“- oder Herzchakra ist die Thymusdrüse und dem „Vishuddi“- oder
Halschakra wird die Schilddrüse zugeordnet. Auf der Stirn liegt das „Ajna“-
oder Stirnchakra, welches auch das „Dritte Auge“ genannt wird. Zu diesem Chakra
gehört die Hirnanhangsdrüse. Und am obersten Punkt des Kopfes ist das Scheitel-
oder Kronenchakra. Im Sanskrit heißt es „Sahasrara“. Ihm ist die Zirbeldrüse
zugeordnet. Jedes Chakra hat auch eine psychologisch-spirituelle Bedeutung. Das
Unterste, das Wurzelchakra steht im Zusammenhang mit der Materie, der Erde, also
dem grobstofflichen Bereich, während das Oberste, das Kronenchakra die
Verbindung zur spirituellen Ebene, also zu Brahman herstellt.
Das Chakrensystem ist in erster Linie ein wichtiger Bestandteil des Yogasystems (Flood, 1998). Das Yogasystem ist eine umfassende Praxislehre für den gläubigen Hindu, bestehend aus Körper- und Konzentrationsübungen. Mit Hilfe dieser Meditationsübungen versucht der Yogi „Samadhi“, die Erleuchtung zu erlangen. Nach diesen Vorstellungen liegt die Kundalini-Energie des Körpers schlummernd am Fuße des Zentralkanals im Wurzelchakra (Muladhara) und kann durch Yoga-Übungen erweckt werden, sodass sie durch den Zentralkanal nach oben ins Kronenchakra (Sahasrara) strömt, wodurch die Erleuchtung oder Befreiung erlebt werden kann. Für westliche Forscher, die sich mit den hinduistischen Schriften befassten, war es schwer zu verstehen, wie diese Beschreibungen aufzufassen seien. Aus der symbolischen und verschlüsselten Sprache ging nicht klar hervor, ob dieses Chakrensystem nun real existieren sollte oder ob die Chakren nur der imaginative Gegenstand einer Visualisationsübung waren. Die ältesten Beschreibungen der Chakren finden sich in den Upanischaden, den heiligen Schriften des Hinduismus. Max Müller, der große deutsche Hinduismus-Experte, schätzt, dass die Upanischaden im 8.bis 6. Jahrhundert v.Chr. entstanden sind. Diese Schriften sind für die Hindus die Offenbarungen Gottes. Ihre Inhalte wurden von sogenannten „Sehern“ empfangen und weitergegeben und schließlich niedergeschrieben (Flood, 1998). Eine ausführliche Darstellung der Chakren wurde im Jahre 1577 von dem bengalischen Guru Pandit Purananda verfasst und heißt „Shat-Chakra-Nirupana“, zu deutsch die „Beschreibung der Sechs Zentren“, obwohl auch hier von 7 Energiezentren die Rede ist (Edde, 1993). Sowohl in den Upanischaden, als auch tantrischen Schriften, findet man, neben den Beschreibungen der Chakren, auch Darstellungen von feinstofflichen Hüllen oder Körpern – die „Koschas“ genannt werden. Der Tantrismus ist eine von Indien ausgehende religiöse Strömung, benannt nach den Tantras, den heiligen Büchern der Shaktas. Diese Aufzeichnungen gehen bis ins 6. Jhd. zurück. Ein wichtiger Bestandteil dieser Schriften ist die Darstellung einer komplexen hierarchischen Kosmologie (Bischof, 1995; Flood, 1998; Ozaniec, 1993).
Diesen Texten zufolge gehören zum Menschen, neben dem physischen Körper,
noch unsichtbare, feinstoffliche Körper, die ihn umhüllen:
Die erste Hülle heißt „Pranamaya-Kosha“, meist übersetzt als Ätherkörper. Er
steht in engem Zusammenhang mit dem physischen Körper und der Gesundheit. Die
zweite Hülle wird „Manomaya-Kosha“ oder mentaler Körper genannt. Er ist
zuständig für die niederen geistigen Funktionen, wie z.B. Denken, Lernen,
Vergessen. Dann kommt der Intelligenzkörper („Vidshananmaya-Kosha“), der
zuständig ist für die höheren mentalen Funktionen, wie Unterscheidung und
Weisheit. Die letzte Hülle ist der „Wonnekörper“ oder „Anandamaya-Kosha“, auch
„Leib der Seligkeit“ genannt. Er verbindet den Menschen mit der mystischen Ebene
und offenbart sich in Zuständen der Ekstase und höchsten Freude, in denen der
Mensch seinem ewigen göttlichen Kern am nächsten ist. Die Beschreibungen dieser
Körper und ihrer Funktionen sind in den alten Schriften sehr kompliziert und die
verschiedenen Texte weisen auch Unterschiede auf. Übereinstimmend findet man
aber die Vorstellung, dass es mehrere, hierarchisch angeordnete Realitätsebenen
gibt – von der grobstofflichen, festen Materie bis hinauf zur Ebene des Geistes
und damit Gottes – und dass der Mensch, neben dem physischen Körper, mehrere
feinstoffliche Körper besitzt, die ihn mit den verschiedenen Realitätsebenen
verbinden. Ebenfalls übereinstimmend wird in den Praxislehren dieser Schriften
immer wieder auf die Existenz einer universellen Lebensenergie hingewiesen und
Anleitungen gegeben, wie diese Energie vom Menschen aktiviert oder nutzbar
gemacht werden kann.
Aura und Lebensenergie im Abendland
Auch im westlichen Kulturkreis finden sich Vorstellungen von nichtmateriellen
Körpern und einer universellen Energie, die zum Teil erstaunliche Ähnlichkeiten
zu den östlichen Theorien aufweisen. Im Folgenden wird ein kleiner Überblick und
eine Zusammenfassung entsprechender Stellen aus Hans Joachim Störigs „Kleiner
Weltgeschichte der Philosophie“ gegeben (Störig, 1990). Dabei werden nur die
Punkte dargestellt, die für das besagte Thema relevant sind. Die
charakteristischen Gedanken der griechischen Philosophie werden aus Platzgründen
nicht behandelt.
Die Griechen:
Die Idee, dass es eine Ursubstanz gibt, aus der alle anderen Dinge der Schöpfung
hervorgehen, findet sich im 6.Jhd. v.Chr. bei den milesischen Naturphilosophen
Thales, Anaximandros und Anaximenes sowie bei Heraklit. Heraklit spricht von
einem Urfeuer, aus dem nach ewigem Gesetz die Welt mit ihren Gegensätzen
hervortritt und in das sie wieder zurückfällt. Dieses Urfeuer wird bei ihm
gleichgesetzt mit dem Göttlichen. Er sieht dieses Urfeuer aber auch in der
menschlichen Seele. Bei Aristoteles (384 - 322 v.Chr.) wird nicht direkt von
einer Urenergie gesprochen, aber das Wort „Entelechie“ enthält den impliziten
Gedanken einer formenden Kraft. Der ungeformte „Stoff“, „Leib“ oder „Materie“
wird durch eine bewegende Seele geformt. Diese Seele nennt Aristoteles
„Entelechie“. Der Begriff „Entelechie“ wurde u.a. von dem deutschen Vitalisten
Hans Driesch (1867-1941) wieder aufgegriffen. Auch er bezeichnet damit eine
unsichtbare, formende Kraft. Bei Aristoteles findet sich ebenfalls das Konzept
der „Schichtung“ der Persönlichkeit. Es gibt drei Arten von Seele, die
ernährende oder Pflanzenseele, die empfindende oder Tierseele, die denkende oder
Menschenseele, wobei die höhere nicht ohne die niedrigere bestehen kann. Dieses
Konzept erinnert stark an die hierarchischen „Hüllen“ im Tantrismus.
Die abendländische Medizin:
Auch in der abendländischen Medizin trifft man auf das Konzept der
Lebensenergie. Für den griechischen Arzt Hippokrates (460 - 377 v.Chr.) bestand
das Wesen der Krankheit in der fehlerhaften Mischung der Körpersäfte (Sabetti,
1985). Alles Leben, das für ihn eine Einheit darstellt, wird von einer
besonderen Kraft getragen, die von ihm „Enormon“ (innewohnende Kraft) genannt
wird. Auch würde der Kranke nicht vom Arzt geheilt werden, sondern von der
innewohnenden Energie (Pierrakos, 1987). Galenos (129-199), einer der
bedeutendsten Ärzte der römischen Kaiserzeit, postulierte eine Kraft namens
„Physis“, von der alles Lebendige durchdrungen ist. Diese Physis wiederum wird
von einer Art Lebenshauch, dem „Pneuma“, in Gang gesetzt (Sabetti, 1985). Ein
bedeutender Arzt des Mittelalters war der aus Buchara stammende Avicenna
(980-1037). Für Avicenna ist ebenfalls die Gesundheit von einer Lebensenergie
abhängig, die im islamischen Kulturkreis „Ruh“ genannt wird (Sabetti, 1985) Der
berühmte Arzt und Philosoph Paracelsus (1493-1541) schrieb, im Menschen gebe es
eine Lebenskraft, die in ihm „nicht eingeschlossen“ sei, sondern „um ihn herum
wie eine leuchtende Sphäre“ strahle (Hartmann, 1899, S.222). In den
umfangreichen Schriften von Paracelsus kommen gleich mehrere Begriffe für eine
Lebensenergie vor („Munia“, „Iliaster“ und „Archeus“), die alle eine bestimmte
Bedeutung innerhalb seiner komplexen Philosophie haben (Bischof, 1995,
Pierrakos, 1987, Sabetti, 1985). Ebenfalls taucht bei ihm, ähnlich wie bei
Aristoteles, die Vorstellung von drei Seelen oder „drei Reichen“ des Menschen
auf. Und zwar der äußere physische Körper, der innere „astrale“ Mensch und das
innerste Zentrum oder „Gott im Menschen“.
Aura im Christentum:
Im Gegensatz zu den östlichen Religionen findet man im Christentum keine
Beschreibungen feinstofflicher Energiesysteme oder -körper. Ebensowenig gibt es
in der Bibel Anleitungen für eine spirituelle Praxis. Es finden sich weder
Körperübungen, noch Übungen zur Schulung des Geistes. Trotzdem weisen viele
Stellen der Heiligen Schrift daraufhin, dass auch in diesem Kulturkreis
Beobachtungen von leuchtenden Ausstrahlungen des physischen Körpers,
insbesondere bei Heiligen, vorgekommen sind:
Exodus 34, 29: „Als Mose vom Sinai herunterstieg, hatte er die beiden
Tafeln der Bundesurkunde in der Hand. Während Mose vom Berg herunterstieg,
wusste er nicht, dass die Haut seines Gesichtes Licht ausstrahlte, weil er mit
dem Herrn geredet hatte.“
Matthäus 17, 1-2: „Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und
dessen Brüder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg. Und er
wurde vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und
seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht.“
In diesen beiden Bibelstellen verändert sich die Erscheinung von Moses und Jesus
durch ihre besondere Beziehung zu Gott und sie bekommen eine leuchtende
Ausstrahlung. Am stärksten kommt aber diese Vorstellung in der christlichen
Kunst zum Ausdruck. Hier unterscheidet man den „Nimbus“, dem Heiligenschein um
den Kopf herum, von der „Aureole“, einem Strahlenkranz, der den ganzen Körper
umgibt. Die Kombination von beidem nennt man „Gloriole“.
Darüberhinaus gibt es auch zahlreiche Berichte von Heiligen und Mystikern, bei denen solche leuchtenden Körperausstrahlungen gesehen wurden (Alvarado, 1987). So gibt es zum Beispiel einen Bericht der Nonne Ana de la Encarnaciòn, die St. Teresa beobachtete, als diese gerade an dem Buch „Las Moradas“ schrieb: „Eines Nachts ... sah ich von der Tür zu ihrer Kammer aus, wo ich wartete, um zu sehen, ob sie etwas bräuchte, dass ihr Gesicht ein klares Licht hatte, und aus ihr kam ein Schimmer, wie goldene Strahlen, und das hielt an und dauerte eine Stunde lang... (Als sie aufhörte zu schreiben) hörte das Leuchten auf, und im Vergleich zum vorherigen Leuchten, schien es nun so, als ob sie im Dunkeln sei. (Alvarado, 1987, S.41, deutsche Übersetzung vom Autor.) Berichte dieser Art gibt es zum Beispiel auch von St. Filippo Neri, von St. Vicente Ferrer und von Curè d `Ars. Auch in anderen Kulturen und Religionen gibt es Bilder und Malereien von leuchtenden Ausstrahlungen des menschlichen Körpers, zum Beispiel indischen Mystikern, wie Sathya Sai Baba (Alvarado, 1987). In der islamischen Kunst finden sich Bilder vom Propheten Mohammed, auf denen er von einer Flammenaura umgeben ist, und auch im tibetischen Buddhismus gibt es viele typische Darstellungen von Göttern, eingerahmt von einem Flammenkranz (Bischof, 1995).
3. 1. 3. Die Aura in der Esoterik:
Wie bereits eingangs erwähnt, finden sich in der heutigen Esoterik-Szene ganz
konkrete Vorstellungen von Auren. Um aber zu einem korrekten Verständnis dieser
Konzepte zu kommen, muss zuerst geklärt werden, was unter dem Begriff „Esoterik“
überhaupt zu verstehen ist. Mit diesem Verständnis ist es vielleicht eher
möglich, die aktuellen Publikationen zum Thema Aura richtig einzuordnen.
Exkurs: Esoterik
Momentan gibt es keine allgemeingültige Definition des Wortes Esoterik. Im
heutigen Sprachgebrauch werden unter dem Oberbegriff Esoterik alle möglichen
Dinge zusammengefasst. So findet man in der Esoterikabteilung einer Buchhandlung
Bücher über Tarot, Yoga, Zen, Alchemie, Parapsychologie, Theosophie u.v.m.. Da
es keinen Konsens über die Bedeutung dieses Begriffes gibt, kann er im Prinzip
völlig willkürlich verwendet werden. Auch der lexikalische Inhalt der Wortes
„Esoterik“, das aus dem Griechischen stammt, bringt keine Klarheit in den
Sachverhalt. „Eso“ bedeutet „innerlich, im Innern“ und „ter“ ist Ausdruck eines
Gegensatzes. Bis zum 19.Jhd. wurde das Wort auch nur als Adjektiv benutzt. Erst
zu Beginn des 19. Jhd. tauchte das Substantiv „Esoterik“ auf. Häufig wird
Esoterik mit dem Begriff „Geheimlehre“ gleichgesetzt. Esoterik hat zwar einen
besonderen Bezug zu Geheimlehren, aber viele esoterische Texte richteten sich an
eine Öffentlichkeit, wie zum Beispiel die Theosophischen Schriften. Genauso
wenig sollte Esoterik mit religiösem Außenseitertum verwechselt werden, denn
esoterisches Denken findet sich auch in der katholischen Kirche.
Antoine Faivre, ein Religionswissenschaftler, der einen Lehrstuhl für
Geschichte der esoterischen und mystischen Bewegungen der Neuzeit am
Religionswissenschaftlichen Institut der Sorbonne in Paris innehat, bezeichnet
„Esoterik“ als eine Denkform, die sich anhand von sechs grundlegenden
Charakterzügen oder Komponenten identifizieren lässt (Faivre, 1996):
1. Entsprechungen: Für den Esoteriker ist das gesamte Universum ein
riesiges Spiegeltheater. Die Welt besteht aus Zeichen, die es zu entschlüsseln
gilt. Jedes Objekt verbirgt ein Geheimnis. Davon ausgehend werden
Übereinstimmungen, zum Beispiel zwischen der Bibel und der Natur oder den
Planeten und verschiedenen Teilen des menschlichen Körpers oder Charakters,
gesehen. Diese universale Wechselbeziehung kommt in dem Satz – „Wie oben, so
unten; wie unten, so oben“ – zum Ausdruck.
2. Die lebende Natur: Die Natur wird in all ihren Formen als im
Wesentlichen lebendig angesehen. Häufig begegnet man auch der Vorstellung, dass
sie von einem Licht oder einem verborgenen Feuer beseelt und durchflossen wird.
Dies ist auch der Grundgedanke der Naturphilosophen und Vitalisten und ist daher
an der Grenze zwischen Magie und Wissenschaft einzuordnen. Man begegnet dieser
Idee schon bei den milesischen Naturphilosophen im alten Griechenland oder bei
Paracelsus.
3. Imagination und Mediation (Einbildungskraft und Vermittlung): Die
beiden Begriffe sind eng miteinander verknüpft. Der Esoteriker ist darum
bestrebt, die Geheimnisse der Schöpfung zu entschlüsseln. Die Vermittlung der
Geheimnisse erfolgt in Form von Bildern und Symbolen. Das Werkzeug des
Esoterikers um diese Vermittlungselemente zu entziffern, ist seine
Einbildungskraft. Die Imagination ist hier also eine Art Seelenorgan, mit dessen
Hilfe der Mensch eine kognitive oder visionäre Verbindung knüpfen kann zu einer
Zwischenwelt.
4. Die Erfahrung der Transmutation: Der Begriff „Transmutation“ stammt
aus der Alchemie und bezeichnet eine Art Metamorphose oder Transformation. Die
Alchemisten versuchten Blei in Silber und Silber in Gold zu verwandeln. Dieser
Verwandlungsprozess ist in gewisser Weise als Metapher für die Umwandlung des
Menschen zu verstehen. Durch Erkenntnis (Gnosis) und innerer Erfahrung soll dem
Esoteriker eine Art „zweite Geburt“ ermöglicht werden.
Diese vier Aspekte bezeichnet Faivre als die Grundelemente zur Definition der
Esoterik des Abendlandes. Die beiden folgenden Elemente sind nicht unbedingt
notwendig, sind aber häufig Teil der esoterischen Weltsicht.
5. Die Praxis der Konkordanz: Dieses Element kommt in einer Losung der
Theosophischen Gesellschaft zum Ausdruck: „Keine Religion ist höher als die
Wahrheit“. Zur Zeit der Gründung der Theosophischen Gesellschaft um 1875
herrschte im Westen ein großes Interesse an östlichen Religionen. Die
Theosophische Gesellschaft und andere Esoteriker versuchten gemeinsame Nenner
verschiedener Traditionen aufzuzeigen und hofften dadurch, auf eine
Erkenntnisquelle größerer Qualität zu stoßen. Auch die Anhänger der
Transpersonalen Psychologie weisen auf einen Stamm hin, von dem alle Religionen
wie Äste entwachsen sind. Diesen Stamm nennen sie „Philosophia Perennis“.
6. Transmission oder Initiation durch Meister: Der Begriff Transmission
meint, dass eine esoterische Lehre vom Meister auf den Schüler übertragen werden
kann oder muss. Auch eine Initiation kann nur durch einen Meister erfolgen.
Initiationsriten hatten eine große Bedeutung in den abendländischen
Geheimbünden, Geheimgesellschaften, Orden oder Logen.
Faivre versteht unter dem Begriff „Esoterik“ also eine spezielle Denkform.
Die modernen esoterischen Strömungen gehen nach Faivre auf antike und
mittelalterliche Quellen zurück:
• Der alexandrische Hermetismus: Hierunter hatte eine Textsammlung einen
besonderen Einfluss: der „Corpus Hermeticum“. Die Schriften, die zu Beginn
unseres Zeitalters verfasst wurden, gehen angeblich auf die sagenumwobene
Gestalt des „Hermes Trismegistos“ zurück.
• Esoterische Ansätze finden sich in der Neupythagoreischen Bewegung, im
Stoizismus, im Neuplatonismus (Plotin (205-207 n. Chr.) und in der jüdischen
Kabbala. Im Mittelalter finden sich auch viele esoterische Spekulationen in
arabischen Texten, z.B. die arabischen Episteln der Lauteren Brüder von Basra
(9.Jhd.).
• Esoterische Tendenzen im christlichen Denken sind vor allem im „Gnostizismus“
auszumachen.
Esoterisches Denken zieht sich durch das Mittelalter (Hildegard von Bingen),
durch die Renaissance (Giordano Bruno) und die Barockzeit. Einen deutschen
Beitrag zur Weiterentwicklung des esoterischen Denkens leisten vor allem der
Arzt und Philosoph Paracelsus (s.o.), der Theosoph Jakob Böhme (1575-1624) und
die Schriften der Rosenkreuzer, die zu Beginn des 17.Jhd. auftauchten und um die
sich der Mythos einer Geheimgesellschaft rankt. Später im 18. und 19.Jhd. hatten
diese initiatischen Gesellschaften eine Hochzeit. Viele einflussreiche
Persönlichkeiten waren Mitglieder von Templerorden, freimaurerischen oder
winkelmaurerischen Gesellschaften, von denen es etliche gab. Es gab zwei Formen
von Freimaurern. Die einen waren auf verschiedene Arten der Esoterik
ausgerichtet, während die anderen sich eher auf den Rationalismus der Aufklärung
beriefen.
Aber in der Übergangszeit zur Aufklärung, kurz bevor der Rationalismus und die Naturwissenschaften ihren Siegeszug über alle geltenden Denksysteme antraten, war die magische Weltsicht der Esoterik weitverbreitet. So verfasste auch Isaac Newton (1642-1727) einige alchemistische Schriften und viele Künstler wurden von esoterischen Vorstellungen stark inspiriert, z.B. William Shakespeare (1564 (getauft) -1616) und Hieronymus Bosch (ca.1450-1516). Im Schatten der Aufklärung hatte die Theosophie eine Blütezeit. Ein großer Vertreter ist Emanuel Swedenborg (1688-1772), der eine durch Träume ausgelöste Wandlung durchmachte und sich daraufhin von seiner wissenschaftlichen Tätigkeit abwendete. Im Laufe der auflebenden Begeisterung der Öffentlichkeit für okkulte Wissenschaften und Magie erscheinen nun auch Persönlichkeiten, die sich auf die Ausbeutung des Hangs zum Wundersamen spezialisiert hatten, wie z.B. Graf von Saint Germain (1707-1784) und Cagliostro (1743-1795). Das wachsende Interesse des Publikums an handfesten Beweisen magischer Theorien hat zur Folge, dass dieses Publikum mit raffinierten Zaubertricks hinters Licht geführt wird.
Die esoterische Vorstellung, dass die Materie ein Licht oder ein unsichtbares Feuer enthält, das eine Art Verbindungsglied zwischen dem Natürlichen und dem Übersinnlichen darstellt, wird nun auch zum Gegenstand experimenteller Forschung. Große Bedeutung in diesem Zusammenhang für die Medizin und die Esoterik hatte der schwäbische Arzt Franz Anton Mesmer (1734-1815). Er stellte 1775 die These auf, dass es eine „das ganze Weltall durchdringende Kraft gibt“ (Bischof, 1995, S. 70). Krankheiten sind die Folge eines Ungleichgewichtes dieser Kraft. Dieses Kraft-Fluidum nannte er „animalischen Magnetismus“ und seine Patienten behandelte er anfangs noch mit Magneten, später nur mit den Händen. Mesmer´s Thesen waren zwar in wissenschaftlichen Kreisen sehr umstritten, nichtsdestotrotz feierte er mit seinem „Magnetismus“ gewaltige Erfolge und gilt als Wegbereiter der Hypnose. Der Magnetismus steht auch im Zusammenhang mit dem Vitalismus. Im Laufe des 18.Jhd. entstand diese wissenschaftliche Bewegung, die eine principe vital (Lebensprinzip) postulierte, ein beseelendes Prinzip, das allen Lebensvorgängen zugrunde liegt. Ein bedeutender Protagonist war Luigi Galvani (1737-1798), der aufgrund seiner Experimente mit Elektrizität und Froschschenkeln die Existenz einer „animalen Elektrizität“ annahm. Sein erbitterter Gegner war Alessandro Volta (1745-1827), Anhänger der Antivitalisten, die sich letztendlich durchgesetzt haben. Die Ansichten der Antivitalisten werden von einem Satz von Hermann von Helmholtz (1821-1894) zusammengefasst: „Keine anderen Kräfte als die gewöhnlichen physikalisch-chemischen sind aktiv im Organismus“ (Bischof, 1995, S.64). Ein weiterer Propagandist einer universellen Lebensenergie war Carl Freiherr von Reichenbach (1788-1869). Dieser deutsche Wissenschaftler und Industrielle, Entdecker verschiedener chemischer Substanzen, wie z.B. Paraffin und Kreosot, widmete einen großen Teil seines Lebens der Erforschung der „Od-Kraft“, wie er seine Version der Lebensenergie nannte. Er führte etwa 13.000 Experimente durch, meist mit sogenannten Sensitiven, die besonders gut in der Lage sind, diese Od-Kraft zu spüren und zu sehen. Insbesondere der menschliche Organismus sei ein „Od-Behälter“ und Od würde in leuchtender Form den menschlichen Körper umgeben. Aber auch er wurde bald von den führenden Wissenschaftlern mit dem „animalen Magnetismus“ in Zusammenhang gebracht und abgelehnt.
In dieser Auseinandersetzung zeigt sich schon, wie esoterische Vorstellungen mit den rational-mechanistischen Vorstellungen kollidieren. Trotz allem gibt es viele Wissenschaftler die esoterische Ideen aufgreifen und darum bestrebt sind, deren Existenz experimentell nachzuweisen. Einige Vertreter der Naturphilosophie (1790-1815) können als Vertreter einer esoterischen Denkart betrachtet werden, so zum Beispiel F.J.W. Schelling (1775-1854), J.G.Herder (1741-1804) und Franz von Baader (1765-1841). In der Naturphilosophie taucht zum Beispiel wieder die esoterische Vorstellung von den „Entsprechungen“ auf, indem die Natur als Text betrachtet wird, den es zu entschlüsseln gilt. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten über die Metamorphose der Pflanzen (1790) und in der „Farbenlehre“ (1810) zeigt sich Goethe mehr oder weniger dieser Strömung verbunden. Mitte des 19.Jhd. wurde Amerika und Europa schließlich von einer Spiritismus-Welle überflutet, die wiederum stark von der Mesmerismus-Welle beeinflusst wurde. Einer der Ausgangspunkte für die Spiritismuswelle in den USA waren die Ereignisse im Hause des Farmers John D. Fox in Hydesville im Jahre 1848. In Anwesenheit seiner beiden Töchter kam es immer wieder zu unerklärlichen Klopfgeräuschen. Bald hatten die Schwestern einen Code gefunden, mit dem es ihnen möglich war, mit der „Intelligenz“, die diese Klopfgeräusche verursachte, zu kommunizieren. Man war davon überzeugt, dass es sich bei dieser „Intelligenz“ um den Geist eines Verstorbenen handelte. Alsbald wurden öffentliche Séancen abgehalten und die cleveren Schwestern fingen an, sich geschickt zu vermarkten. Kurze Zeit später waren sie im ganzen Land bekannt. Es entstand eine mächtige soziale und religiöse Bewegung mit philosophischem Überbau, dessen zentrales Thema die Unsterblichkeit der Seele war, und Tausende von „Medien“ oder „Sensitiven“ hielten in Amerika und Europa Trance-Rituale ab, bei denen Botschaften von Verstorbenen aus dem Jenseits oder höheren geistigen Wesenheiten vermittelt wurden.
Der Spiritismus gehört nach Faivre eigentlich nicht in die Geschichte der Esoterik, ist aber durch ihre Auswirkungen für sie von Bedeutung. Durch die Spiritismuswelle wurde die breite Öffentlichkeit mit Themen, wie „Leben nach dem Tod“ und „Reinkarnation“ konfrontiert. Ebenfalls werden sogenannten „Medien“ und „Sensitiven“ im Spiritismus eine besondere Bedeutung zu geteilt. Die Vorstellung von Sensitiven, die durch ihre Feinfühligkeit einen Draht zum Reich der Verstorbenen oder anderen jenseitigen Ebenen haben, hat die heutige Esoterik entscheidend geprägt. Einen ebenfalls großen Einfluss auf die gegenwärtige Esoterik geht von der „Theosophischen Gesellschaft“ aus. Diese Gesellschaft wurde 1875 von Helena Petrowna Blavatsky in New York gegründet. Die umfangreichen Veröffentlichungen einiger ihrer prominenten Mitglieder, wie Rudolf Steiner, Annie Besant oder Alice Bailey, trugen dazu bei, Themen wie Karma, Bewusstseinsschulung, Reinkarnation etc. einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Theosophische Gesellschaft war auch stark der orientalischen Spiritualität, insbesondere dem Hinduismus, verbunden, wodurch sich auch das kulturelle Klima dieser Zeit spiegelt. Die Mitglieder dieser Gesellschaft wollten den gemeinsamen Ursprung der religiösen Traditionen aufzeigen.
Was ist nun in der heutigen Zeit von den esoterischen Strömungen übrig geblieben? Die eingangs genannten vier Grundelemente tauchen immer noch in vielen esoterischen Publikationen auf, aber nur noch selten in ihrer Gesamtheit. Auf dem ersten Element, den Entsprechungen, basiert die Astrologie, das Tarot und auch die jüdische Kaballa. Vor allem die Astrologie ist nach wie vor von großer Bedeutung. Dem zweiten Element, der Vorstellung von einer lebenden Natur, versuchte die Naturwissenschaft den Garaus zu machen, indem sie versucht, das ganze Universum anhand mechanistischer Gesetze zu erklären. Trotzdem hat dieser Glaube, vor allem durch die zunehmende Bedeutung östlicher Medizinsysteme, überlebt. Viele alternative Heilverfahren, das Geistheilen, die traditionelle chinesische Medizin und sämtliche Körpertherapien, basieren auf der Idee einer Lebensenergie. Auch der Schamanismus-Boom, der durch die Veröffentlichung der Bücher über den mexikanischen Schamanen Don Juan von Carlos Castaneda Ende der 60er Jahre ausgelöst wurde, ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass viele westliche Menschen von der Vorstellung einer lebendigen Natur, in der magische Kräfte walten, begeistert sind (Castaneda, 1973). Die Bedeutung des dritten Elementes, der Einbildungskraft zur Entschlüsselung der Vermittlungselemente, in der heutigen Esoterik ist schwer auszumachen. Auch hier hat das positivistische Denken, nach der nur Fakten eine Bedeutung haben, einen Einfluss auf die Esoterik gehabt. Denn auch in der heutigen Esoterik ist man darum bemüht, alles auf eine wissenschaftlich fundierte Basis zu stellen. Dabei kommt es natürlich häufig zu Verunglimpfungen, sowohl der Wissenschaft, als auch der Esoterik. Das Publikum wird mit falsch wiedergegebenen naturwissenschaftlichen Theorien und Erkenntnissen, wie bei einem Zaubertrick, an der Nase herum geführt. Dabei scheinen sich die Menschen der Kraft dieser Imagination nicht mehr bewusst zu sein. Trotz allem liegt vielleicht darin das Geheimnis der Faszination, die für viele Menschen von der Esoterik ausgeht, denn die Bilder, Symbole und Geschichten der Esoterik regen ja in erster Linie die Phantasie an und das ist es ja, was den Menschen in der heute so nüchternen Realität fehlt. Das vierte Element, die Transmutationserfahrung, lebt immer noch weiter, zum Beispiel in der Psychologie Carl Gustav Jungs (1875-1961). Jung beschäftigte sich ausgiebig mit der Alchemie und der Jungsche Individuationsprozess ist einer Transmutationserfahrung vergleichbar. Allgemein lässt sich sagen, dass die heutigen, populären Darstellungen esoterischer Themen (z.B. von Thorwald Dethlefsen) echte Tiefe vermissen lassen. Vieles, was gegenwärtig in die Schublade der Esoterik gesteckt wird, ist im Grunde genommen in erster Linie Ausdruck der menschlichen Sehnsucht nach dem „Übersinnlichen“. Offenbar suchen die Menschen heute nach einem Gegenpol zum totalitären Rationalismus. Daher erscheint es immer wieder Paradox, dass auch in diesen Kreisen auf eine wissenschaftliche Bestätigung esoterischer Thesen gehofft wird. Den Großteil der Publikationen und Gruppen des 20.Jhd., die als „Esoterik“ bezeichnet werden, sollte man richtigerweise zur „New Age“-Bewegung zählen. Die sogenanne „New Age“ Bewegung tauchte in Kalifornien der 70er Jahre auf. Die Anhänger des Neuen Zeitalters glauben an das Kommen einer neuen Ära, nämlich die des Wassermanns, welche sich auszeichnen soll durch einen Fortschritt der Menschheit unter den Vorzeichen einer wiedergefundenen Harmonie und eines erweiterten Bewusstseins. Dabei soll es auch zu einem Paradigmenwechsel in der Wissenschaft kommen. Das heißt, die mechanistischen Vorstellungen eines Isaac Newton oder Descartes sollen abgelöst werden durch holistische Konzepte, die u.a. aus der Quantenphysik, der Kybernetik und der Systemtheorie stammen (Capra, 1983; Ferguson, 1982; Kuhn, 1967). Einen besonderen Stellenwert im Zusammenhang mit der heutigen Esoterik und der New Age- Bewegung, hat die Transpersonale Psychologie inne. Als Weiterführung der Psychologie von William James oder C.G. Jungs versucht sie, die psychologischen Tiefen der Esoterik und der traditionellen Religionen auszuloten (Scotton, Chinen & Battista, 1996).
3. 1. 4. Auravorstellungen im 20. Jahrhundert:
Ausgehend von dieser allgemeinen Betrachtung der Grundelemente und Ursprünge der Esoterik und ihrer heutigen Erscheinungsform, sollen nun Aurakonzepte des 20.Jahrhunderts dargestellt werden. Es werden esoterische Aurasysteme im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Theorien und Forschungen beschrieben, da, wie oben bereits angedeutet, das positivistische Denken die heutige Esoterik stark beeinflusst hat.
Das Auramodell von Charles Leadbeater:
Als erstes wird ein Auramodell von Charles Leadbeater vorgestellt, dessen Buch
„Der sichtbare und der unsichtbare Mensch“ zur Jahrhundertwende erschien
(Leadbeater, 1999). Reverend Charles W. Leadbeater war ein prominentes Mitglied
der „Theosophischen Gesellschaft“ und veröffentlichte mehrere Bücher über
esoterische Themen. Sein Buch über Auren gilt heute als Klassiker der modernen
Auraliteratur. Leadbeater hat darin seine eigenen, hellsichtigen Beobachtungen
von Auren niedergeschrieben. Durch das Hellsehen sei es möglich, im Gegensatz
zum spekulativen Philosophieren, Erkenntnisse über die Konstitution und
Evolution des Menschen aus erster Hand zu erhalten. Dies sei die Grundlage der
theosophischen Weltanschauung. Der Tatsache, dass die Welt im Allgemeinen noch
nicht von der Existenz des Hellsehens überzeugt ist, hält er entgegen, dass sich
ein Blinder das Sehen auch nicht vorzustellen vermag. Bei seiner
Aura-Darstellung geht es ihm vor allem darum, die Entwicklung der seelischen
Fähigkeiten des Menschen und ihre Ausdrucksformen in der Aura zu beschreiben. So
vergleicht er die Aura des „Wilden“2 , des
„Durchschnittsmenschen“, des „Höherentwickelten“ und des „Meisters“ miteinander.
Dabei ist sein Auramodell eingebettet in eine umfassende, spirituelle Kosmogonie
und Karmalehre und weist große Ähnlichkeiten zu den tantrischen und
hinduistischen Beschreibungen der feinstofflichen Körperschichten (=Koshas) auf.
Ihm zufolge gibt es mehrere Realitäts- und Aura-Ebenen, auf denen
unterschiedliche karmische Kräfte und Gesetze wirken.
Die unterste Ebene ist die „physische Ebene“. Hier gibt es gute und böse
Taten, was zu guten oder schlechten Lebensverhältnissen führen kann. Diese Ebene
ist für jeden sichtbar. Allerdings vermag der Hellsichtige die Gesundheitsaura
zu sehen, die aus dem Ätherstoff gebildet wird und den physischen Körper mit den
feinstofflichen Körpern verbindet. Die „Gesundheitsaura“ wird noch als Teil des
physischen Körpers betrachtet. Sie bildet einen Schutz vor Krankheitserregern.
Dem Hellseher ist es möglich, Krankheiten im Frühstadium in der Gesundheitsaura
zu erkennen. Die nächsthöhere Ebene ist die „Astralebene“. Als karmische Kräfte
wirken hier Leidenschaften und Gefühle, wie Zuneigung und Abneigung. Dieses
kann zum Erleben von Freude und Schmerz führen. Daher ist das Ziel der
Theosophen, die Gefühle zu beherrschen. Hellsichtige könne Gefühle im
Astralkörper als Farben oder Symbole sehen. Leadbeater hat hierzu Abbildungen
nach seinen Beschreibungen für sein Buch anfertigen lassen. Als nächstes kommt
die „Mentalebene“, die Ebene des Geistes und Verstandes. Hier gibt es für den
Menschen die Möglichkeit, nach der Wahrheit zu suchen, was zur Inspiration
führt, oder böswillig Kritik zu üben, wodurch er selber Qualen erleiden muss.
Der Hellsichtige kann anhand des Mentalkörpers die geistige Entwicklung einer
Person erkennen. Der Mentalkörper eines Wilden ist natürlich noch sehr schwach
ausgebildet und Farben sind hier erst andeutungsweise vorhanden im Gegensatz zum
Mentalkörper eines Durchschnittsmenschen oder Höherentwickelten.
Die Kausalebene stellt die höchste Ebene dar. Auf dieser Ebene gibt es keine
negativen Kräfte mehr, sondern nur ein positives Streben, das zur Entwicklung
von Idealen, wie Liebe, Mitgefühl, Nächstenliebe usw. führt. Dieser Körper ist
erst beim Höherentwickelten ausgebildet. Leadbeaters Darstellungsweise ist, wie
bei Rudolf Steiner, noch ganz im Stil eines Gnostikers. Durch seine
Hellsichtigkeit sei er in der Lage, die „Wahrheit“ zu erkennen.
Wissenschaftliche Nachweise spielen für ihn keine Rolle, da er seine
Vorgehensweise, die sorgfältige Beobachtung seiner hellsichtigen Wahrnehmungen,
auch für eine wissenschaftliche Vorgehensweise hält.
2 Leadbeaters Darstellung des Wilden als primitiv und
unterentwickelt ist zweifellos rassistisch, aber auch nicht untypisch für die
damalige Zeit. Gegenwärtig wird immer wieder von Esoterik-Gegnern behauptet,
daß esoterisches Denken einem faschisoiden Denken Vorschub leisten würde
(Köthke, Rückert & Sinram, 1999). Die meisten Artikel oder Bücher, in denen
diese Thesen dargelegt werden, zeugen aber leider nur von der mangelhaften
Kenntnis dieser Autoren von der Materie. Die Autoren beziehen sich dabei häufig
auf das Buch „The occult roots of Nazism“ (1985) von Nicholas Goodrick-Clarke.
Es ist nicht zu leugnen, daß die Nazis esoterische Themen und Symbole
aufgegriffen haben, aber genauso wie die Nazis Mythen, Legenden und die
Geschichtsschreibung für ihre Zwecke verdreht haben, wurde auch die Esoterik von
ihnen mißbraucht.
Verschiedene Aurabeschreibungen im 20. Jahrhundert:
Anfang des 20.Jahrhunderts tauchten nun die ersten technischen Geräte auf, um
die menschliche Aura sichtbar zu machen. Der Londoner Arzt Walter J. Kilner
(1847-1920) veröffentlichte 1911 ein Buch mit dem Titel „The human atmosphere“
(Kilner, 1920). Kilner kannte die Bücher von Leadbeater und machte sich nun
daran, dessen Beobachtungen wissenschaftlich zu überprüfen. In seinem Buch
beschreibt er eine Technik, wie die Aura durch Farbschirme oder Filter aus
Dizyanin zu sehen ist. Wenn er durch diese Bildschirme hindurch Patienten
beobachtete, so konnte er einen schwach leuchtenden ovalen „Nebel“ erkennen, der
den ganzen Körper umgab. Diese Hülle bestand aus drei Zonen. Die dichteste war
dunkel und befand sich unmittelbar über der Haut. Dann folgte eine dünnere
Schicht, deren Strahlen senkrecht zum Körper verliefen, und schließlich eine
zarte äußere Hülle, die Licht ausströmte und keine klaren Konturen aufwies.
Kilner schreibt, dass sich einige Krankheiten als Flecken oder
Unregelmäßigkeiten in der Aura zeigen. So entwickelte er ein Diagnosesystem auf
der Basis von Farbe, Struktur, Umfang und allgemeinem Erscheinungsbild dieser
Hülle. Der Farbstoff Dizyanin, aus denen die Schirme bestanden, scheint die
Empfindlichkeit des Auges für ultraviolette Strahlung zu erhöhen, so dass viele
durch einen solchen Schirm hindurch die Umrisse eines Menschen als eine Art
schwach leuchtenden Nebel wahrnehmen können (Bischof, 1995). Der Parapsychologe
Arthur Ellison meint, dass durch die Dizyanin- Schirme nicht die Aura gesehen
wird, sondern nur die verzerrte Kontur des physischen Körpers (Ellison, 1988.)
Zur damaligen Zeit wurde die Theorie Kilners sowohl in medizinischen als auch in
okkulten Kreisen heiß diskutiert. Der Biologe Oscar Bagnall experimentierte
weiter mit dieser Technik und veröffentlichte 1937 das Buch „The Origins and
Properties of the human aura“ (Bagnall, 1970). Kilners Schirme konnten sich aber
als medizinisches Diagnoseinstrument nicht durchsetzen. Aura-Beschreibungen
tauchen im 20. Jhd. auch immer wieder in den Berichten von Heilern und
Sensitiven auf. Zum einen sind das Bücher und Autobiographien, die von den
Heilern selbst verfasst wurden, wie z.B. „Auras“ von Edgar Cayce oder „My life
as a search for the meaning of mediumship“ von Eileen Garrett (Cayce, 1945;
Garrett,1939). Außerdem gibt es noch einige Bücher die von Parapsychologen
geschrieben wurden, die sich mit diesen interessanten Persönlichkeiten befasst
haben, wie das Buch „Breaktrough to creativity“ von Shafica Karagulla
(Karagulla, 1967) oder „Realms of Healing“ von Stanley Krippner und Alberto
Villoldo (Krippner & Villoldo, 1976), indem sie u.a. ihre Forschungen mit dem
Heiler-Paar Olga und Ambrose Worrall darstellen. Auf die Aura-Darstellungen
dieser Publikationen wird hier aus Platzgründen nicht weiter eingegangen.
Die bekannte Sensitive Rosalyn Bruyere hat ein ganzes Buch über ihre Aura- und Chakrenbeobachtungen verfasst, das unter dem Titel „Chakra – Räder des Lichts“ auf deutsch erschienen ist (Bruyere, 1989). Im Anhang dieses Buches findet sich auch der Arbeitsbericht der „Rolfing-Studie“, die von Dr. Valerie Hunt an der Universität von Kalifornien in den 70er Jahren durchgeführt wurde. In dieser Studie wurde die Wirkung des Rolfings, einer Körpertherapie, auf Körper und Psyche untersucht. Während einer Rolfing-Sitzung wurde die Frequenz von Körpersignalen im unteren Millivoltbereich aufgezeichnet. Zu diesem Zweck wurden Elektroden aus Silber/Silberchlorid an der Haut angebracht. Gleichzeitig mit der Aufzeichnung der elektronischen Signale beobachtete Rosalyn Bruyere die Aura, sowohl des Rolfing-Therapeuten wie des Klienten. Sie berichtete fortlaufend, wie sich die Chakren und die Aura in Farbe, Größe und Energiefluss veränderten. Dem Bericht zufolge korrelierten die gemessenen Wellenformen und Frequenzen signifikant mit den Beschreibungen der Farbveränderungen der Aurasichtigen.
Erwähnenswert ist noch die von Dolores Krieger mit der aurasichtigen Heilerin Dora Kunz entwickelte Methode des „Therapeutic Touch“. Diese Methode wurde zu einem anerkannten Fachgebiet im Curriculum der Universität von New York und wird inzwischen in zahlreichen Kliniken angewendet. Beim Therapeutic Touch soll im Prinzip ein Heilungsprozess durch Handauflegen unterstützt werden (Benor, 1994). Bei diesen Aura-Darstellungen des 20. Jhd. geht es viel weniger um esoterische Aura-Konzepte, als um die pragmatische Anwendung dieser Konzepte in der Komplementärmedizin. Von Heilern und Sensitiven, die bei sich im Laufe des Lebens merkwürdige Fähigkeiten entdeckten, werden esoterische Konzepte aufgegriffen, um ein Weltbild zu finden, in das sie ihre Fähigkeiten einordnen können. Auf der anderen Seite versuchen Wissenschaftler, die von den Fähigkeiten der Sensitiven fasziniert sind, diese mit naturwissenschaftlichen Methoden und Theorien zu erklären. Dabei kommt es meist zu einer unsauberen Vermischung von Naturwissenschaft und Esoterik. In der Scientific Community wurden diese Forschungsergebnisse häufig heiß diskutiert, sie konnten sich aber meist kaum durchsetzen. Dies liegt zum einen wohl daran, dass die Untersuchungen zur Erforschung von Auren häufig Mängel und Unklarheiten aufwiesen, zum anderen an der Starrheit und Intoleranz des momentan gültigen wissenschaftlichen Weltbildes. Die Ansicht, dass das reduktionistisch-mechanistische Weltbild der modernen Wissenschaft ausgedient habe und daher ein Paradigmenwechsel in der Wissenschaft anstehen würde, ist aber wiederum ein bedeutendes Element der New Age-Bewegung (Capra, 1983; Ferguson, 1982; Kuhn, 1967). Mit diesem neuen Paradigma soll es nun möglich sein, naturwissenschaftliche Erkenntnisse und religiöse oder spirituelle Konzepte zu integrieren.
Wilhelm Reichs Orgonenergie und John Pierrakos „Core Energetik“:
Eine weitere wichtige Person der modernen Aura-Literatur ist John Pierrakos,
ein ehemaliger Mitarbeiter Wilhelm Reichs. Wilhelm Reich (1897-1957), Entdecker
der Orgon-Energie, wiederum gilt als Urvater der Körpertherapien. Er war davon
überzeugt, eine universelle Lebensenergie entdeckt zu haben, die er Orgon nannte
(Reich, 1981). Dieses Energiekonzept hat große Ähnlichkeit mit den Modellen
alter Kulturen, wie Ch´i und Prana und stellt quasi eine moderne Variante der
Konzepte Messmers und Reichenbachs dar, bei denen diese Lebensenergie
„animalischer Magnetismus“ bzw. „Od“ genannt wurde. Bei Wilhelm Reich heißt
diese Lebensenergie nun „Orgon“, mit Bezug auf die Begriffe Organismus und
Orgasmus. Reich, ein Schüler und enger Mitarbeiter Sigmund Freuds, war der
Auffassung, dass Freuds Libido-Energie nicht nur eine psychosexuelle Kraft sei,
sondern eine reale physikalische Größe. Dieses Orgon sei verantwortlich für die
körperliche und seelische Gesundheit eines Menschen. Sein psychologisches
Krankheitskonzept beruht auf dem Gedanken, dass psychische Traumata zu
Energieblockaden führen, die sich als körperliche Verspannungen äußern können.
In der Therapie sollen durch Körpertechniken und durch das Loslassen von
unterdrückten Emotionen, diese Energien wieder zum Fließen gebracht werden.
Es gibt gegenwärtig viele verschiedene körperorientierte Verfahren, die weit über die Grenzen der Esoterik populär sind. Neben Reichs Vegetotherapie gibt es u.a. die Konzentrative Bewegungstherapie, die Primärtherapie, Rolfing oder die Biodynamische Therapie, die sich alle von dem Ansatz von Reich ableiten und in denen durch Körperübungen seelische Blockaden gelöst werden sollen. Die Wirksamkeit mancher Verfahren wurde bereits wissenschaftlich nachgewiesen, obwohl die zugrunde liegenden Konzepte noch sehr umstritten sind (Federspiel, & Lackinger Kerger, 1996). Wilhelm Reich führte auch physikalische Experimente durch, um seine Theorie zu untermauern (Reich, 1997). Zum Teil wurden diese Experimente später wiederholt, um die Richtigkeit der reichschen Thesen zu überprüfen. Bei einer Replikation der „Arbeitsgruppe Orgon-Biophysik“ an der Freien Universität Berlin konnten zwar die gleichen Phänomene beobachtet werden, es zeigte sich aber, das die auftretenden Phänomene mit klassischen physikalischen Effekten erklärbar waren (Harrer & Rudolph, 1997). Im Gegensatz dazu werden von Anhängern der sogenannten Orgonomie verschiedene Experimente angeführt, die mit den Thesen von Wilhelm Reich übereinstimmen (Demeo & Senf, 1997). Wie bei vielen anderen grenzwissenschaftlichen Themen, stehen auch hier unterschiedliche Ansichten, die sich auf verschiedene Beweislagen gründen, gegenüber und es ist schier unmöglich, ein objektives Urteil zu fällen. Erschreckend ist allerdings, auf welch massive Feindseligkeiten Wilhelm Reich mit seiner Orgontheorie zu seiner Zeit in der Wissenschaft und Öffentlichkeit stieß. Im Laufe seiner turbulenten Lebensgeschichte war er bereits häufiger mit seinen provokanten Ansichten in große Schwierigkeiten geraten. Zu Beginn seiner Karriere in Wien in den 20er Jahren wurde er für seine Sexualtheorien massiv öffentlich kritisiert. Zusätzlich war dieses Enfant terrible Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs und versuchte, revolutionäre Ideen mit den Erkenntnissen der Psychoanalyse zu verbinden. Wegen seiner politischen Haltung wurde er 1933/34 aus der Internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft ausgeschlossen. Sein Ausschluss aus der Kommunistischen Partei erfolgte zur gleichen Zeit, da er ihnen zu psychologisch war – auch die Nazis verfolgten ihn wegen seiner Schriften und aus rassistischen Gründen. In den 50er Jahren feindete ihn schließlich sowohl die Wissenschaft wie die Öffentlichkeit in der USA wegen seiner Orgontheorie und -therapie an, was so weit führte, dass die Gesundheitsbehörde seine Apparate zerstören und seine wissenschaftlichen Arbeiten vernichten ließ. Reich starb 1957 im Gefängnis.
John Pierrakos, der wie gesagt ein Mitarbeiter von Wilhelm Reich war, hat ausgehend von Reichs Arbeiten ebenfalls eine eigene Körpertherapie entwickelt, die „Core-Energetik“ (Pierrakos, 1987). Pierrakos, der sich sehr für die verschiedenen Aurakonzepte interessierte, hatte zunächst mit den Schirmen von Walter Kilner (s.o.) experimentiert, bis er entdeckte, dass er die Aura auch ohne Hilfmittel sehen kann. In seinem 1987 veröffentlichten Buch „Core-Energetik“ ließ er seine sensitiven Beobachtungen von Auren und Energiefelder mit einfließen. In diesem Buch stellt er ein Aura-Modell vor, das wesentlich psychologischer und biologischer ausgerichtet ist, als zum Beispiel das Schema von Leadbeater. Bei ihm ist das indische Chakrensystem, dass er ebenfalls wahrnehmen konnte, in das Aura-System integriert. Er beschreibt verschiedene Pulsationsphasen und andere Bewegungsmuster der Aura und die energetischen Strukturen bestimmter, pathologischer Charaktertypen, wie schizoid, psychopathisch/aggressiv und rigid. In seinem Modell hat die Aura drei Schichten, die den Körper wie wolkenähnliche Hüllen umgeben. Diese Schichten bilden sich bei einem Kind erst im Alter von zwei bis drei Jahren. Die innerste Schicht ist sehr schmal und fast durchsichtig, diese nennt er das „Bioelektrische Feld“ oder auch „Ätherisches Doppel“. Sie hat ähnlich wie in anderen Aura-Modellen vor allem eine biologische Funktion und hängt mit der körperlichen Gesundheit eines Menschen zusammen. Die zweite Schicht ist 7 bis 10 cm breit. In ihr finden sehr komplizierte und komplexe Bewegungsmuster statt, die er ausführlich beschreibt. Diese Bewegungsmuster hängen mit den Emotionen eines Menschen zusammen. Die äußere Schicht ist in einem geschlossenen Raum gewöhnlich 15 bis 20 cm breit, kann sich aber im Freien bis zu mehreren Metern ausdehnen. In der Nähe des Meeres habe er sogar eine Ausdehnung von bis zu 30 Metern beobachtet. In dieser Schicht sieht er hauptsächlich Spiralen und Strudel. Mit Hilfe der Aura findet ein lebhafter Energieaustausch des Körpers mit der Umgebung statt. Bestimmte Gefühle oder Erfahrungen können diesen Energieaustauch blockieren. In seiner Therapie soll dem Klienten mit Hilfe von Massagen, Atemtechniken und bioenergetischen Körperpositionen ermöglicht werden, mit seinem „Core“, seinem innersten seelischen Kern, wieder in Verbindung zu kommen. Mit der Sensitiven Barbara Ann Brennan, die auch einen Aura-Bestseller geschrieben hat – dieses Buch heißt „Lichtarbeit“ – hat Pierrakos zusammengearbeitet. Gemeinsam haben sie Aura-Beobachtungen bei Therapiesitzungen gemacht (Brennan, 1989).
Pierrakos beschreibt die Veränderungen der Auren einer Gruppe bei einem
starken kommunikativen Austausch:
„Die Auren der Beteiligten erreichen dann mehr als 50 Pulsationen pro Minute und
bewegen sich bis zu den Decken und Wänden des Raumes. Dann passiert etwas ganz
Phantastisches: Die gesteigerte Bewegung bildet unter den Beteiligten eine
prachtvolle neue Energieformation, die sich wie ein Regenschirm über ihnen und
um sie herum ausbreitet. Es bildet sich ein neues Bewusstsein heraus, das mehr
ist als die Summe seiner Einzelbestandteile und das auch wieder spiralförmig in
die Beteiligten zurückfließt und sie durchströmt, als ungeteilter Energiefluss.
Jemand, der in der Mitte einer solchen Gruppe steht, kann diese neugebildete
Energie zwischen seinen Händen spüren.“ (Pierrakos, 1987, S. 74.) Faszinierend
sind auch die Aura-Beschreibungen von Barbara Ann Brennan während eines
Konzertes: „Betrachten wir zum Beispiel die Aura eines Sängers. Wenn er singt,
weitet sich seine Aura aus und hellt sich auf. Nach dem Einatmen, bevor er eine
neue Liedzeile beginnt, schießen helle Blitze und Funken schillernden
blauvioletten Lichtes nach außen. Nimmt die Aufmerksamkeit des Publikums zu,
dehnt sich seine Aura aus. Große Lichtbögen spannen sich vom Sänger zum Publikum
und beide Auren treten miteinander in Verbindung. Wenn Gefühle vom Sänger zum
Publikum fließen, entstehen gemeinsame Formen. Diese Energiebewusstseinsformen
drücken in ihrer Struktur und in ihrer Farbe die gemeinsamen Gedanken und
Gefühle der Gruppe aus, aber auch die Musik, die ertönt. Am Ende des Liedes
trennen sich die Formen wieder und werden durch den Applaus aufgelöst, der alle
Formen aus dem Feld löscht und es für den nächsten Akt freimacht.“ (Brennan,
1989, S. 174.) Die Core-Energetik als Therapieform wird durch ihre Hervorhebung
spiritueller Aspekte und ihre Nähe zur Esoterik-Szene von der akademischen
Psychologie äußerst skeptisch betrachtet. Aber die Aura-Beschreibungen von John
Pierrakos und Barbara Ann Brennan haben sicherlich die Vorstellungen der
interessierten Öffentlichkeit und vor allem der New Age- und Esoterik-Anhänger
durch ihre Popularität entscheidend beeinflusst.
Die Kirlian-Fotografie:
Die Kirlian-Fotografie, deren Grundmechanismus auf einer Entdeckung des
Physikers Lichtenberg um 1770 beruht, wurde in den dreißiger Jahren durch Semyon
Kirlian entwickelt (Bischof, 1995). Bei dieser Methode erdet man das Objekt,
z.B. Finger- oder Zehenkuppen einer Person oder ein Blatt, elektrisch. Eine
Gegenelektrode in unmittelbarer Nähe erhält eine so hohe Spannung (in der
Größenordnung von 100 Kilovolt), dass eine Funkenentladung von der Oberfläche
des Objektes zur Elektrode, auf der das Fotopapier liegt, stattfindet. So
entstanden ungewöhnliche Bilder, die wie farbige Energieausstrahlungen von
organischen Subjekten aussehen. Als das Phänomen zuerst publiziert wurde,
erklärten Enthusiasten, dass die Kirlians es geschafft hätten, die menschliche
Aura zu fotografieren, aber Skeptiker wiesen darauf hin, dass die Effekte auch
durch Feuchtigkeit oder ganz normale elektrische Artefakte beim Entwickeln oder
Kopieren der Bilder entstanden sein könnten. Um die Bedeutung der
Kirlianfotografie entfesselte sich ein hitzige Diskussion (Holroyd, 1991).
Besonders interessant war auch der sogenannte „Phantom leaf“ Effekt (Kouznetsov,
1998). Das Kirlian-Bild eines frisch gerupften Blattes, bei dem eine Ecke
abgerissen wurde, sah einem noch vollständigen Blatt sehr ähnlich, das heißt,
die Konturen des unvollständigen Blattes waren an der defekten Stelle nicht
unterbrochen. Dieser Effekt konnte aber nur sehr selten reproduziert werden. Die
Debatte um die Kirlian-Fotografie im Westen kam zwar zu keinem eindeutigen
Ergebnis, trotzdem wendeten sich seriöse Wissenschaftler von ihr ab. In anderen
Ländern, vor allem in Russland, wurde sie jedoch weiterverfolgt und wird dort
mittlerweile „Bioelektrographie“ genannt. Es zeigte sich, dass die
Kirlian-Bilder z.B. der Fingerkuppen mit dem gesundheitlichen und emotionalen
Zustand einer Person korrelieren. Auch wurde nach und nach klar, durch welche
Faktoren die sogenannte „Korona-Entladungen“ verursacht werden. Bei der
Entstehung der Bilder kommt es in erster Linie zu einer Gasentladung, die
entscheidend von der Elektrodenanordnung, aber auch durch die elektrische
Ladungsverteilung der Hautoberfläche des Organismusses ausgelöst wird. Es
zeichneten sich aber auch große Probleme bei der Interpretation und dem
Vergleich der Bilder verschiedener Forschungsarbeiten ab, die vor allem durch
die unstandardisierten Messanordnungen verursacht wurden.
Ausgehend von der Kirlian-Forschung der letzten 20 Jahre, hat Dr. Konstantin Korotkov von der Staats-Universität St. Petersburg die „Gas Discharge Visualisation technique (GDV)“, zu deutsch „Gas-Entladungs-Visualisations-Technik“, entwickelt (Korotkov, 1998). Mit diesem Gerät sollen viele der bisherigen Probleme der Kirlian-Fotografie vermieden werden. Wie bei der Kirlian-Technik, wird ein Hochfrequenzfeld um ein Objekt herum erzeugt, wodurch eine Gas-Entladung provoziert wird, die von einem Computer-Bildanalyse-Verfahren verarbeitet wird. Die Art der Gas-Entladung hängt von verschiedenen Parametern ab, wie z.B. den elektrischen Ladungen des Objektes, den Emissions-Eigenarten, den Gas-Verdampfungen, dem Energieaustausch mit der Umgebung usw. Korotkov ist davon überzeugt, dass es mit den GDV-Aufnahmen der Fingerkuppen möglich sei, eine umfassende Analyse des psycho-physiologischen Zustandes eines Menschen zu machen. Dabei stützt sich seine Interpretation zum Großteil auf computergesteuerte Analyseverfahren. Korotkov bezieht dabei auch die Methode der „Energetischen Terminalpunkt-Diagnose“ (ETD) des deutschen Heilpraktikers Peter Mandel mit ein. Nach den Vorstellungen der Traditionellen Chinesischen Medizin wird der ganze Körper von einem feinstofflichen Energiesystem, den Meridianen, durchzogen. Mandel betrachtet die Finger und Zehen als die Endpunkte (Terminalpunkte) der Akupunkturmeridiane. Aufgrund dieses Meridiansystems steht also jede Fingerkuppe mit verschiedenen Organen des Körpers in Verbindung. Mit den Kirlian-Fotos dieser Endpunkte soll es daher möglich sein, Aufschluss über die Bioenergetik des gesamten Organismus zu erhalten. Es wurden bereits umfangreiche Studien mit Sportlern bei Wettkämpfen, mit Krebskranken, mit Meditierenden, aber auch mit Leichen durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass die Eigenschaften der GDV-Aufnahmen mit den körperlichen und seelischen Zuständen der Testpersonen korrelierten. Bei den Experimenten mit Leichen fanden sich Zusammenhänge zwischen den GDV-Aufnahmen und der Todesart der Verstorbenen. Auch wurden mit diesem Messgerät Pflanzen, Lebensmittel, Wasser, Blut, sowie auch tote Objekte, z.B. Steine und Minerale, untersucht. Bei der GDV-Technik handelt es sich laut Korotkov um eine ganzheitliche Messung eines psycho-physiologischen Feldes. Dieses Feld stellt für ihn quasi die biophysikalische Basis der „Aura“ dar. Korotkov ist sehr darum bemüht, Kirlian-Forschungen in westlichen Ländern anzuregen und mit den Wissenschaftlern anderer Länder internationale Standards zu entwickeln, damit die verschiedenen experimentellen Ergebnisse miteinander verglichen werden können. Abschließend lässt sich sagen, dass Korotokov hervorragende Arbeit dabei geleistet hat, die Kirlian-Fotografie auf den neuesten technischen Stand zu bringen. Trotzdem sind die Grundlagen für diese Forschung noch völlig ungeklärt. Letztendlich weiß man immer noch nicht, was durch dieses Messinstrument nun tatsächlich gemessen wird (Persönliche Mitteilung von Marco Bischof, 16.5.2001).
Fritz Albert Popps Biophotonentheorie:
Alexander Gurwitsch hat 1922 zum ersten Mal an der Zwiebelwurzel festgestellt,
dass lebende Zellen ein Licht ausstrahlen. Dies wurde von Professor Fritz Albert
Popp 1975 mit modernsten Forschungsmethoden, und zwar dem Photomultipier, sowie
mittlerweile auch von vielen anderen Forschern, bestätigt. Bei dieser Strahlung
der Zellen handelt es sich um Photonen, also Lichtquanten, die von den Zellen
erzeugt werden. Diese Zellstrahlung wird auch „mitogenetische Strahlung“ oder
„ultraschwache Zellstrahlung“ genannt und ihre Existenz ist unbestritten.
Umstritten ist allerdings die Bedeutung dieser Zellstrahlung. Hierzu gibt es
zwei Positionen in der Wissenschaftswelt. Die einen sind der Meinung, es handle
sich bei der Strahlung um Chemilumineszenz, quasi ein Abfallprodukt der Zelle,
die anderen, zu diesem Lager gehört Popp, sind dagegen davon überzeugt, dass
diesem Licht eine wichtige biologische Funktion zukommt. Daher nennen sie dieses
Licht auch Biophotonen. Nach ihrer Hypothese ermöglicht dieses Licht
Informationsübertragungen zwischen den Zellen. Für die Biophotonen-Hypothese
spricht, dass das Licht, so wie das Licht eines Laserstrahls, hoch kohärent ist
und sich hervorragend zur Informationsübertragung eignen würde. Es wird
angenommen, dass das Licht Teil eines umfassenden Energiefeldes ist, das die
Lebensvorgänge im Körper steuert und reguliert und eventuell auch in einem
Informationsaustausch mit der Umgebung steht. Mit diesem Informationsfeld wäre
es nun auch möglich zu erklären, wie ein lebender Organismus zum Beispiel
Wachstums- oder Regenerationsprozesse steuern kann. Marco Bischof hat ein Buch
über die Biophotonenforschung geschrieben (Bischof, 1995). In diesem Buch weist
er auf die Ähnlichkeiten hin, die dieses Biophotonenfeld mit der „Aura“ der
Esoteriker hat. Auch in der Esoterik nimmt man an, dass es eine Gesundheitsaura
gibt, die biologische Prozesse steuert. Allerdings ist das Biophotonenfeld
nicht mit der Aura der Esoteriker gleichzusetzen, da es sich dabei um ein rein
elektromagnetisches Feld handelt. Auch ist völlig ungeklärt, wie dieses
Biophotonenfeld von einem Menschen wahrgenommen werden soll. Die
Biophotonenforschung beschäftigt sich auch mit der Entstehung von Krebs und
anderen Krankheiten, der Qualität von Lebensmitteln, dem Waldsterben und der
Informationsspeicherfähigkeit von Wasser. Ausgehend von der Biophotonentheorie
wird u.a. an einer Theorie zur Erklärung der Homöopathie gearbeitet. Es wurden
auch Biophotonenmessungen an den Fingern von Heilern gemacht. Es zeigte sich,
dass diese Heiler in der Lage waren, die Photonenabstrahlungen ihrer Hände
willentlich zu verstärken und dass diese Strahlungen deutlich höher waren als
die von normalen Testpersonen. Die Anhänger der Biophotonentheorie sind davon
überzeugt, dass ihr eine entscheidende Bedeutung bei der Erklärung der
Lebensprozesse zukommen wird. „Tatsächlich ist die Biophotonentheorie, die eine
Synthese verschiedenster Entwicklungen der modernen Physik und Biologie
darstellt, in der Lage, in einem bisher nicht gesehenen Maß im Rahmen der
geltenden physikalischen Gesetze ein in sich stimmiges und mit experimentell
ermittelten Tatsachen übereinstimmendes Modell des Lebensprozesses zu liefern.
Sie ist bis heute in keinem Punkt widerlegt und in vielen Punkten bestätigt
worden. Popp wies nach, dass elektromagnetische Felder die von der Wissenschaft
seit langem gesuchte formbildende und regulierende Instanz sein können, die
Atome, Moleküle, Zellen, Organe, ganze Organismen und selbst Gruppen von
Organismen nicht nur aufbauen und strukturieren, kommunikativ verbinden, steuern
und regulieren, sondern auch evolutionär weiterentwickeln.“ (Bischof, 1995,
S.400).
Außerdem wird vermutet, dass den Biophotonen eine Art Vermittlungsrolle
zwischen Geist und Materie beigemessen werden muss. Verschiedene Theorien (u.a.
David Bohms „implizite Ordnung“ oder Burkhard Heims sechsdimensionales
Weltmodell) „...schreiben den Photonen eine Schlüsselrolle als Mittler zwischen
Teilchen und messbaren physikalischen Schwingungen und einem Transbereich nicht
mehr messbarer, aber noch stofflicher, noch nicht geistiger Dimensionen zu.“
(Bischof, 1995, S. 410). „Seit der Entstehung der Quantenphysik, besonders aber
in den siebziger Jahren dieses Jahrhunderts, haben sich Physiker intensiver mit
möglichen Zusammenhängen zwischen Physik und Bewusstsein beschäftigt. Wie
Fechner3, der äußerte, Atome seien Zentren reiner
Energie und stellten die untersten Bausteine einer geistigen Hierarchie dar,
kamen viele von ihnen zu dem Schluss, dass zwar allen Teilchen in einem gewissen
Maße schon Bewusstsein oder eine bewusstseinnähnliche Qualität zukomme, dass
aber die Photonen die höchste Bewußtheit aller Teilchen besitzen.“ (Bischof,
1995, S. 411). Mit diesen Theorien bekommt das Biophotonenfeld noch größere
Ähnlichkeiten mit den Aura-Vorstellungen der Esoteriker, denn die Aura wird von
den Esoterikern als Vermittlungselement zwischen der höheren geistigen Ebene und
der grobstofflichen physischen Ebene betrachtet. Die Biophotonentheorie ist noch
weit davon entfernt, eine anerkannte Lehrmeinung zu sein, wird aber gegenwärtig
von vielen Wissenschaftlern verschiedener Länder diskutiert. Ob diese Theorie,
wie ihre Anhänger es vermuten, ein neues Paradigma in den Naturwissenschaften
einleuten wird, wird sich noch herausstellen.
3 Gustav Theodor Fechner (1801-1887) – deutscher Physiker und
Philosoph aus der „Göttinger Schule“. Von ihm und Ernst Heinrich Weber wurde das
„Weber-Fechnersche-Gesetz“, welches die Grundlage der Psychophysik darstellt,
aufgestellt. Mit diesem Gesetz war er maßgeblich an der Begründung der
experimentellen Psychologie beteiligt. 1843 wandelte er sich jedoch zu einem
mystischen Naturphilosophen (Bischof, 1995).
3. 2. Phänomenbeschreibung: Aura-Sehen
In Theorie Teil 1 wurde versucht darzustellen, was unter dem Begriff „Aura“ zu verstehen ist und dass die Vorstellung einer feinstofflichen Ausstrahlung des Körpers eng mit der Idee einer universellen Lebensenergie verknüpft ist. Neben den Beschreibungen der Aura und ihren Funktionen in verschiedenen Kulturen und in der Esoterik, wurden auch moderne wissenschaftliche Erklärungsansätze erläutert. Im zweiten Theorie-Teil geht es nun um das Phänomen des Aura-Sehens.
3. 2. 1. Psychophysiologische Betrachtungen
Wahrnehmungstäuschung:
Ausgehend von den immer wieder auftretenden Berichten von Aura-Wahrnehmungen und
den Heiligen-Schein-Bildern in der christlichen Ikonographie, entwickelten auch
Wahr-nehmungsexperten Theorien über das Aura-Sehen, um dieses Phänomen als
Wahrnehmungstäuschung zu erklären. Wenn man z.B. ein bärtiges Gesicht vor einem
weißen Hintergrund ein Weile unbewegt anstarrt, sieht man an dessen Rändern
zarte Lichterscheinungen, die in die Umgebung ausstrahlen. Es handelt sich dabei
um das helle Nachbild des dunklen Kopfes. Dieses Bild stammt aus einem Artikel
des „Skeptikers“ aus dem Jahr 1999. In diesem Artikel erklärt Rainer Wolf
Aura-Wahrnehmungen als eine Wahrnehmungstäuschung, die von den ständigen
Zitterbewegungen des Auges verursacht werden (Wolf, 1999). Da das menschliche
Auge nur Dinge sehen kann, die sich bewegen, muss das Auge bei unbewegten
Objekten selber für Bewegung sorgen. Es zittert, so dass sich die Netzhaut unter
dem ruhenden Bild hin und her bewegt, bis zu 50-mal in der Sekunde. Eine normale
Kamera ergäbe, auf diese Weise eingesetzt, ein verwaschenes, unscharfes Bild.
Das Auge hingegen erreicht durch diese Interpolation eine Sehschärfe, die ein
ruhendes Auge nicht realisieren könnte. Durch diese Zitterbewegungen des Auges
sieht man nun bei Betrachtung des bärtigen Gesichtes das vergrößerte Nachbild
des Kopfes, ähnlich wie eine Aura.
In einem Artikel der renommierten Zeitschrift „Perceptual and Motor Skills“ von 1978 geben Dale, Anderson und Wyman eine ähnliche Erklärung für die farbigen Lichterscheinungen (Dale, Anderson & Wyman, 1978). Sie beschreiben das Phänomen als eine Mischung aus Nachbild und Grenzkontrasteffekt. Zur Darstellung des Grenzkontrastphänomens wurde das bekannte Hermann-Gitter entworfen. Bei einem weißen Gitter auf schwarzem Grund sieht man in den weißen Kreuzen schwarze Punkte. Allerdings sieht man sie nur, wenn man nicht auf die Knotenpunkte fokussiert. Umgekehrt sieht man bei einem scharzen Gitter auf hellem Grund weiße Punkte in den Kreuzen. Dieses Phänomen resultiert von der lateralen Hemmung der Retina-Zellen. Diese Zellen sind in Reihen angeordnet und wenn nur einzelne Zellen gereizt werden, kommt es automatisch zu Hemmungen der nebenan liegenden Zellen. Bei der Betrachtung eines Kopfes vor einem hellen Hintergrund, kann es zu so einem Grenzkontrasteffekt kommen. Dass die Auren meist farbig gesehen werden, erklärt sich durch farbige Nachbilder, die man auf einem nichtfarbigen, hellen Hintergrund sehen kann. Die Autoren haben hierzu auch ein Experiment durchgeführt, bei dem sie Collegestudenten farbige Dias mit den Umrissen eines Oberkörpers zeigten. Die Hypothese der Forscher bestätigte sich, da die Versuchspersonen auf den Dias einen gegenfarbigen Lichtschimmer um die Konturen herum wahrnahmen. Mit diesen Theorien, die Aura-Wahrnehmungen als Wahrnehmungstäuschungen beschreiben, können zwar vereinzelte Auraphänomene plausibel erklärt werden, aber nicht die komplexen Aura-Beschreibungen, wie man sie in der esoterischen Literatur findet. John Pierrakos (s.o.) z.B. beschreibt seine Aura-Wahrnehmungen nicht einfach als farbigen Lichtschimmer, sondern als mehrschichtig, mehrfarbig und pulsierend. Auch kann mit der Wahrnehmungstäuschungshypothese nicht erklärt werden, warum Aura-Wahrnehmungen für die betreffenden Personen so überaus bedeutungshaltig sind.
Halluzination:
Halluzination ist ein Sammelbegriff, mit dem viele, sehr unterschiedliche
Phänomene zusammengefasst werden. Im engeren Sinne wird darunter verstanden:
Wahrnehmungsähnliche Eindrücke von Objekten, die nicht objektiv vorhanden sind.
Bei einer echten Halluzination liegt kein sensorischer Input vor. Dies ist der
Unterschied zu Synästhesien, denn bei Synästhesien ist ein äußerer Reiz
vorhanden – er wird aber anders verarbeitet (Synästhesien werden weiter unten
beschrieben). Halluzinationen können als psycho-physiologische Phänomene
betrachtet werden, da sie in der Regel in Zusammenhang mit biochemischen
Fehlfunktionen auftreten, ausgelöst durch: sensorische Deprivation, Fieber,
sexuelle Abstinenz, Drogen, Vergiftungen, Fasten u.a. Sie können aber auch durch
Suggestion ausgelöst werden, wie z.B. bei einer Hypnose. Bei einer echten
Halluzination ist der Halluzinierende der Überzeugung, dass das Objekt
„wirklich“ existiert. Andernfalls wird von einer Pseudohalluzination gesprochen.
Akustische Halluzinationen treten häufig bei Schizophrenien auf. Dass
Halluzinationen pathologisiert werden, hängt aber mit dem kulturellen Kontext
westlicher Gesellschaften zusammen. Im Gegensatz dazu werden in anderen Kulturen
Halluzinationen, bzw. Visionen, im Rahmen von Ritualen angestrebt. Allerdings
handelt es sich bei Visionen in der Regel um Pseudohalluzinationen (Zusne,
Warren & Jones, 1982).
In der älteren psychiatrischen Literatur wurden sämtliche mystischen, religiösen
oder paranormalen Phänomene, die mit einem wahrnehmungsähnlichen Eindruck
zusammenhingen, als Halluzinationen bezeichnet. Damit wurde allerdings eine
ernsthafte Auseinandersetzung mit diesen bedeutenden Bestandteilen menschlichen
Erlebens von vornherein ausgeschlossen. Dass die psychiatrischen Daten zu diesen
Phänomenen heute noch äußerst lückenhaft sind, ist eine Folge dieser
Herangehensweise. Aura-Sehen als ein halluzinatorisches Phänomen zu beschreiben,
macht im Prinzip keinen Sinn, da Aura-Wahrnehmungen ja nur im Zusammenhang mit
einem äußeren Reiz, einer Person, um die sie herum wahrgenommen wird, auftreten.
Synästhesie:
Wesentlich vielversprechender sind Hypothesen, die das Aura-Sehen mit einer
synästhetischen Wahrnehmung vergleichen. Unter Synästhesie versteht man ein
Doppelempfinden. Gemeint ist das Mitempfinden des einen Sinnes bei Reizung des
anderen. Z.B.: audition colorée: Ein Ton wird gehört und zugleich als Farbe
wahrgenommen. Ein anderes typisches Beispiel für Synästhesie ist das Schmecken
von Farben. Obwohl dieses Phänomen uralt ist, wurde es lange Zeit von der
modernen Wissenschaft ignoriert. Mittlerweile ist aber bekannt, dass dieses
Mitempfinden eines anderen Sinnes in allen möglichen Kombinationen auftreten
kann.Wenn man von fünf Sinnesmodalitäten ausgeht, nämlich Sehen, Hören, Fühlen,
Riechen und Schmecken, gibt es insgesamt zehn Kombinationen. Aber da die
synästhetische Wahrnehmung nur in eine Richtung verläuft, ergibt das zwanzig
mögliche Kombinationen. Ein Wissenschaftler, der sich sehr um die Erforschung
dieses Phänomens verdient gemacht hat, ist Richard E. Cytowic. Er unterscheidet
Synästhesien von bloßen Assoziationen, da die Forschungen gezeigt haben, dass es
sich bei Synästhesien um einen rein rezeptiven Vorgang handelt. Synästhesien
sind auch von Halluzinationen zu differenzieren, da hier ein äußerer Reiz
vorliegt, während es sich bei Halluzinationen um sinnesähnliche Eindrücke
handelt, ohne dass äußere Reize vorhanden sind (Cytowic, 1989). Nur ein kleiner
Prozentsatz der Bevölkerung berichtet von synästhetischen Wahrnehmungen. Aber
man nimmt mittlerweile an, dass jeder Mensch die Veranlagung hat zur
kreuzmodalen Verarbeitung, denn Untersuchungen mit der psychedelischen Substanz
L.S.D. haben gezeigt, dass dieses Wahrnehmungsphänomen bei fast jeder Person
durch Einnahme dieser Droge induziert werden kann. Cytowic nimmt an, dass es
sich bei der synästhetischen Wahrnehmung um einen Atavismus handelt, der bei den
Nichtsynästhetikern , also den meisten Menschen, abhanden gekommen ist. Hierfür
spricht auch die These der Hirnforscher, die die physiologische Ursache für
Synästhesien in einer Anomalie der dendritischen Verknüpfungen im lymbischen
System, genauer im Hippocampus, vermuten. Das lymbische System ist
entwicklungsgeschichtlich wesentlich älter als der Kortex, dem Sitz des
Bewusstseins.
Dass zwischen synästhetischen und paranormalen Eindrücken ein Zusammenhang
besteht, wurde schon von dem Mitglied der „Society of psychical research“
Frederic Mysers 1903 vermutet: „Die Synästhesie...verbindet die Wahrnehmung des
Menschen womöglich auf ungeahnte Weise mit seiner physischen und seiner
transzendentalen Umgebung“ (Myers, 1903, Vol. 2, S. 270, Übersetzung des
Autors.) Auch Cytowic berichtet in seinem Buch „Synaethesia: A union of the
senses“ von seiner Beobachtung, dass Synästheseten überdurchschnittlich häufig
von paranormalen Erlebnissen und Wahrnehmungen erzählen (Cytowic, 1989).
Duplessis, eine weitere Forscherin, die einen Zusammenhang zwischen Synästhesie
und ASW (= außersinnlichen Wahrnehmungen) vermutet, stellte eine Liste der
Gemeinsamkeiten dieser beiden Phänomene auf (Duplessis, 1966). Ihr zufolge haben
beide Phänomene gemeinsam, dass sie:
• spontan auftreten;
• möglicherweise vererblich sind;
• häufiger in Entspannungszuständen auftreten;
• bei emotionalem Inhalt intensiver sind;
• vor allem visueller Natur sind;
• einen Bezug haben zu Kreativität;
• und zu Erinnerungsprozessen.
Eine besondere Gemeinsamkeit zwischen Synästhesie und Aura-Sehen besteht darin, dass beide Phänomene künstlich durch die Einnahme psychedelischer Substanzen induziert werden können. (Cytowic, 1989; Tart, C.T. 1970.) J.H.Kenneth stellt 1933 in einem Artikel im „British Journal of medical psychology“ eine interessante Theorie auf, nach der das Aura-Sehen womöglich eine synästhetische Wahrnehmung von olfaktorischen Reizen ist, die als Farben gesehen werden (Kenneth, 1932). Ausgehend von der Beobachtung, dass im Tierreich über Geruchsreize sexuelles und soziales Verhalten, und zwar über Pheromone, gesteuert wird, vermutet Kenneth, dass Pheromone eventuell auch auf das menschliche Verhalten einen unbewußten Einfluss haben könnten. Es wäre denkbar, dass Aurasichtige auf diese Weise über subliminale olfaktorische Reize, die sie bewusst als visuelle Eindrücke wahrnehmen, Informationen über den gesundheitlichen und emotionalen Zustand einer Person erhalten. Der Parapsychologe Carlos S. Alvarado hat diese Theorien über den Zusammenhang zwischen Synästhesie und Aura-Sehen oder paranormale Wahrnehmungen wieder aufgegriffen und eine Fragebogenstudie mit Studenten der University of Virginia durchgeführt (Alvarado, 1994). Es zeigte sich ein signifikant, positiver Zusammenhang zwischen Synästhesie und paranormalen Erfahrungen.Obwohl noch völlig ungeklärt ist, wie dieser Zusammenhang zwischen Synästhesie und Aura-Sehen aussehen soll, ist das Interessante an dieser Theorie, dass das Aura-Sehen damit nicht als ein rein halluzinatorisches Phänomen betrachtet wird. Die Wahrnehmungen der Aurasichtigen würden damit auf echte Sinneseindrücke zurückzuführen sein, die allerdings auf ungewöhnliche Art und Weise verarbeitet werden. Die weite kulturelle Verbreitung dieses Phänomens und die enorme Bedeutsamkeit für die Betroffenen, machen die These, dass das Aura-Sehen nichts weiter als eine Halluzination oder eine Wahrnehmungstäuschung sei, eher unwahrscheinlich.
3. 2. 2. Psychiatrische Phänomene
Auch in der psychiatrischen Forschung sind verschiedene Phänomene bekannt, die eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Aura-Sehen aufweisen. Im Folgenden werden die „Migräne-Aura“, das „Charles Bonnet Syndrom“ und Halluzinationen im Zusammenhang mit „Schizophrenie“ kurz dargestellt.
Migräne-Aura:
Die sogenannte „Migräne-Aura“ ist ein relativ gut erforschtes Phänomen der
psychiatrischen Forschung. Bei diesem Phänomen erleben manche Migränepatienten
spontane visuelle Halluzinationen, die einer Migräne-Attacke vorausgehen. Es
handelt sich dabei um neurologische Reiz- und Ausfallerscheinungen, die in ihrer
Heftigkeit und Fremdartigkeit die folgenden Kopfschmerzen oftmals übertreffen.
Viele Migränepatienten, die zum erstenmal eine Aura erleben, wissen nicht, was
mit ihnen geschieht. Sie bekommen Angst, etwas ungeheuer Befremdliches ginge in
ihnen vor (Sacks, 1994). Die Patienten erleben einen sichelförmigen
Gesichtsfeldausfall, dessen Rand an einer Seite an „spätbarocke Festungswälle
von Städten“ erinnert, die sogenannte Fortifikation. Begleitet wird dieser
Eindruck von einem flimmernden Farbenspiel mit geometrischen Mustern. Die
Wissenschaftler der Abteilung Biophysik der Otto-von-Guericke Universität und
die Forschergruppe „Visuelle Entwicklung und Plastizität“ des Leibnitz-Institut
für Neurobiologie in Magdeburg beschäftigen sich mit diesem Phänomen (Dahlem,
2001). Dieses interessante Phänomen weist aber, außer dem Namen und der
Tatsache, dass es ebenfalls vor allem visueller Natur ist, keinen direkten Bezug
zum Aura-Sehen auf.
Charles Bonnet-Syndrom:
Ein anderes psychiatrisches Phänomen, das als „Charles Bonnet Syndrom“ bekannt
ist, weist ebenfalls gewisse Bezüge zu paranormalen Wahrnehmungen auf. Bei
diesem nach dem Schweizer Naturforscher Charles Bonnet benannten Syndrom, kommt
es zu sogenannten positiven spontanen visuellen Phänomenen (PSVP). Die
Betroffenen sehen z.B. überall bunte Blumen blühen und eine Frau berichtete, sie
werde stets von zwei Kindern in viktorianischer Kleidung begleitet. Unbelebte
Objekte sind relativ selten, am häufigsten sind Personen oder körperlose
Gesichter. Die Visionen sind manchmal verschwommen oder durchscheinend, manchmal
erscheinen sie jedoch auch schärfer und klarer als die Wirklichkeit. Sie treten
bei Läsionen im Bereich der gesamten Sehbahn vom Auge bis zur Sehrinde auf und
werden als Deprivations- oder Release-Phänomen verstanden, ausgelöst durch
fehlende sensorische Stimulationen der visuellen Assoziationsareale
(Phantom-Bilder) (Vaphiades, Celesia & Brigell, 1996).Der Psychiater Dominic
ffytche meint, anhand des CB-Syndroms paranormale Wahrnehmungen auf
neurologische Ursachen reduzieren zu können. Sicherlich können in diesem
Zusammenhang auch auraähnliche Wahrnehmungen auftreten, aber da von den
bekannten Aurasichtigen keine visuellen Ausfallerscheinungen bekannt sind, kommt
diese Erklärungsmöglichkeit nicht in Frage.
Schizophrenie:
Das visuelle Halluzinationen ein typisches Symptom von Schizophrenien oder
Psychosen sei, ist ein weit verbreiteter Irrtum. In erster Linie sind es
akustische Halluzinationen, von denen Schizophrene geplagt werden, obwohl auch
das bekannte „Stimmen hören“ sehr viel häufiger auftritt, ohne das eine
schizophrene Symptomatik vorliegt. Trotzdem gibt es Hinweise auf auraähnliche
Wahrnehmungen, wie dies z.B. in den Bildern des „schizophrenen“ Künstlers Louis
Wain angedeutet wird. Um Aura-Sehen von Schizophrenien zu differenzieren, werden
im Folgenden die acht Hauptsymptome der schizophrenen Symptomatik gemäß des
international anerkannten Diagnosesystems ICD-10 (International statistical
classification of disease, injuries and causes of death) aufgelistet (Dilling,
Mombour & Schmidt, 1993):
• Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung oder Gedankenentzug,
Gedankenausbreitung.
• Kontrollwahn, Beeinflussungswahn, Gefühl des Gemachten bzgl. Körperbewegungen,
Gedanken, Tätigkeiten oder Empfindungen; Wahnwahrnehmungen.
• Kommentierende oder dialogische Stimmen.
• Anhaltender, kulturell unangemessener und völlig unrealistischer Wahn.
• Anhaltende Halluzination jeder Sinnesmodalität.
• Gedankenabreißen oder Einschiebungen in den Gedankenfluss.
• Katatone Symptome wie Erregung, Halterungsstereotypien, Negativismus oder
Stupor.
• „Negative“ Symptome wie auffällige Apathie, Sprachverarmung, verflachte oder
inadäquate Affekte.
Halluzinationen sind also nicht die Hauptsymptomatik einer Schizophrenie und nur wenn dieses Symptom in Zusammenhang mit anderen Symptomen auftritt, kann man von einer Schizophrenie sprechen. Da paranormale und spirituelle Phänomene bisher kaum Gegenstand psychiatrischer Forschung waren, sind sich viele Psychiater und Psychologen nicht darüber bewusst, dass diese Phänome von den traditionellen psychischen Störungen zu differenzieren sind. Dabei kann es zu fatalen Fehldiagnosen kommen, wenn Personen mit paranormalen Wahrnehmungen als schizophren klassifiziert werden. Es gibt Berichte von Personen, die während einer spirituellen Krise aufgrund einer falschen Diagnose in eine geschlossene Anstalt eingeliefert und unter Drogen gesetzt wurden (Grof & Grof, 1989). Durch solch ungünstige Behandlungen können eventuell psychische Störungen erst ausgelöst werden.
3. 2. 3. Sensitivität
Es ist eine verbreitete Vorstellung, dass Auren nur von besonderen Menschen gesehen werden. Diese Menschen sollen die Fähigkeit haben, feinstoffliche Phänomene wahrnehmen zu können und werden als „Sensitive“ oder „Medien“ bezeichnet. Auch die Beschreibungen der Chakren in den Upanishaden beruhen auf den Beobachtungen von sogenannten „Sehern“, also Menschen, die die Fähigkeit haben, andere Realitätsebenen zu „sehen“ (Flood, 1998).
Jakob Bösch definiert Sensitivität folgendermaßen:
„Sensitivität ist ein Sammelbegriff für die über rationales Denken und Lernen
hinausgehende Fähigkeit, über verschiedene Kanäle unmittelbares Wissen zu
erlangen, das den normalen menschlichen Sinnen unzulänglich ist. Ein solches
Wissen kann mit quasisinnlichen Eindrücken verschiedenster Art verbunden sein.
Es wird als Vorahnung, Intuition, Hellsichtigkeit, sechster Sinn, als
übersinnliche Fähigkeit oder als außersinnliche Wahrnehmung bezeichnet.“ (Bösch,
1999, S.244) Da also alle übersinnlichen Fähigkeiten unter dem Sammelbegriff
„Sensitivität“ zusammengefasst werden, können Schamanen, Magier, Hexen, Yogis
u.v.m. als sensitiv bezeichnet werden. Somit ist der Begriff Sensitivität nicht
zu trennen von spirituellen oder magischen Vorstellungen und ist so alt wie die
Menschheitsgeschichte. Häufig wird Sensitivität mit dem Begriff Medialität
gleichgesetzt. Doch obwohl die beiden Phänomene eng miteinander verknüpft sind,
macht es Sinn die beiden Begriffe zu unterscheiden. In der „Encyclopedia of
Occultism & Parapsychology“ wird als „Medium“ eine Person verstanden, die sich
von dem Geist eines Verstorbenen „kontrollieren“ oder „führen“ lässt. Das Medium
stellt sich sozusagen einem Geist zur Verfügung, damit dieser durch ihn mit der
diesseitigen Welt kommunizieren kann. Es gibt dabei Parallelen zum Phänomen der
Besessenheit, wie dies z.B. in dem Hollywood-Streifen „Der Exorzist“ gezeigt
wird, unterscheidet sich aber davon, da die Kommunikation mit dem Einverständnis
des menschlichen Mediums stattfindet. Sensitive hingegen sind Menschen, die über
eine besondere Sensibilität für die feinstoffliche, jenseitige oder spirituelle
Welt oder Sphäre verfügen, ohne dass sie dabei von den Geistern Verstorbener
kontrolliert werden (Melton, 1996). Carl Freiherr von Reichenbach hat z.B.
Experimente mit sensitiven Personen durchgeführt, die das Od-Licht als farbigen
Schimmer um den Körper herum wahrnehmen konnten (s.o.). Die Adjektive „sensitiv“
und „medial“ wurden vermutlich erst im Verlaufe der Mesmerismus- und
Spiritismus-Welle im 19. Jhd. geprägt und haben auch in diesem Zusammenhang eine
besondere Bedeutung.
Die Mesmerismus-Welle wurde ausgelöst durch Franz Anton Mesmers Entdeckung des „animalischen Magnetismus“ (siehe oben) (Faivre, 1996). Ausgehend von der Annahme eines universellen Kraftfluidums wurden sogenannte „Zirkel“ veranstaltet, bei denen die Teilnehmer im Kreis um einen Tisch herum saßen und sich gegenseitig an den Händen hielten. Dabei sollte dieses Kraftfluidum von den Gesunden zu den Kranken geleitet werden. Außerdem wurden Personen, die zuvor in einen „magnetischen“ Schlaf versetzt wurden, auch „Somnabule“ genannt, über Krankheitsursachen oder übernatürliche Dinge befragt. Dabei handelte es sich meistens um weibliche Medien. Der Spiritismus, der wie gesagt, eng mit dem Mesmerismus zusammenhängt, hat seinen Ausgangspunkt im Jahr 1847, als das Buch „The principles of revelation“ von Andrew Jackson Davis in den USA erschien. Ein Jahr später kam es zu den merkwürdigen Ereignissen in Hydesville, USA, bei denen die Fox Schwestern mittels Klopfsignalen Kontakt mit einem Geist aufnahmen (siehe oben). Die Spiritismus-Welle erfasste sehr bald Europa und fand Millionen von Anhängern. Die mesmeristischen Methoden und Vorstellungen vermischten sich mit den spiritistischen Ideen. Bei Séancen saßen die Teilnehmer zusammen mit einem Medium in einem abgedunkelten Raum im Kreis und hielten sich bei den Händen. Mit Hilfe bestimmter Rituale sollte nun der Kontakt zu einem Geist hergestellt werden, welcher entweder durch das Medium kommunizierte oder sich über Geräusche oder die Bewegung bestimmter Gegenstände äußerte. Das bekannte Tische- und Gläserrücken hat hier seinen Ursprung.
Es wurden „physische“ Medien von „mentalen“ Medien unterschieden. Physische
Medien vermochten es, physische Gegenstände zu bewegen, z.B. Tische oder den
Körper des Mediums in die Luft zu heben (Levitation), Musikinstrumente zu
spielen oder versiegelte Wachstafeln zu beschreiben. Mentale Medien stellten
eine Verbindung zu Verstorbenen über ihre Stimme oder durch das sogenannte
„automatische Schreiben“ her. Dabei wurden teilweise Informationen übermittelt,
die angeblich nur den Verstorbenen, nicht aber den Teilnehmern der Séance,
bekannt waren.
Die vielen phantastischen Phänomene, die in dieser Zeit berichtet wurden,
aufzuzählen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Es sollte aber noch
erwähnt werden, dass eine Gruppe renommierter Wissenschaftler im Jahre 1882 auf
den Plan gerufen wurde, diese paranormalen Phänomene zu erforschen und
aufzuklären. Die Gründung der „Society of psychical research“ (SPR) gilt als
Startschuss der Parapsychologie. Die Mitglieder der SPR publizierten bis ins 20.
Jhd. hinein eine enorme Menge an Berichten von Feldforschungen, in denen viele
mysteriöse Phänomene nun dokumentiert und zum Teil auch enlarvt wurden. So
konnte manch mysteriöses Ereignis, wie die berühmten Levitationen, als
raffinierte Trickbetrügereien aufgedeckt werden. Aber einige Fälle, wie zum
Beispiele die Phänomene des bekannten Mediums Daniel Douglas Home (1833-1886),
zu dessen Repertoire das Geisterklopfen, Levitationen, Körperdehnungen
(Longitudination) oder Umgang mit dem Feuer – so wurde von ihm berichtet, dass
er seinen Kopf in glühende Kohlen gelegt haben soll – konnten bis heute nicht
aufgeklärt werden, obwohl Homes sich bereitwillig unter streng kontrollierten
Bedingungen von vielen berühmten Mitgliedern der SPR untersuchen ließ (Rogo,
1976). Ausgehend von diesen Feldforschungen wurden von verschiedenen Mitgliedern
der SPR nun Theorien zu diesen Phänomenen entwickelt. Die Thesen der
Spiritisten, dass die Seele nach dem Tod weiterleben würde und aus dem Jenseits
heraus mit Hilfe von Medien Botschaften übermitteln könnte, wurden natürlich für
mehr oder weniger absurd gehalten. Viel mehr nahm man an, dass es sich bei den
geisterhaften Kommunikationen während der Séancen um Offenbarungen des
Unbewussten handelte (Melton, 1996). Mit dieser Theorie konnte aber nicht
erklärt werden, wie diese Informationen in das Unbewusste der mentalen Medien
gelangt waren. Auch konnten damit ja auch nicht die vielen physikalischen
Levitations- oder Bewegungsphänomene aufgeklärt werden. Daher nahmen die
Mitglieder der SPR an, dass eine noch unbekannte psycho-physikalische Kraft
existieren müßte, auf die diese Phänomene zurückzuführen seien. So wurde
beschlossen, sich auf die Erforschung dieser Kraft zu konzentrieren und
qualitative Forschungen zu vernachlässigen.
Das erste umfangreiche, experimentelle Forschungsprogramm zur Erforschung dieser Kraft wurde von J.B. Rhine (1895-1980) Anfang der 30er Jahre an der Duke University geleitet. Um die Parapsychologie von ihrer obskuren Atmosphäre zu befreien, führte er Psi-Experimente unter streng kontrollierten Laborbedingungen durch. Dabei verzichtete er auch auf besonders „begabte“ Versuchspersonen. Die statistisch ausgewerteten Ergebnisse seiner Untersuchung zeigten, dass auch „normale“ Versuchspersonen mit einem zwar schwachen, aber immerhin signifikanten Effekt, bestimmte Spielkarten vorhersagen oder das Fallen von Würfeln mit „Psi-Kräften“ beeinflussen konnten. Durch die Rhineschen Experimente wurde die parapsychologische Forschung des 20. Jhd. maßgeblich beeinflusst. Im Mittelpunkt dieser Forschung stand von nun ab die Erforschung paranormaler Phänomene im Labor mit „normalen“ Versuchspersonen. Die Parapsychologie entfernte sich also immer mehr von Medien und Sensitiven als Forschungsobjekten und konzentrierte sich auf das Psi-Phänomen.
Dabei hat sich die Einteilung der Phänomene in „Außersinnliche Wahrnehmung“
und „Psychokinese“ durchgesetzt.
„Zur außersinnlichen Wahrnehmung (ASW) zählen:
• „Telepathie“ als Übertragung von psychischen Inhalten von einer Person auf
eine andere, ohne dass dabei bekannte Kommunikations- und Sinneskanäle benutzt
werden können.
• „Hellsehen“ als das Erfassen von objektiven Sachverhalten, die niemandem
bekannt sind – beispielsweise das richtige Erkennen der Reihenfolge zuvor
gemischter Spielkarten.
• „Präkognition“ als „Erkennen“ zukünftiger Vorgänge, die rational nicht
erschließbar sind und auch nicht aus einem Vorauswissen resultieren können –
wie die Reihenfolge von Karten, bevor sie gemischt werden.
Unter „Psychokinese“ (PK) versteht man die willentliche Beeinflussung physikalischer oder biologischer Systeme, ohne dass solche Effekte durch bekannte naturwissenschaftliche Gesetze verstanden werden können: Kann der individuelle Wille beispielsweise den Fall der Würfel vorherbestimmen? Oder hilft Beten anderen, fremden Menschen, wieder gesund zu werden?“ (Amm & Geyer, 2000a, S.62). Im Zuge der Forschung und vor allem durch die Metaanalysen des Vorsitzenden der Parapsychological Association, Dean Radin, verdichtete sich die Beweislage, dass es sich bei dem Psi-Effekt um einen zwar schwachen, aber statistisch robusten Effekt handelt, der nicht so einfach von der Hand zu weisen ist (Radin, 1997). In der experimentellen Psi-Forschung wurden aber nicht nur „normale“ Versuchspersonen getestet, es tauchten auch immer wieder sogenannte „Psi-Stars“ auf, z.B. Pat Price, der mit dem Physiker Russel Targ zusammenarbeitete (Targ, 1977), oder der Sensitive Gérard Croiset, der von W.H.C. Tenhaeff von der Universität Utrecht untersucht wurde (Tenhaeff, 1953). Verschiedene Parapsychologen bemühten sich darum, Persönlichkeitsmerkmale von Versuchspersonen, die bei Psi-Experimenten überdurchschnittlich gute Trefferquoten erzielten, aufzudecken. Gertrude Schmeidler von der City University of New York untersuchte 1942 die persönliche Einstellung von Testpersonen bei ASW-Experimenten. Dabei führte sie die Einteilung der Versuchspersonen in „Schafe“ und „Böcke“ ein. Als „Schafe“ bezeichnete sie diejenigen, die ASW für möglich halten, als „Böcke“ dagegen die, für die ASW nicht denkbar ist. In ihren umfangreichen Versuchsreihen erzielten die Schafe, wie erwartet, überdurchschnittlich bessere Trefferquoten. Interessanterweise waren die Trefferleistungen der Böcke signifikant unter der Zufallswahrscheinlichkeit, was als unbewusste Sabotage ihrer eigenen ASW-Fähigkeiten interpretiert wurde. Die Böcke verfügten also über die gleichen Psi-Fähigkeiten wie die Schafe, setzten sie aber dafür ein, schlechtere Ergebnisse zu erzielen (Eysenck & Sargent, 1984). Der Persönlichkeitspsychologe Hans J. Eysenck befasste sich ebenfalls mit dem Zusammenhang von Persönlichkeitseigenschaften und Psi. In verschiedenen Untersuchungen konnten signifikante Korrelationen zwischen hohen Extraversionswerten und ASW-Effekten, sowie Zusammenhänge zwischen niedrigen Neurotizismus-Werten und ASW-Effekten nachgewiesen werden. Eysenck zog daraus den Schluss, dass Personen, die 1.) Psi-Effekte für möglich halten, 2.) extrovertiert sind und 3.) weniger neurotisch sind, eine besondere Begabung haben für außersinnliche Wahrnehmungen. Da aber mittlerweile bekannt ist, dass die experimentell erfassten Persönlichkeitsmerkmale stark von dem momentanen Zustand einer Person abhängig sind, konnten sich die Thesen von Eysenck in der Parapsychologie nicht als allgemeingültige Gesetze durchsetzen (Schmeidler, 1974). Allerdings konnten auch keine anderen Persönlichkeitsmerkmale, die einen besonderen Zusammenhang zur Sensitivität aufweisen, wie z.B. Alter, Geschlecht, Kultur oder Intelligenz, ermittelt werden.
Feldforschungen mit Medien oder Sensitiven waren in der Parapsychologie des 20. Jhd. eher die Ausnahme. Beispiele für diese Art von Forschung sind die Studien von Stanley Krippner und Alberto Villoldo, die Heiler in verschiedenen Kulturen besuchten (Krippner & Villoldo, 1976) und Shafica Karagullas Untersuchungen verschiedener Sensitiver und Heiler (Karagulla, 1967). Dabei wurden zwar interessante Beobachtungen zusammengetragen, übereinstimmende Persönlichkeitsmerkmale oder zugrundeliegende Mechanismen konnten aber nicht aufgeklärt werden. In den 70er Jahren glaubte man noch in der Parapsychologie, dass es möglich sei Trainingsprogramme zum Erlernen von sensitiven Fähigkeiten zu entwickeln (Vaughan, 1974). Dafür zeugt z.B. auch das Buch des bekannten Parapsychologen Charles T. Tart „Learning to use Extrasensory Perception“, in dem er bekannte behavioristische Lerntheorien zum Training von Psi-Fähigkeiten verwendet (Tart, 1976). In Großbritannien existieren Institutionen, in denen Medien und Sensitive ausgebildet und gefördert werden, wie z.B. das „British College of Psychic Sciene“ oder die „Spiritualists´ National Union“ seit Beginn des 20. Jhd, und zumindest in der New-Age-Szene gilt England als das Land mit den besten Medien.
Der deutsche Parapsychologe Walter von Lucadou erklärt jedoch, warum es nicht
möglich sei, solche Fähigkeiten zu trainieren und gezielt einzusetzen. In seinem
weithin beachteten „Modell der pragmatischen Information“ werden Psi-Effekte als
„nichtlokale Korrelationen“ beschrieben (Lucadou, 1995). In der Quantenphysik
wurde der Begriff der nichtlokalen Korrelationen eingeführt, um beschreiben zu
können, dass zwei Elektronen ein koordiniertes, „sinnvolles“ Verhalten zeigen,
obwohl keinerlei räumliche oder zeitliche Verbindung zwischen ihnen besteht.
Nach Lucadou treten ASW oder PK-Effekte zwischen verschiedenen Personen oder
zwischen Mensch und Maschine auf, wenn es zu einer „informatorischen Kopplung“
der beiden „komplexen Systeme“ kommt. Der Psi-Effekt hängt also nicht von der
Fähigkeit einer einzelnen Person ab, sondern von der Disposition des
Gesamtsystems. Allerdings bringt jeder Versuch, diese nichtlokalen Korrelationen
zur Signalübertragung zu verwenden, den Effekt zum Verschwinden oder ändert ihn
in unvorhersagbare Weise. Demzufolge ist die praktische Anwendung sensitiver
Fähigkeiten, wie dies von professionellen Hellsehern oder Geistheilern zur
Erlangung von Psi-Informationen versucht wird, auf Dauer nicht möglich.
Die Vorhersagen, die aufgrund des lucadouschen Modells gemacht werden können,
decken sich mit den bisherigen Daten der Psi-Forschung. Denn eine grundlegende
Eigenschaft von Psi, die schon in den rhineschen Versuchsreihen zutage trat, war
der sogenannte Decline-Effekt. Ein anfänglich gemessener signifikanter Effekt
verflüchtigt sich wie Sand, der einem durch die Hände rieselt, im weiteren
Verlauf des Experimentes, bis er schließlich ganz zum Erliegen kommt.
ÄhnlicheBeobachtungen ergaben sich bei Untersuchungen, in denen überprüft wurde,
wie genau Geistheiler anhand von Psi-Diagnosen Krankheiten erkennen können.
Harald Wiesendanger, einer der besten Kenner der Heiler-Szene Deutschlands,
weist in seinem Übersichtsartikel über Psi-Diagnose auf eben diesen Umstand hin,
dass nämlich die Psi-Diagnostik, wie jede außersinnliche Wahrnehmung, einem
unberechenbaren Auf und Ab unterliegt (Wiesendanger, 1994, S.196-241).
Dieses Wissen über die Elusivität des Psi-Effektes, das eines der wichtigsten
Ergebnisse der jahrelangen parapsychologischen Forschung darstellt, sollte daher
bei jeder ernsthaften Forschung zur Sensivität mit in Betracht gezogen werden.
Der Effekt ist nicht unabhängig von den beteiligten Personen, des Kontextes und
dem Beobachter und verschwindet genau dann, wenn man ihn erwartet. Nach dem
lucadouschen Modell kann Psi nicht trainiert werden! Die Frage ist, ob es für
Medien oder Sensitive Möglichkeiten gibt, diese Eigenart von Psi zu umgehen.
Lucadou schreibt dazu:
„Wir haben uns aber bereits klar gemacht, dass man Psychokinese nicht
beherrschen kann, denn wenn das Lernen zu Ende ist, hat man es wieder mit einem
reliablen bzw. statischen System zu tun, das auch von daher für Psychokinese
recht ungeeignet ist. Vielleicht kann man aber auch lernen zu lernen, oder
lernen, sein kognitives System zu destabilisieren. Das wäre aber immer nur ein
,Unterwegssein‘ und niemals ein ,Ankommen‘. Genauso wie es in vielen mystischen
Systemen zum Ausdruck kommt, wenn betont wird, dass der Weg wichtiger sei als
das Ziel. Dies ist wichtig zu wissen, weil von unseriösen Geschäftemachern oft
,Trainingskurse‘ angeboten werden, wo man gegen teures Geld seine
Psi-Fähigkeiten trainieren können soll. Solche Versprechungen entbehren
jedenfalls bisher jeglicher wissenschaftlicher Grundlage.“ (Lucadou, 1995, S.
225.) Auch gegenwärtig werden viele solcher Medialitätstrainingsprogramme
angeboten. Ein Beispiel hierfür ist das 1990 gegründete „Trilogos“-Institut in
Küsnacht-Zürich in der Schweiz. Das bekannte Medium Linda Roethlisberger bietet
dort eine umfangreiche Medialitätsausbildung an. Sie unterscheidet fünf mediale
Sinne. (Eine Unterscheidung auf die man häufig in der esoterischen Literatur
trifft.)
• Hellfühlen: Hierzu gehören die bekannten Empfindungen wie plötzliches
Unwohlsein, Übelkeit oder ein beklemmendes Gefühl im Bauch, die häufig im
Zusammenhang mit intuitiven Ahnungen auftreten.
• Hellriechen: Beim Hellriechen werden mediale Botschaften über besondere
Geruchswahrnehmungen übermittelt.
• Intuitives Wissen: Künstler und Wissenschaftler berichten immer wieder von
spontanen Eingebungen, die sie plötzlich während eines kreativen Prozesses
hatten. Roethlisberger schreibt, dass dies der flüchtigste und feinste mediale
Sinn sei.
• Hellhören: Hier werden die medialen Botschaften direkt als Worte oder Töne
wahrgenommen.
• Hellsehen: Roethlisberger schreibt hierzu: „Unser visuelles Bewusstsein
verlagert sich auf unser inneres Auge, ,drittes Auge‘ genannt, die
Vorstellungskraft, unsere Einbildungskraft, Phantasien. Hellsehen geschieht oft
mit geschlossenen Augen – innerlich – mit unserem geistigen Auge.“
(Roethlisberger, 1999, S.21.) Die hellsichtigen Eindrücke werden also ähnlich
wie visuelle Vorstellungen wahrgenommen. Zum Hellsehen zählt sie auch das
„Aura-Sehen“. Dabei würde das Energiefeld eines Lebewesens hellgesehen werden.
Die Qualität dieses oder eines anderen Ausbildungsprogrammes zur Medialität oder Sensitivität lässt sich natürlich ohne wissenschaftliche Untersuchung nicht beurteilen. Ob in solchen Kursen bestimmte Techniken gelehrt werden, mit denen sich die von Lucadou festgestellten Eigenarten des Psi-Effektes umgehen lassen, ist bisher völlig ungeklärt. Auf jeden Fall eröffnet sich hier noch ein breites Forschungsfeld für Psychologen und Psi-Forscher. Zusammenfassend kann man sagen, dass die parapsychologische Forschung bewiesen hat, dass außersinnliche oder sensitive Wahrnehmungen sowohl im Labor, als auch im Alltag auftreten. Allerdings scheint es nicht möglich zu sein, diese sensitiven Wahrnehmungen willentlich und gezielt einzusetzen. Diese These steht im krassen Gegensatz zu den Ansichten vieler Esoteriker, Anhängern der New-Age-Bewegung und vor allem der professionellen Hellseher und Aurasichtigen. Ob und wie sich dieser Widerspruch zukünftig auflösen wird, ist ungewiss. Tatsache ist, dass paranormale oder sensitive Wahrnehmung wie das Aura-Sehen für die Betroffenen eine psychologische Realität ist und daher von Psychologen untersucht werden sollte. Im nächsten Abschnitt werden neuere parapsychologische Untersuchungen zum Aura-Sehen vorgestellt.
3. 2. 4. Das Aura-Sehen in der Parapsychologie
In der Parapsychologie des 20. Jhd. war das Aura-Sehen kein Thema, zu dessen Erforschung große Anstrengungen unternommen wurden. In den 70er Jahren war zwar noch die Kirlianfotografie Gegenstand von Forschungsprojekten und Diskussionen, das Aura-Sehen jedoch erschien den meisten Parapsychologen zu unwissenschaftlich und zu stark mit der Esoterik-Szene verbunden, von der man sich ja abgrenzen wollte. So wurden zwischen 1957 und 1994 bei der jährlichen Convention der Parapsychological Association insgesamt nur fünf Thesenpapiere vorgestellt, die diese Thematik explizit zum Gegenstand hatten. Da aber gegenwärtig eine gewisse Stagnation in der experimentellen Erforschung von ASW und PK festzustellen ist, scheint sich eine Wende abzuzeichnen. Zunehmend rücken nun auch esoterische Themen, paranormale Erfahrungen im Alltag und verbreitete Vorstellungen im Volksglauben in den Fokus der Aufmerksamkeit.
Der amerikanische Parapsychologe Carlos S. Alvarado nennt eine Reihe von
Gründen, die für eine parapsychologische Erforschung des Aura-Sehens sprechen
(Alvarado, 1994):
• Viele anekdotische Berichte weisen auf die besondere Bedeutung des Aura-Lesens
als Diagnoseverfahren in der alternativen Medizin hin.
• Es liegen Berichte vor, nach denen das Aura-Sehen eine besondere Rolle bei der
Entwicklung einer Psi-Sensitivität infolge von Nahtod-Erlebnissen spielt und in
Zusammenhang mit anderen paranormalen Erlebnissen, wie Geistererscheinungen und
außerkörperlichen Erfahrungen, steht.
• Einige Versuchspersonen, die besonders gute Leistungen in experimentellen
Psi-Untersuchungen hatten, berichteten auch von Aura-Wahrnehmungen als
Bestandteil ihrer umfassenden sensitiven Wahrnehmung.
• In der Literatur finden sich auch viele Berichte von kollektiven
Aura-Wahrnehmungen.
• Schon zu Beginn der parapsychologischen Forschung im 18. Jhd. wurden viele
Berichte verfasst von auraähnlichen Wahrnehmungen im Zusammenhang mit dem
„animalischen Magnetismus“ und der „Od-Kraft“.
1972 veröffentlichte der Parapsychologe Charles T. Tart einen Artikel, in dem
er ein theoretisches Konzept zur Erforschung des Aura-Sehens vorstellt (Tart,
1972a). Nach seinem Konzept gibt es vier mögliche Betrachtungsweisen einer
menschlichen Aura:
1. Die Aura als physikalisches Phänomen: Die Aura kann als physikalisches
Phänomen betrachtet werden. In Theorie Teil 1 wurden bereits verschiedene
biophysikalische Theorien von Auren vorgestellt, z.B. das Biophotonenfeld oder
die Kirlian-Aura. Der Physiker J.Bigu del Blanco hat in einem häufig zitierten
Artikel aus dem Jahre 1976 die verschiedenen Komponenten der biophysikalischen
Aura aufgelistet (Bigu, 1976). Hierzu gehören: Die elektrische sowie die
magnetische Feldaura, die Aura der elektromagnetischen Strahlung, Radio- und
Mikrowellenaura, Infrarotaura, optische Aura, Ultraviolettaura, die
Röntgenstrahlen-, Gamma- und Betastrahlen-, Neutrinoauras, chemische und
biologische Auras (Schweiß und Pheromone, Atemgase, Ionen, Mikroorganismen),
Lichtstreuungs-, beugungs- und –brechungsauras, UV-Fluoreszenzauras und die
mechano-akustischen Auras (vom Körper erzeugte Druck- und Schallwellen sowie
Luftströmungen). Diese biophysikalische Aura existiert real und ist daher mit
bekannten physikalischen Instrumenten zu messen. Die Frage ist allerdings, ob
ein sensitiv begabter Mensch in der Lage ist, diese physikalische Aura
wahrzunehmen.
2. Die Aura als psychologisches Phänomen: Diese Aura könnte auch die
phänomenologische Aura genannt werden. Sie ist der subjektive Eindruck, den man
von einer anderen Person hat. Diese Aura ist gemeint, wenn man alltagssprachlich
von der „Ausstrahlung“ einer Person spricht. Sie existiert aber nicht real,
sondern nur in der Vorstellung und ist daher nicht mit physikalischen Geräten zu
messen.
3. Die Aura als feinstoffliches Phänomen: Hiermit ist die
Aura-Vorstellung der Esoteriker gemeint. Im Gegensatz zur psychologischen Aura
existiert diese Aura ebenso wie die physikalische Aura zwar „real“, ist aber
nicht mit physikalischen Messgeräten zu messen, da sie nicht aus
grobstofflich-physikalischen, sondern aus sogenannten „feinstofflichen“
Elementen zusammengesetzt ist.
4. Die Aura als Projektion: Diese Aura existiert so wie die
psychologische Aura nur in der Vorstellung einer Person und wird nach außen
projiziert. Aber es handelt sich dabei keineswegs bloß um eine Halluzination,
denn sie beruht auf Informationen, welche der Aurasichtige über verschiedene
Wahrnehmungskanäle erhält. Bei einer Aura-Lesung werden z.B. physische
Eigenarten und Verhaltenscharakteristiken der Person wahrgenommen. Diese
unterschiedlichen Informationen werden nun unbewusst verarbeitet und in Form
eines mentalen Abbildes als Aura nach außen projiziert. So wäre es denkbar, dass
auch unbewusste Psi-Informationen in diesen Verarbeitungsvorgang miteinbezogen
werden. Der Aurasichtige nimmt dieses unbewusst kreierte mentale Abbild als Aura
wahr. Durch die Interpretation der Aura-Wahrnehmung erhält der Aurasichtige
Zugang zu unbewussten Informationen über eine Person. Die Aura fungiert in
dieser Theorie quasi als Informations-Display.
In diesem Modell von Charles T. Tart können nun die verschiedenen Aura-Konzepte der Esoteriker, der Physiker und der Psychologen eingeordnet werden. Zusätzlich hat Tart ein Experiment entworfen, mit dem getestet werden kann, ob die Aura, die von Aurasichtigen wahrgenommen wird, nun real existiert, wie die physikalische oder feinstoffliche Aura , oder ob es sich dabei um ein mehr oder weniger subjektives Phänomen, wie bei der psychologischen oder projizierten Aura, handelt.
Dieses Experiment nennt Tart den Türrahmen-Test (Doorway-Test):
Eine Testperson wird hinter einem Türrahmen postiert, so dass sie nicht gesehen
werden kann. Allerdings steht die Person so nah am Rande des Türrahmens, dass
ihre physische oder feinstoffliche Aura über den Rand hinausragen müsste. Ein
Aurasichtiger, der getestet werden soll, müsste nun anhand der Aura erkennen
können, ob sich jemand hinter dem Türrahmen befindet. Im Experiment sollten nun
in zufälliger Reihenfolge Testpersonen hinter dem Türrahmen postiert werden oder
nicht. Wenn es dem Aurasichtigen jetzt gelingt, mit einer Trefferquote, die über
der Zufallswahrscheinlichkeit liegt, zu sagen, ob jemand hinter dem Türrahmen
versteckt ist, könnte das für die Hypothese sprechen, dass er tatsächlich eine
physikalische oder feinstoffliche Aura wahrnimmt. Andernfalls muss man davon
ausgehen, dass beim Aura-Sehen eine psychologische oder projizierte Aura
wahrgenommen wird, deren Wahrnehmung nur im Zusammenhang mit einer Person
auftritt. Tart und Palmer führten diesen Test mit dem bekannten Sensitiven und
Heiler Matthew Manning durch (Tart & Palmer, 1979). Manning konnte aber nur in
der Hälfte der Versuchsdurchgänge korrekt angeben, ob jemand hinter dem
Türrahmen steht. Dieses Ergebnis indiziert, dass es sich bei der Aura, die der
Sensitive Manning wahrnimmt, nicht um etwas handelt, dass objektiv in der
Umgebung der Person lokalisiert ist. Die beiden isländischen Parapsychologen
Loftur R Gissurarson und Asgeir Gunnarsson machten 1997 eine Replikation dieses
Experimentes mit insgesamt 10 Aurasichtigen und 9 Kontrollpersonen (Gissurarson
& Gunnarsson, 1997). Dabei platzierten sie vier Schirme im Raum und bei jedem
Versuchsdurchgang wurde hinter einem der vier Schirme eine Testperson postiert.
Die aurasichtigen Versuchspersonen hatten also eine 25 % Chance, den richtigen
Schirm zu raten. Mit den 19 Versuchspersonen wurden insgesamt 36 Versuchsreihen
mit je 40 Versuchen durchgeführt und die Ergebnisse statistisch ausgewertet.
Dabei erzielte die Kontrollgruppe mit 196 Treffern sogar eine bessere Quote als
die Aurasichtigen, die nur 183 Treffer erzielten. Es fanden sich aber keinerlei
signifikante Ergebnisse und die These von Charles T. Tart, dass das Aura-Sehen
ein psychologisches oder projiziertes Phänomen ist, wurde bestätigt.
In der 1994 publizierten Studie von Carlos S. Alvarado und Nancy L. Zingrone wurde nun ein erster Versuch unternommen, die zugrundeliegenden psychologischen Mechanismen des Aura-Sehens aufzuklären. 19 Personen, die schon mal das Erlebnis einer Aura-Wahrnehmung hatten, wurden mit 19 Kontrollpersonen verglichen. Alle Versuchspersonen mussten den von Alvarado selbst entwickelten Questionaire on Auras and Other Experiences (QAOE), den Vividness of Visual Imagery Questionaire (VVIQ) von Marks (Marks, 1973) und den Inventory of Childhood Memories and Imaginings Children´s Form (ICMIC) von Myers (Myers, 1983) beantworten. Mit dem QAOE sollten strukturelle Merkmale und Gemeinsamkeiten von Aura-Wahrnehmungen ermittelt werden. Aufgrund der kleinen Stichprobe konnte jedoch keine statistische Analyse dieser Fragebogendaten durchgeführt werden. In dem Artikel werden nur einzelne Beschreibungen der Aura-Wahrnehmungen wiedergegeben. Mit dem VVIQ und ICMIC sollten die Hypothesen geprüft werden, dass Aurasichtige ein lebhafteres visuelles Vorstellungsvermögen hätten und häufiger von vorstellungs- und phantasiebezogenen Erfahrungen berichteten. Die statistische Auswertung der Testdaten stützt den Gedanken, dass das Aura-Sehen mit spezifischen kognitiven Prozessen, bei denen das visuellen Vorstellungsvermögen und die Phantasie eine besondere Rolle spielen, im Zusammenhang steht.
Ausgehend von diesen beiden Untersuchungen haben Loftur R Gissurarson und
Asgeir Gunnarsson als Weiterentwicklung des theoretischen Konzeptes von Charles
Tart das „Aura Imagery Model“ entworfen (Gissurarson und Gunnarsson, 1997). In
diesem Model nehmen sie an, dass die Aura-Wahrnehmung auf einem
phänomenologischen Kontinuum von einem wagen Gefühl bis zu einer „echten“
Wahrnehmung reicht. An einem Ende des Kontinuums werden die intuitiven Annahmen,
die man von einer Person hat, mehr oder weniger assoziativ als Aura
wahrgenommen. Dass man in der Umgangssprache etliche Beispiele dafür findet,
dass Menschen ihre Eindrücke von einer Person als Formen, Farben oder anderen
Assoziationen sprachlich wiedergeben, ist zu Beginn des Theorieteils erläutert
worden. Weitere Beispiele hierfür finden sich natürlich auch in der Literatur
und anderen Künsten. Der Maler Wassily Kandinsky war z.B. dafür bekannt, dass er
verschiedene Musikinstrumente jeweils mit einer bestimmten Farbe assoziierte.
Als experimentelle Bestätigung der These, dass Menschen mit Aura-Wahrnehmungen
ein stärkeres visuelles Vorstellungsvermögen haben, führen Gissurarson und
Gunnarsson die Untersuchung von Alvarado (Alvarado, 1994) an. Auch der von
verschiedenen Forschern vermutete Zusammenhang zwischen Aura-Sehen und
Synästhesie läßt sich in diesem Model einordnen. Loftur R Gissurarson und Asgeir
Gunnarsson schreiben: „Die bildliche Vorstellung einer Aura erschafft eine
holistische Wahrnehmung des Gegenübers: Persönlichkeiten werden als
Farbgestalten repräsentiert und wahrgenommen. Dies könnte gewissermaßen eine
effiziente, machtvolle und verdichtete Form der Menschenwahrnehmung sein, mit
der viele sensorische und sich widersprechende Informationen in der
einheitlichen Sprache der Farben verarbeitet und komprimiert werden. Am anderen
Ende des Kontinuums haben wir die Möglichkeit, dass das Aura-Sehen als eine
Interpretation der Realität tatsächlich zu einer „echten“ Wahrnehmung wird,
wahrscheinlich durch einen Lernprozess mit Verstärkung und Feedback. Aura-Seher
nehmen andere Menschen mit ihren Sinnen wahr, diese Informationen werden
zusammen mit vorhandenen Informationen verarbeitet und dann als
Leuchterscheinungen ins Bewusstsein projiziert. Des Weiteren sollte man nicht
über die Möglichkeit einer echten Psi-Komponente in der Aura-Wahrnehmung
hinwegsehen ... Das Kreieren einer Aura ist womöglich ein praktisches Verfahren,
mit dem das Unbewusste diese außersinnlich wahrgenomme Information dem
Bewusstsein präsentiert.“ (Gissurarson und Gunnarsson, 1997, S. 45-46.
Übersetzung des Autors.)
4. Methode
4. 1. Ein qualitatives Verfahren als Forschungsmethode für eine parapsychologische Fragestellung:
Nachdem nun ein Überblick gegeben wurde über die vielfältige Literatur und die unterschiedlichen Bereiche, in denen Auren und menschliche Energiesysteme behandelt werden, kommen wir nun zur eigentlichen Arbeit, nämlich zur Erhebung und Auswertung eigener Daten. Und hier stellt sich nun die Frage, wie man sich diesem Forschungsgegenstand noch auf andere Weise annähern kann. Die Ergebnisse der experimentellen Forschung waren ja eher entmutigend und ließen an der Existenz einer Aura und den Fähigkeiten von Aurasehern zweifeln. Das tut dem Interesse der nichtwissenschaftlichen Öffentlichkeit am Phänomen Aura aber keinen Abbruch.
In dieser Arbeit geht es nun um die subjektive Seite des Aurasehens, um die Welt, in der ein aurasichtiger Mensch lebt. Wie die Literatur zeigt, ist das Aurasehen meist Teil eines ganzen Repertoires paranormaler Erfahrungen und übersinnlicher Fähigkeiten, d.h. Aurasichtige haben eventuell auch hellsichtige Erlebnisse, Wahrträume, außerkörperliche Erfahrungen und sie beschäftigen sich in der Regel mit bewusstseinsverändernden Techniken und alternativen Heilmethoden (Garret, 1939; Karagulla, 1967; Ellison, 1988; Bösch, 1999).
Die Fragestellungen der vorliegenden Studie:
• Wie entwickelt sich die Fähigkeit des Aura-Sehens?
• Wie ist der subjektive Eindruck einer Aura? Was nehmen Aurasichtige genau
wahr?
• Wie wird das Aura-Sehen in der professionellen Anwendung eingesetzt?
• Was für eine Bedeutung hat das Aura-Sehen für den Betreffenden? Was für einen
Stellenwert hat es im Alltag?
• Gibt es einen Zusammenhang zu anderen paranormalen und mystischen Phänomenen?
• Gibt es einen Zusammenhang zu psychischen Krankheiten?
Um subjektive Erfahrungswelten explorativ zu erforschen, ist eine qualitative
Herangehensweise naheliegend. Unter den unterschiedlichen theoretischen Methoden
der qualitativen Forschung läßt sich folgende Schnittmenge ermitteln (Flick
1995,S.40-41):
1. Verstehen als Erkenntnisprinzip: Das untersuchte Phänomen soll von
innen heraus verstanden werden.
2. Fallrekonstruktion als Ansatzpunkt: Es wird am Einzelfall angestzt,
bevor zu vergleichenden bzw. allgemeinen Aussagen übergegangen wird.
3. Konstruktion von Wirklichkeit als Grundlage: Wirklichkeit, die in
qualitativer Forschung untersucht wird, ist nicht vorgegeben, sondern wird von
unterschiedlichen Instanzen konstruiert.
4. Text als empirisches Material: Texte werden zur Grundlage von
Rekonstruktion und Interpretation.
In der qualitativen Forschung sollen also Wirklichkeitskonstruktionen von Subjekten über soziale Interaktionen mit dem Forscher, z.B. durch Interviews oder teilnehmende Beobachtung, erschlossen werden. Im Gegensatz zur quantitativen Forschung, in der Bekanntes überprüft wird, das heißt, es werden vorab formulierte Theorien getestet, geht es in der qualitativen Forschung darum, Neues zu entdecken und empirisch begründete Theorien zu entwickeln. Dies soll gewährleistet werden, durch offen gestaltete Methoden, die der Komplexität des Gegenstandes gerecht werden. Im Gegensatz dazu werden mit quantitativen Verfahren, z.B. einem Fragebogen, nur Informationen abgefragt, die vorab bereits bekannt sind. Vom qualitativ forschenden Wissenschaftler wird erwartet, dass er sich selbstreflexiv, aufmerksam und sensibel auf das Forschungsfeld und die Thematik einlässt und bei der Auswertung der gewonnenen Daten, mit Rückbezug auf das Material, induktive Theorien erarbeitet.
Qualitative Methoden wurden bisher kaum zur Erforschung von paranormalen Phänomenen angewendet. Die Parapsychologie konzentrierte sich im vergangenen Jahrhundert vornehmlich auf experimentelle Untersuchungen (Amm & Geyer, 2000 b). So wurden Telepathie-Experimente mit den berühmten Zener-Karten durchgeführt (Rhine, 1934), Psychokinese wurde mit Zufallszahlengeneratoren erforscht (Jahn & Dunne, 1999) und neuerdings werden Ganzfeld-Experimente (Bem & Honorton, 1994) statistisch ausgewertet. Während die „Society of psychical research“ sich im 19. Jahrhundert vorrangig darauf konzentrierte sogenannte physische Medien , wie z.B. D.D.Home, von dem berichtet wird, dass er z.B. levitieren und seinen Körper ausdehnen konnte, zu untersuchen (Rogo, 1976), wandte sich die Parapsychologie des 20.Jahrhunderts von der Erforschung besonders begabter Individuen ab. Stattdessen wurden Phänomene wie Psychokinese, d. h. der Einfluss des Geistes auf die Materie, oder Telepathie, also Gedankenübertragung, unter experimentellen Bedingungen mit normalen Versuchspersonen durchgeführt. Nur wenige Parapsychologen haben sich noch mit sogenannten Medien oder Sensitiven befasst ( Karagulla, 1967; Vaughan, 1974; Le Shan, 1975, Krippner & Villoldo, 1986). Da Metaanalysen zwar gezeigt haben, dass der Effekt in parapsychologischen Experimenten über mehrere Untersuchungen hinweg robust ist (Radin, 1997; Radin, 2000), Einzelergebnisse aber nur schwach signifikant, findet in der Parapsychologie eine Art Neuorientierung statt. Es wird nach neuen Methoden zur Erforschung parapsychologischer Phänomene Ausschau gehalten (Hüsgen & Kamphuis 2000). Im Zeitraum März 1994 bis März 1997 führten Markus Binder und Barbara Wolf-Braun vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg die Studie „Geistheilung in Deutschland“ durch (Binder & Braun, 1997). Sie bestand aus vier Teilen. Im 1. Teil wurde eine statistische Erhebung unter Geistheilern vorgenommen, im 2. Teil wurden die Patienten zweier Geistheiler per Fragebogen zum subjektiven Heilungserfolg befragt, in Teil 3 besuchte und befragte Markus Binder einen Heiler und beobachtete seine Arbeitsweise und im letzten Teil wurden mit 20 Heilern ausführliche Interviews geführt. Mit dieser Studie sollte die undurchsichtige „Heilerszene“ Deutschlands beleuchtet werden. Man versuchte Einblicke in die Berufspraxis der Heiler zu bekommen und etwas über ihr Selbstverständnis zu erfahren, aber auch, wie es dazu kam, dass sie Heiler wurden.
Es kamen hier also verschiedene methodische Herangehensweisen zur Anwendung. In Teil 1 und 2 wurden mittels Fragebögen statistische Daten erhoben, in Teil 3 eine Methode verwendet, die vor allem aus ethnologischen Feldstudien bekannt ist: die teilnehmende Beobachtung. Und in Teil 4 wurde eine der konventionelleren Arbeitsweisen qualitativer Forschung gewählt: das Interview. Da mit den Interviews die subjektiven Erfahrungen und Verarbeitungsprozesse beruflicher Wirklichkeiten von Heilern erfasst werden sollten, wählte man hier eine Methode, die den Betreffenden viel Raum lassen sollte, um das darzustellen, was ihnen bedeutsam erschien. Hierzu bot sich das narrative Interview nach Schütze an (Schütze 1977). Das Grundprinzip des narrativen Interviews, das vor allem in der biographischen Forschung verwendet wird, ist folgendermaßen: „Im narrativen Interview wird der Informant gebeten, die Geschichte eines Gegenstandsbereiches, an der der Interviewte teilgenommen hat, in einer Stegreiferzählung darzustellen. (...) Aufgabe des Interviewers ist es, den Informanten dazu zu bewegen, die Geschichte des in Frage stehenden Gegenstandsbereiches als eine zusammenhängende Geschichte aller relevanten Ereignisse von Anfang bis Ende zu erzählen“ (Herrmanns, 1991, S.183). Dahinter steckt der Gedanke, dass Erzählungen einen umfassenden und in sich strukturierten Zugang zur Erfahrungswelt eines Menschen eröffnen. Der Interviewte, der sich auf die Situation einlässt, unterliegt den „dreifachen Zugzwängen des Erzählens“ (Flick 1999, S.118). Der „Gestalterschließungszwang“ zwingt ihn dazu, eine angefangene Geschichte zu Ende zu erzählen, der „Kondensierungszwang“ bewirkt, dass nur das für die Plausibilität Notwendigste berichtet wird und der „Detaillierungszwang“ führt dazu, dass für das Verständnis nötige Hintergrundinformationen mitgeliefert werden. Durch das narrative Interview sollen also Informationen zugänglich gemacht werden, die man durch einfaches Abfragen nicht erhält.
4. 2. Das episodische Interview:
Da in der vorliegenden Studie ein ähnlicher Personenkreis befragt werden sollte wie in der Studie von Binder und Braun, denn Aurasichtige arbeiten häufig als Geistheiler, lag es nahe, auch eine ähnliche Interviewtechnik zu verwenden. Hierfür wurde das episodische Interview (Flick 1995, 1999, S.124-129) ausgewählt, das eine Art Weiterentwicklung des narrativen Interviews darstellt. Hinter dieser Interviewtechnik steht die Annahme, dass die Erfahrungen eines Subjektes bezüglich eines bestimmten Gegenstandsbereiches auf zwei verschiedene Arten gespeichert werden. Die erste Form, das narrativ-episodische Wissen ist erfahrungsnah und bezogen auf bestimmte Situationen und Umstände organisiert. Das semantische Wissen, das die zweite Form darstellt, enthält dagegen abstrakte, verallgemeinerte Annahmen und Zusammenhänge. Durch das episodische Interview ist es nun möglich, beide Wissensformen zugänglich zu machen. Über Erzählungen wird das narrativ-episodische Wissen erhoben und analysiert, während mit konkret-zielgerichteten Fragen das semantische Wissen erfragt wird. Auf unseren Fall bezogen, sollten die Entwicklungsaspekte des Aurasehens und die Bedeutung für das Leben durch Erzählungen nachvollziehbar gemacht werden. Gleichzeitig sollten individuelle Wahrnehmungswelten und die Vorgehensweisen bei der Arbeit durch zielgerichtete Fragen erhoben werden. Wobei die beiden Bereiche natürlich nicht so klar von einander zu trennen sind. Auch in Erzählungen ist viel zu erfahren darüber, mit welchen Augen jemand die Welt betrachtet und aus dem abstrakten Wissen über Zusammenhänge lassen sich individuelle Entwicklungsgeschichten rekonstruieren.
4. 3. Der Interviewleitfaden:
Wie bei anderen Interviewformen wird ein Leitfaden erstellt. Das Typische dieser Interviewform sind regelmäßige Aufforderungen zum Erzählen von Situationen. Der Leitfaden wird in verschiedene thematische Bereiche unterteilt, zu denen dann Erzählaufforderungen formuliert werden (z.B.: „Können Sie mir die Situation schildern, wann Sie zum ersten Mal entdeckt haben, dass sie Auren sehen können?“). Der zweite Aspekt besteht aus Fragen nach subjektiven Definitionen (z.B.: „Was ist eine Aura?“) und nach abstrakteren Zusammenhängen (z.B.: „Warum sehen manche Menschen die Aura und manche nicht?“).
Hier nun der Leitfaden, der für die Interviews mit Aurasichtigen erstellt wurde:
Interviewleitfaden: Ontogenese und individuelle Repräsentation des Aurasehens
I. Einleitung:
1. Was ist eine Aura?
2. Wie nehmen Sie die Aura wahr? Können Sie beschreiben, wie Auren für Sie
aussehen?
II. Ontogenese:
3. Wann haben Sie zum ersten Mal entdeckt, dass Sie selber Auren sehen können?
Können sie mir bitte die Situation schildern? Wie hat sich Ihre Fähigkeit, Auren
sehen zu können entwickelt?
4. Woran haben Sie gemerkt, dass es sich um keine Halluzination oder Einbildung
handelt?
5. Wann haben Sie zum ersten Mal in Ihrem Leben von Auren gehört?
6. Gab es besondere Ereignisse in Ihrem Leben, bevor Sie angefangen haben Auren
zu sehen, die damit aber für Sie im Zusammenhang stehen?
7. Wie haben Sie die Fähigkeit weiterentwickelt? Können Sie mir Situationen
schildern?
8. Haben Sie Ihre Fähigkeit von einer anderen Person gelernt oder eigenständig
entwickelt?
III. Persönliche Bedeutung und Stellenwert im Leben:
9. Können Sie mir Situationen schildern, in denen das Wahrnehmen der Aura für
Sie eine besondere Rolle spielte?
10. Gab es Situationen, in denen Sie besonders glücklich darüber waren, Auren zu
sehen?
11. Gab es Situationen, in denen es für Sie besonders unangenehm oder
beunruhigend war, die Auren anderer Menschen sehen zu können? Können Sie
Situationen schildern?
12. Ist das Aurasehen für Sie eine besondere Gabe, die auch mit einer besonderen
Verantwortung verbunden ist? Können Sie mir Situationen schildern, in denen Sie
das so empfunden haben ?
13. Inwiefern hat das Aurasehen Ihr Leben verändert? Was hat sich für Sie
konkret geändert?
IV. Alltag und Beruf:
14. Wie nutzen Sie die Fähigkeit bei Ihrer Arbeit? Können Sie den
chronologischen Ablauf einer Auradiagnose darstellen?
15. Können Sie die Aura immer wahrnehmen? In welchen Situationen nehmen Sie die
Aura nicht wahr? Wovon hängt es ab, ob Sie die Aura wahrnehmen?
16. Führen sie mit Ihren Klienten im Vorfeld Gespräche bzw. bekommen Sie
anderweitig Informationen?
17. Was für Informationen können Sie der Aura entnehmen?
18. Geht das Aura-Sehen mit besonderen Empfindungen einher?
19. Sind Sie in einem veränderten Bewusstseinszustand, wenn Sie Auren sehen?
20. Haben Sie ein Schema für die Auraschichten entwickelt?
21. Wie unterschiedlich sind die Auren verschiedener Personen?
22. Wie sehr kann sich die Aura einer Person verändern?
23. Wie ist das Feedback Ihrer Klienten?
24. Können Sie mir Ihren gestrigen Tagesablauf erzählen und wo und wann das
Aura-Sehen eine Rolle gespielt hat?
V. Fragen zu eventuellen Randbedingungen des Aurasehens
25. Ist Ihnen ein wissenschaftliches Erklärungsmodell für das Auraphänomen
bekannt?
26. Warum sehen mache Menschen die Aura und manche nicht? Glauben Sie, dass
jeder die Fähigkeit entwickeln kann?
27. Reden Sie mit Familienmitgliedern und Freunden über Ihre Begabung, Auren zu
sehen? Wie reagiert Ihr Umfeld darauf? Können Sie Situationen schildern?
28. Hat sich der Umgang mit Ihren Freunden und Ihrer Familie dadurch verändert?
Können Sie Situationen schildern?
29. Können Sie die Auren von engen Verwandten oder Freunden besser oder
schlechter erkennen als von Freunden?
30. Praktizieren Sie bewusstseinsverändernde Techniken, wie z.B. Meditation oder
Autogenes Training?
31. Hatten Sie noch andere paranormale oder mystische Erlebnisse? Besteht für
Sie ein Zusammenhang zur Aurawahrnehmung? Können Sie Situationen schildern?
32. Haben Sie noch andere paranormale Fähigkeiten?
33. Gab es Zeiten in Ihrem Leben, die geprägt waren von größeren seelischen oder
gesundheitlichen Krisen?
34. Wie würden Sie Ihren religiösen Hintergrund beschreiben?
35. Wie wollen Sie in Zukunft mit dieser Fähigkeit umgehen?
Der erste Teil des Leitfadens bietet eine Einführung in die Thematik. Der Interviewpartner wird aufgefordert, den Begriff „Aura“ spontan zu definieren. In Teil 2 wird der Gesprächspartner gebeten, bedeutsame Situationen der Ontogenese des Aura-Sehens zu erzählen. Im nächsten Abschnitt geht es um Situationen, in denen das Aurasehen eine besondere Rolle gespielt hat, während in Teil 4 Fragen zur Anwendung des Aura-Sehens gestellt werden. Im letzten Abschnitt wurden alle Fragen subsumiert, die über die Bereiche Entwicklung, Anwendung und Bedeutung des Aura-Sehens hinausgehen. Als die zwei wichtigsten Themen stellten sich Umgang mit der Familie und Bezug zu paranormalen und spirituellen Erlebnissen heraus. Der Leitfaden, der aus 35 Fragen besteht, sollte in erster Linie als Gedächtnisstütze und Orientierungshilfe fungieren. Es war nicht geplant, die Fragen nacheinander wortwörtlich abzuarbeiten. Stattdessen sollte eine freie Entfaltung des Gespräches möglich sein. Der Interviewer hatte die Aufgabe, den Leitfaden und die Zeit im Auge zu behalten. Für ein Interview war eine Dauer von ca. 60 Minuten vorgesehen. Fragen, die schon an anderer Stelle des Interviews behandelt wurden, sollten weggelassen werden. Dafür bestand die Möglichkeit, auf Punkte, die zwar im Leitfaden nicht vorgesehen waren, sich aber im Laufe des Gespäches als bedeutsam erwiesen, ausführlicher einzugehen. Damit hatte der Interviewer zwar die Freiheit seiner Intuition zu folgen, musste aber gleichzeitig während des Gespräches den Überblick behalten.
4. 4. Die Tonbandaufzeichnung:
Die Interviews wurden auf Tonband aufgezeichnet, damit sich der Interviewer voll auf das Gespräch konzentrieren konnte und anschließend eine Transkription des Gespräches möglich war. Anhand der Transkriptionstexte konnte dann die Auswertung der Interviews durchgeführt werden. Zu beachten war hierbei, dass das eingeschaltete Tonbandgerät, ebenso wie eine laufende Kamera, bei den Interviewten zu Hemmungen führen kann, sodass sie nicht so frei und locker erzählen wie in einer Alltagssituation. Bei einem Probeinterview für diese Studie hatte sich das als ein Problem herausgestellt. Dieses Problem tauchte aber glücklicherweise bei den eigentlichen Interviews nicht mehr auf, was zum einen daran lag, dass die Interviewpartner ein eher selbstsicheres Auftreten hatten und zum anderen, dass der Interviewer darum bemüht war, eine möglichst lockere Atmosphäre zu schaffen. Das Einschalten des Aufnahmegerätes erfolgte eher beiläufig, damit sich die Interviewten durch die Tonbandaufzeichnung möglichst wenig unter Druck gesetzt fühlten.
Bezüglich der Tonbandaufnahmen ergaben sich folgende Schwierigkeiten:
Das erste Interview mit T. wurde nicht, wie die anderen Interviews, zu Hause
gemacht, sondern sie wurde mit einem Diktiergerät interviewt, während sie den
Hund ausführte. Da T ein sehr beschäftigter Mensch ist, war das die einzige
Möglichkeit, dass das Interview überhaupt stattfinden konnte. Das Interview
verlief trotzallem ziemlich reibungslos, was T’s Fähigkeit zuzuschreiben ist,
sich gleichzeitg auf das Interview zu konzentrieren und ihren Hund im Auge zu
behalten. Nur in der Anfangssequenz fehlt ein kleines Stück, da das Gerät, das
während des Interviews hin und her gereicht wurde, nicht auf Aufnahme gestellt
war. Bei Interview 2 und 3 ergaben sich Probleme bei der Transkription, da das
Tonbandgerät nicht einwandfrei funktionierte und so manche Passagen extrem
schlecht zu verstehen waren. In den Gesprächen 4 und 5 wurde ein anderes Gerät
benutzt, mit dem es keine Schwierigkeiten gab.
4. 5. Erstellung von Prä- und Postscripten:
Zusätzlich zu den Interviewaufnahmen wurden Prä- und Postscripte zu jedem Interview angefertigt. In den Präscripten wurden Erwartungen und die ersten Eindrücke während der ersten Kontaktaufnahme festgehalten, in den Postscripten die Beobachtungen und Empfindungen während des Interviews dokumentiert, also das äußere Erscheinungsbild der Person, ihre Mimik, nonverbale Kommunikation und sonstige Auffälligkeiten.
4. 6. Suche und Auswahl der Interviewpartner:
Für diese Studie sollten Menschen interviewt werden, die Auren sehen, sogenannte Aurasichtige. Als zusätzliches Auswahlkriterium galt, dass sie das Aura-Sehen in ihre berufliche Arbeit miteinbeziehen, das heißt, dass sie zum Beispiel Auralesungen anbieten. Durch dieses Kriterium sollte sicher gestellt werden, dass sie im „fortgeschrittenen Stadium“ aurasichtig sind, sich also schon seit geraumer Zeit mit diesem Phänomen auseinandersetzen. Es war nicht geplant Personen zu interviewen, die zufällig mal eine Aurawahrnehmung hatten, wie es auch durch eine optische Täuschung oder Drogeneinfluss (Tart, 1970) möglich ist. Die Interviewpartner sollten an die Existenz von Auren glauben. Außerdem sollte der Frage nachgegangen werden, wie die Aurasichtigen diese Fähigkeit bei ihrer Arbeit einsetzen, welche Informationen sie der Aura entnehmen können und was für ein Selbstverständnis professionelle Aurasichtige haben. Dies sollte an die Binder und Wolf-Braun-Studie „Geistheilung in Deutschland“ anknüpfen, da das Aura-Sehen häufig von Geistheilern zur Diagnose angewendet wird.
Um an die Adressen von Aurasichtigen heranzukommen, wurden zwei Wege
eingeschlagen. Zum einen wurde der „Dachverband für Geistiges Heilen“ (DVGH)
kontaktiert und nach Adressen von Aurasichtigen in Berlin und Umgebung
angefragt. Der DVGH war zwar sehr hilfsbereit, hatte aber keine Adressen von
Mitgliedern, die aurasichtig sind, sondern konnte nur eine allgemeine Liste von
Mitgliedern, die ihren Wohnsitz in Berlin haben, zur Verfügung stellen. Die
einzelnen Geistheiler wurden angerufen und danach befragt, ob sie aurasichtig
seien. Diese Vorgehensweise stellte sich als sehr mühselig heraus. Der andere
Weg, um an Adressen zu gelangen, bestand darin, bei dem Verein
„Patienteninformation für Naturheilkunde“ in Berlin Adressen von Aurasichtigen
anzufordern. Zufälligerweise war dieser Verein im Besitz einer Liste von
Aurasichtigen in ganz Deutschland, der Schweiz und Österreich, die sich
aufgrund eines Aufrufes in der Zeitschrift „Esotera“ gemeldet hatten. Von
Medizinern, die vor ca.3 Jahren eine Untersuchung mit Aurasichtigen geplant
hatten, war damals eine Anzeige in der „Esotera“ geschaltet worden. Da diese
Untersuchung dann doch nicht durchgeführt wurde, ist die Adressenliste in das
Archiv der „Patientieninformation“ gelangt.
Die Personen der Liste, die in Berlin oder Hamburg wohnten, wurden angerufen und
gefragt, ob sie das Aurasehen bei ihrer beruflichen Arbeit einsetzen und ob sie
bereit wären, an der Studie teilzunehmen. Nicht alle, die auf der Liste standen,
waren telefonisch zu erreichen. Da es in dieser Arbeit darum geht, die
subjektive Weltsicht von Aurasichtigen nachzuvollziehen, wurde beim Telefonat
bereits darauf geachtet, dass eine einwandfreie Verständigung möglich ist.
Schließlich wurden mit drei Aurasichtigen in Hamburg und einem in Berlin
Interviewtermine vereinbart. Für das fünfte Interview wurde auf jemand
zurückgegriffen, die von der Studie mit esoterischen und parapsychologischen
Medien bereits bekannt war. Die Interviews fanden im Februar und März 2001
statt.
4. 7. Die Probeinterviews
Im Januar 2001 sind drei Probeinterviews geführt worden. Bei diesen Vorabgesprächen wurden Personen befragt, auf deren Adresse während der Recherche gestoßen wurde, die aber aus verschiedenen Gründen für die Hauptinterviews als nicht geeignet galten. Die Probeinterviews erwiesen sich jedch als sehr nützlich, um eine gewisse Übung zu bekommen im Interview führen, den Leitfaden zu verbessern und auszuarbeiten, sowie Erfahrungen zu sammeln im Umgang mit diesem Personenkreis.
Das erste Probeinterview wurde mit einer Studentin der Freien Universität Berlin geführt, die hin und wieder Aura-Wahrnehmungen hat, dies aber nicht professionell nützt und aus diesem Grund auch nicht für die Hauptinterviews in Frage kam. Bei ihr trat das Problem auf, dass sie durch die Tonbandaufnahme unheimlich gehemmt war und das Gespräch daher etwas schleppend verlief. Auch zeigte sich, dass der Fragebogen zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgereift genug war, denn das Gespräch war ziemlich schnell beendet. Sie berichtete davon, wie sie während des Studiums entdeckte, dass sie Auren als eine Art Schimmer um den Körper herum sieht. Einmal hat sie bei einem Freund eine Veränderung in der Aura beobachtet. Als sie ihren Freund darauf ansprach, bestätigte er ihr, dass ihm an diesem Tag sehr unwohl wäre. Ansonsten habe sie sich auch mit esoterischen Themen auseinandergesetzt, indem sie Workshops besucht und Bücher dazu gelesen hat. Da sie aber momentan stark mit ihrem Studium beschäftigt sei, würde sie gerade nicht so sehr dazu kommen, sich mit Esoterik zu beschäftigen.
Das zweite Probeinterview wurde mit einem älteren Herrn geführt, der sich auch aufgrund der Anzeige in der „Esotera“ gemeldet hatte. Es war zunächst nicht möglich, ihn telefonisch zu erreichen, sodass ihm ein Brief geschrieben wurde. Daraufhin meldete er sich per Email. Da man ihn nicht zu Hause treffen durfte, sondern nur an der Universität in Berlin-Dahlem und die anderen Interviewtermine bereits standen, konnte auch mit ihm nur ein Probeinterview gemacht werden. Es stellte sich aber heraus, dass es sehr schwierig war mit ihm ein Gespräch zu führen, da er nicht bereit war, auf die Fragen einzugehen. Stattdessen war es ihm viel wichtiger, über gesunde Lebensweisen zu dozieren und sich zu den Missständen an den Universitäten, der Gesellschaft und der heutigen Zeit auszulassen. Zumindest war von ihm zu erfahren, dass er erst als Rentner angefangen hatte, sich für Esoterik zu interessieren. Sein Einstieg war das Pendeln, dann begann er seinen kompletten Lebensstil umzustellen, das heißt, er begann sich nach dem „5 Elementen-System“ der chinesischen Medizin zu ernähren und seine Wohnung nach „energetischen“ Gesichtspunkten einzurichten. Über das Wahrnehmen von Auren konnte man von ihm nichts Genaueres erfahren.
Der Gesprächspartner des 3. Probeinterviews war ein Mitglied des Dachverbandes für Geistiges Heilen und ebenfalls nicht ganz unkompliziert. Er hatte Schwierigkeiten damit, biographische Episoden chronologisch zu erzählen und sprang häufig zwischen verschiedenen Themen hin und her. Auch machte er gerne Andeutungen, ohne detaillierte und verständliche Aussagen folgen zu lassen. Dazu kam, dass er wie der vorherige Gesprächspartner, einen Hang zum Belehren hatte. Er berichtete, dass er zum ersten Mal eine Aura gesehen habe, als er noch ein Kind war, und zwar in dem Moment, als sein Vater starb. Damals verstand er das aber noch nicht. Einige Jahre später habe er dann beim Tod seines Hundes eine ähnliche Beobachtung gemacht. Danach sei ihm der „Geist seines Vaters“ erschienen und wäre fortan, über mehrere Jahre, sein Lehrer gewesen. Neben dem Aura-Lesen habe er von seinem verstorbenen Vater eine Technik gelernt, die er „Realitätserschaffung“ nennt. Mit dieser Technik wäre es ihm möglich, seine Wirklichkeit im voraus bis ins Detail zu gestalten. Eine Zeitlang sei er Polizist gewesen und habe seine Fähigkeit, Auren zu sehen, dazu eingesetzt, zu erkennen, ob jemand die Wahrheit sage oder lüge. Inzwischen sei er hauptberuflich als Lebensberater tätig und würde sein Konzept der „Realitätserschaffung“ in Kursen unterrichten.
Nachdem sich die Durchführung aller drei Probeinterviews als ziemlich problematisch erwiesen hatte, war es zunächst fraglich, ob es überhaupt möglich sei, mit diesem Personenkreis Interviews zu führen, die für eine wissenschaftliche Arbeit verwendbar sind.
4. 8. Durchführung der Interviews:
Bis auf ein Interview wurden alle Gespräche bei den Aurasichtigen zu Hause durchgeführt. Nach einer kurzen Begrüßung wurde das Tonbandgerät aufgebaut und angeschlossen. Dann wurden noch eventuelle Fragen bezüglich des Interviews und der Arbeit geklärt und den Interviewpartnern Anonymität zugesichert. Diese Vorlaufphase für das Gespräch dauerte in der Regel nicht länger als 10 Minuten, dann fing das Interview an. Die Interviews dauerten durchschnittlich 60 Minuten. Es wurde darauf geachtet, dass alle wichtigen Themen abgehandelt wurden, die Gespräche aber kürzer als 90 Minuten waren. Nach den Interviews hatten die Befragten nochmals die Gelegenheit, Fragen zu der Arbeit zu stellen. Einige waren sehr neugierig und wollten unbedingt eine Kopie der fertigen Arbeit zugeschickt bekommen. Gelegentlich wurden auch die Interviewten gefragt, wie ihnen das Gespräch gefallen habe. Aber auch diese Verabschiedungsphase dauerte nicht sehr lange.
4. 9. Die Transkription der Interviews:
Um eine ausführliche Textanalyse vorzunehmen, mussten die Interviews vertextet werden. Die durchschnittliche Länge der Interviewtexte beträgt 14 Seiten, bei Schriftgröße 12. Sie wurden nur so ausführlich transkripiert, wie es für die Auswertung erforderlich war, das heißt, dass Pausen und Lacher im Transkript erwähnt, Laute wie „Ääh“ oder „Hmm“ jedoch größtenteils weggelassen wurden. Eine Interviewpartnerin stammt aus Russland und spricht ein etwas gebrochenes Deutsch, dass aber gut verständlich ist und mit dem sie sich auch sehr vielseitig ausdrücken kann. Bei der Verschriftung ihres Interviews, wurden keine sprachlichen oder grammatikalischen Korrekturen vorgenommen, da die Schilderungen im Originalwortlaut sehr viel Atomosphäre transportieren. Wie bereits erwähnt, gab es bei zwei Interviews Schwierigkeiten bei der Verschriftung, da die Aufnahmequalität sehr schlecht war.
4. 10. Die Auswertung der Interviews:
Die Auswertung erfolgte nach der Technik des „Zirkulären Dekonstruierens“ nach Jaeggie, Faas und Mruck (1998). Diese Methode wurde ausgehend von verschiedenen, qualitativen Forschungsprojekten und der Betreuung von Diplomarbeiten, in Anlehnung an die Grounded Theory (Glaser & Strauss, 1967) und anderen Texten und Methoden (Böhm, Mengel & Muhr, 1994; Jüttemann, 1990; Witzel 1995 u.a.) entwickelt. Mit Grounded Theory wird eine „gegenstandsbegründete Theorie“ verstanden, die durch „theoretisches Kodieren“ aus den Daten (z.B.: Interviews, Texte, Feldnotizen etc.) entwickelt werden soll (Flick, 1999, S.197-206). Dabei werden Worten und Redewendungen neue Begriffe zugeordnet („Kodieren“) und diese Begriffe wiederum werden kategorisiert, das heißt, verschiedene Begriffe werden zu Oberbegriffen zusammengefasst und Beziehungen zwischen Begriffen und Kategorien werden herausgearbeitet. Diese enge Arbeit am Text soll in einem zunehmenden Abstraktionsprozess zur Entwicklung von gegenstandsbegründeten Theorien führen. In einer Studie über Umgang mit Sterbenden im Krankenhaus (Glaser & Strauss, 1965/1974) wurde dieses Methode entwickelt und angewendet. Hierbei konnte eine Theorie erarbeitet werden, derzufolge die Interaktionsformen mit Sterbenden stark von den „Bewusstheitskontexten“ abhängt, das heißt, vom Grad der Bewusstheit des Patienten oder der Interagierenden über seinen Zustand. Dieses Meta-Konstrukt „Bewusstheitsgrad“ eröffnete neue Einsichten in viele Phänomen-Bereiche der Krankenpflege. Die von Jaeggi, Faas und Mruck entwickelte Methode des Zirkulären Dekonstruierens wird ebenfalls dazu verwandt, Theorien zu generieren. Der Name leitet sich aus der Vorgehensweise ab: „Unser Ausgangsmaterial ist ein Text, um den herum wir uns in kreativen Gedankenschleifen intuitions- und theoriegeleitet bewegen. Damit ,dekonstruieren‘ wir zirkulär und rekursiv den Text und setzen ihn anschließend so zusammen, dass implizite Sinngehalte sichtbar werden können.“ (Jaeggi, Faas & Mruck, 1998, S. 5-6) Gemäß der Methode des Zirkulären Dekonstruierens sind die einzelnen Interviews zunächst in Sechserschritten durchgearbeitet worden.
Erste Auswertungsphase:
1.Schritt: Formulierung eines Mottos für den Text
Im ersten Arbeitsschritt wurden die Interviews nach einem prägnanten Satz, der
als Motto für das jeweilige Interview fungieren konnte, durchgeschaut. Mit
diesem Motto konnte bereits eine erste Beziehung zum Text und der interviewten
Person aufgebaut werden.
2. Schritt: Zusammenfassende Nacherzählung
Bei diesem Schritt wurde das Material gekürzt und überschaubar gemacht, außerdem
schon wichtige Erzählstränge herausgearbeitet.
3. Schritt: Die Stichwortliste
Als nächstes wurde eine Liste erstellt mit allen auffälligen und gehaltvollen
Worten oder Begriffen des Textes und diese in chronologischer Reihenfolge
angeordnet. Da diese Arbeit sehr ausufern kann, wird bei Jaeggi, Faas und Mruck
vorgeschlagen, nicht den gesamten Text durchzuarbeiten, sondern nur Anfang,
Mitte und Schluss. Bei der Bearbeitung dieser Interviews wurde einfach jede
zweite Seite nach interessanten Begriffen durchgeschaut. Da selbst mit dieser
Variante bei der Durcharbeitung des ersten Textes noch eine äußerst umfangreiche
Liste mit Stichworten zusammenkam, wurden bei den folgenden Interviews die
Begriffe kritischer ausgewählt, um einen besseren Überblick zu bewahren.
4. Schritt: Der Themenkatalog
Bei Schritt 4 wurden aus der Stichwortliste verschiedene Themenbereiche
extrahiert, indem gleichartige oder zusammenhängende Stichworte unter
thematischen Oberbegriffen angeordnet wurden. Damit ergaben sich bereits
Vorkategorien, die die Stichwortliste strukturierten. Ähnlichkeiten und
Unterschiede zwischen den Stichworten erschienen nun deutlich und durch
Formulierung der Oberbegriffe fanden schon erste Interpretationsleistungen
statt.
5. Schritt: Die Paraphrasierung
Nun wurden die Interviews erneut nacherzählt, allerdings fand jetzt eine
Orientierung am Themenkatalog statt. Entweder wurden mehrere Themen unter
Metathemen zusammengefasst oder ein einzelnes Thema detaillierter ausgearbeitet.
Im Unterschied zur Nacherzählung wurden hierbei Phrasen aus den Interviews in
den Text eingebunden.
6. Schritt: Die zentralen Kategorien
Mit der Zusammenführung der bisherigen Arbeitsschritte im 6. Schritt war das
Ende der Einzelauswertung erreicht. Hier wurde nun aufgrund der
herausgearbeiteten Themen in Schritt 5 eine Liste zentraler Kategorien erstellt.
Die zentralen Kategorien sollten einen kontrastierenden Vergleich der fünf
Interviews ermöglichen.
Zweite Auswertungsphase:
1. Schritt: Synopsis
Nach der Einzelauswertung der fünf Interviews wurde anhand der zentralen
Kategorien eine Tabelle erstellt, um die Interviews miteinander zu vergleichen.
Daran konnte man Themen, die über mehrere Interviews hinweg von Bedeutung sind,
von idiosynkratischen Kategorien unterscheiden. Die übergreifenden Themen wurden
in den nun folgenden Schritten weiterverarbeitet, während die idiosynkratischen
Kategorien in die Darstellung der einzelnen Interviews miteinflossen.
2. Schritt: Verdichtung
Nun wurden immer mehrere Kategorien, die übereinstimmend in verschiedenen
Interviews auftauchten, zu einem neuen Konstrukt verdichtet. Diese Konstrukte
sind keine logischen Oberbegriffe, sondern sind der „Versuch der Akzentuierung
einer psychologischen Gestalt“ (Jaaggi, Faas & Mruck, 1998, S.15). Damit werden
in diesem Schritt nun verschiedene Formen psychologischen Erlebens, Denkens und
Handelns, welche mit dem Aura-Sehen im Zusammenhang stehen, beschrieben.
3. Schritt: Komparative Paraphrasierung
In diesem vorerst letzten Schritt wurden die gewonnenen Konstrukte mit Hilfe von
Zitaten vergleichend dargestellt, also wieder Unterschiede und Gemeinsamkeiten
der Interviews durch Fokussierung beschrieben. Der Erkenntnisgewinn liegt darin,
dass die komparative Paraphrasierung hilft, die „Komplexität der angesprochenen
Phänomene sinnvoll und nachvollziehbar zu strukturieren und damit zu reduzieren“
(Jaaggi, Faas & Mruck, 1998, S.17).
4. 12. Auswertungsprozess:
Zunächst wurden die Interviews gemäß der Methode von Jaeggi, Faas und Mruck
ausgewertet. Diese Vorgehensweise war zwar sehr arbeitsaufwendig, ermöglichte es
aber, eine Übersicht über das Material zu bekommen. Damit war der
Auswertungsprozess aber nicht abgeschlossen, sondern setzte sich im Prinzip bis
zum Ende der Niederschrift der Ergebnisdarstellung fort, da immer wieder neue
Aspekte entdeckt wurden, die es zu berücksichtigen galt. Um der heterogenen
Themenvielfalt der Interviews gerecht zu werden, wurde bei der
Ergebnisdarstellung beschlossen, die Systematik des Interviewleitfadens zu
übernehmen und die einzelnen Abschnitte der Interviews auch in einzelnen
Kapiteln darzustellen. In den Kapiteln wurden dann immer zuerst die einzelnen
Fälle unter dem Blickpunkt einer bestimmten Thematik beschrieben und dann die
übergreifenden Konstrukte. Dadurch sollten Gemeinsamkeiten und Unterschiede der
einzelnen Fälle aufgezeigt werden. Da es aus verschiedenen Gründen nicht möglich
war, den Auswertungsprozess im Rahmen eines Forschungskolloquiums regelmäßig zu
diskutieren, um ein gewisses Maß an Objektivität zu erreichen, bin ich meinen
Freunden Oliver Geyer und Werner Held, die beide mit parapsychologischen Themen
sehr gut vertraut sind, dafür zu Dank verpflichtet, dass sie mir bei diesem
mühseligen Auswertungsprozess mit Rat und Tat beistanden.
5. Ergebnisdarstellung
In der Ergebnisdarstellung werden nun die einzelnen Themen unter folgenden
Kapitelüberschriften behandelt:
1. Ontogenese des Aurasehens
2. Individuelle Repräsentation der Aura-Wahrnehmung
3. Berufliche Anwendung des Aura-Sehens
4. Persönliche Bedeutung des Aura-Sehens
5. Umgang der Aurasichtigen mit Freunden und Familie
6. Paranormale und mystische Erlebnisse der Aurasichtigen
In jedem Kapitel wird zunächst unter Berücksichtigung der vorhandenen Literatur ein Überblick über die Thematik gegeben. Anschließend werden die einzelnen Fälle in Hinblick auf die Thematik dargestellt. In der „Zusammenfassenden Darstellung“ werden Konstrukte, die im Auswertungsprozess herausgearbeitet wurden, vorgestellt und erläutert. Schließlich werden in der „Abschließenden Bemerkung“ gegenstandsbegründete Theorien formuliert.
5. 1. Ontogenese des Aura-Sehens
Im ersten Abschnitt der Ergebnisdarstellung wird die Entwicklung des Aura-Sehens behandelt. Hier stellt sich die Frage, ob sich diese eigenartige Wahrnehmung spontan, vielleicht schon in der Kindheit, entwickelt hat oder ob diese „Fähigkeit“ erlernt wurde, womöglich in einem Kurs oder Seminar? Inwieweit spielen also innere Faktoren, wie Veranlagung und eigene Motivation, sowie äußere Faktoren, wie Umwelteinflüsse, eine Rolle bei der Ausbildung des Aura-Sehens? Das Aura-Sehen ist aber nicht als ein einzelnes Phänomen zu betrachten, sondern ein Aspekt einer sogenannten sensitiven oder medialen Wahrnehmung.
Da die Begriffe „Sensitivität“ oder „Medialität“ keine anerkannten Konstrukte in der Psychologie sind, gibt es kaum empirische Studien über die Entwicklungsverläufe von Sensitiven. Die Literatur beschränkt sich auf autobiographische Texte und verschiedene Berichte von Parapsychologen, die mit Sensitiven geforscht haben (Garret, 1939; Karagulla, 1967; Ellison, 1988; Bösch, 1999). Der Parapsychologe Walter von Lucadou skizziert die typische Biografie eines Geistheilers so:„ ,Echte‘ Hellseher haben (vermutlich) einmal oder mehrfach in ihrem Leben ein sogenanntes ,subjektives paranormales Erlebnis‘ gehabt, bei dem sie ihre ,Fähigkeit‘ oder ,Gabe‘ glaubten entdeckt zu haben ... Ein häufiges Beispiel hierfür sind ,außerkörperliche Erfahrungen‘ oder Ahnungen oder Träume, die sich später ,bewahrheiten‘... Solche vermeintlichen ,Naturtalente‘ haben oft das ernsthafte Bedürfnis, anderen Menschen durch ihre Gabe zu helfen ... Nicht wenige betrachten ihre Fähigkeit als eine ,Gottesgabe‘ und sie fürchten, sie könnte ihnen entzogen werden, wenn sie diese eigennützig anwenden. Sie haben oft ein besonderes Verantwortungsbewusstsein und feste ethische Grundsätze. Nicht selten wird die ,Gabe‘ auch als ,Last‘ empfunden, wobei hier eine sorgfältige Unterscheidung zur ,Attitüde‘ mancher Scharlatane angezeigt ist.“ (Lucadou, 1995, S.227-228). Da die Entwicklung des Aura-Sehens und der Sensitivität eng verknüpft ist mit dem Werdegang der Befragten, wird die Ontogenese anhand der Lebensgeschichte dargestellt. So kann die Ontogenese von den ersten Anzeichen sensitiver Wahrnehmungen in der Kindheit, über der Entdeckung oder Entwicklung der „Fähigkeit“, bis hin zur Entscheidung für die Profession des Heilers nachgezeichnet werden. Ein besonderes Augenmerk soll auch auf die Zweifel der Aurasichtigen, an der Realität der Wahrnehmung und der eigenen geistigen Gesundheit und ihr berufliches Selbstverständnis gelegt werden. Da die Anzeichen von Sensitivität sehr schwer von den Symptomen psychischer Krankheiten unterschieden werden können, stellt sich die Frage, welche Faktoren dazu geführt haben, dass die Aurasichtigen ihre seelische Gesundheit bewahren konnten.
5. 1. 1. Interview mit T: „Ich mach´ so ein ressourcenorientiertes Aura-Lesen“
T erzählt, dass sie schon als Kind „diversen spirituellen Einflüssen“ durch buddhistische Kindermädchen, der Erziehung von katholischen Nonnen und der protestantischen Großeltern ausgesetzt war. Auch hat sie durch ihre Großmutter einiges über Kräuterheilkunde und Handauflegen mitbekommen. Als Kind hatte sie viele Wahrträume. Einmal träumte sie zum Beispiel, dass die Putzfrau beim Blumengießen von der Mauer fallen und sich ein Bein brechen würde, was sich dann auch tatsächlich ereignete. Obwohl ihre Mutter selber Tarotkarten legt, wollten ihre Eltern nicht, dass sie sich mit diesen Dingen beschäftigt, da sie auf eine naturwissenschaftliche Schule gehen sollte. Sie habe das dann „lange ruhen lassen“. Am Ende ihrer Schulzeit, als sich ihre Eltern scheiden ließen, machte sie eine sehr krisenhafte Zeit durch. Ihr Vater, der „quasi Rechtsanwalt ist“ und während seiner Zeit in Afrika „mehr oder weniger bei der Mafia gearbeitet hat“, habe mit sehr „harten Bandagen gekämpft“. Es kam zu mehreren Gerichtsverhandlungen und Polizeieinsätzen. In dieser Zeit ging es ihr „emotional sehr, sehr schlecht“ und zwischendurch sei sie „echt so lebensmüde“ gewesen. Als sie dann nach der Schule anfing, Psychologie zu studieren, sei das mehr so eine „Schnapsidee“ gewesen. Sie wollte eigentlich nur „zwei Semester parken“ und „sich erholen“. Über die Esoterik habe sie sich aus der Krise „wieder herausgezogen“. Sie habe viele Entspannungskurse wie Yoga und Handauflegen usw., gemacht, was ihr sehr geholfen hätte.
Schließlich hat sie in einem einjährigen Kurs das „Aura-Sehen“ bei einer englischen Heilerin vom „Arthur Findlay College“ gelernt, das zur„Spiritualist Church“4 gehört. In diesem Kurs hat sie dann zum ersten Mal eine Aura gesehen: „Das war gleich am ersten Tag, beim ersten Versuch, und das war überhaupt nicht beängstigend, erschreckend oder euphorisierend, weil, erstmal die ganze Arbeitsatmosphäre so war, dass es ganz normal ist und sich keiner was drauf einbilden oder sich erschrecken lassen soll. Das waren nur ganz, ganz leichte Farbandeutungen für 1 bis 2 Sekunden, die dann verschwanden.“ Von diesem ersten Eindruck wurde dann weitergearbeitet mit einem Traumtagebuch, mit Meditationen über die Farben, mit dem Aufschreiben der persönlichen Farben und Farbkombinationen. T ist der Meinung, dass das ständige Üben und die Weiterentwicklung der Interpretationsfähigkeit für die Entwicklung des Aurasehens unerlässlich ist. Von daher sei es auch sehr wichtig gewesen, dass sie von ihrer Mutter, die selber Tarotkarten legt, dazu angehalten wurde, sofort damit anzufangen, bei Freunden und Verwandten, Auren zu lesen und auch Geld dafür zu nehmen. Zur Weiterentwicklung führte sie ein Tagebuch, in dem „dann nachher 60 Farben und die entsprechenden Farbkombinationen“ drin standen. Durch das ständige „Pushing“ ihrer Mutter sei sie „am Ball geblieben“ und es sei ihr „in Fleisch und Blut übergegangen.“ Mit dem Aura-Sehen konnte sie dann ihr Psychologie-Studium finanzieren, indem sie eine „Esoterische Lebensberatung mit Aura-Lesen und Tarot“ angeboten hat. Ihre Klientel bestand vor allem aus Leuten aus dem Gesundheitswesen, also Ärzte und Krankenschwestern. Ihre Art des Aura-Sehens sei eher pragmatisch. „Ich mach´ eher so ein ressourcenorientiertes Aura-Lesen – was der Mensch eh kann, kann ihm jetzt helfen.“ Daher würden viele Leute zu ihr kommen, die eine Art „Coaching“ oder „Unterstützung für ihre Zukunftspläne“ haben wollen. Später hat sie dann selber Leute im Aura-Lesen ausgebildet. Sie denkt, dass das „etwas ist, was jeder kann“, denn von den ca. 50-60 Leuten, die sie ausgebildet habe, „gab es niemanden, der nichts gesehen hätte“. Nach zwei Tagen „können die Leute das“. „Die Sache ist nur, die die etwas Angst davor haben und nicht trainieren und sich da reinfuchsen, verlieren das dann auch wieder.“ Nach ihrem Studium verbrachte sie ein Jahr bei ihrem Guru Ammachi5 in Südindien, das geprägt war von sehr intensiven Erfahrungen. Ammachi, die zu diesem Zeitpunkt noch relativ unbekannt in Deutschland war, hatte sie durch Zufall in Köln kennengelernt. Den Aufenthalt in Indien bezeichnet sie als „Wende in ihrem Leben“. Sie wohnte dort mit 30 Westlern und 50 Indern in ganz einfachen Hütten in einem Palmenwald und sie mussten dort hart arbeiten. Das Ganze hätte sehr dem christlichen „ora et labora“ entsprochen. Zu dieser Zeit habe sie erst angefangen, „das mit der Spiritualität und Esoterik ernstzunehmen“. Der Aufenthalt war geprägt von verschiedenen Visionen und der Ausbildung der spirituellen Fähigkeiten, durch Aura-Lesen und Meditation. Einmal war sie lebensbedrohlich krank und als sie sehr hohes Fieber hatte, habe sie „alle Leute nur noch als Sonnen gesehen“.
In Deutschland hat sie dann als Psychologin in der Psychiatrie gearbeitet und
verschiedene Ausbildungen zur Psychotherapeutin gemacht. Während ihrer
Ausbildung zur Verhaltenstherapeutin ist die Spiritualität wieder ein bisschen
in den Hintergrund gerückt. Sie habe gemerkt, wie sie „das
Naturwissenschaftliche und die Lernerei und die ganzen Auflagen, die man
erbringen muss für diese Anerkennung, aufgerieben haben“ und da habe sie
überhaupt keine Zeit und Energie mehr gehabt, sich „um irgendwas Esoterisches zu
kümmern“. Sie habe zwar nebenher immer noch Aura-Lesungen gemacht, aber im
klinischen Rahmen hauptsächlich neuropsychologisch gearbeitet und das sei „eine
ganz andere Art der Konzentration“. Allerdings hätten ihr gewisse Erfahrungen
und Fähigkeiten, die sie durch die Beschäftigung mit Esoterik erworben habe, bei
der Arbeit in der Psychiatrie und als Psychotherapeutin sehr geholfen. Bei ihrer
Arbeit in der Gerontopsychiatrie und mit Suizidangehörigen und Angehörigen von
Alzheimerpatienten habe sie sehr von ihren eigenen „Grenzerfahrungen“, die sie
zum Beispiel in Indien gemacht habe, profitieren können. Auch würde ihr die
Esoterik dabei helfen, die „moderne verhaltenstherapeutischen Methoden“ bei der
Behandlung von Psychotikern anzuwenden. Sodass man „nicht nur die Defizite
sieht“, wenn jemand psychotisch wird, sondern auch „die Kreativität“ und „die
Botschaft“ entdeckt, die sich da drin verbirgt. Aber was ihr am meisten helfen
würde, ist, „dass sie die Gefühle mitfühlen kann, durch das Aura-Lesen“. Wenn
sich die Klienten zum Beispiel „irgendwo reinsteigern“ und das nicht
„authentisch“ sei, dann würde sie das sehr schnell merken und könnte dann damit
„viel gelassener umgehen“. Von der verhaltenstherapeutischen Methode ist sie
sehr überzeugt und kann gar nicht verstehen, „wie irgendjemand was anderes
machen kann“, während sie die Esoterik-Szene sehr kritisiert. Das wäre alles
noch so „magisch und abergläubisch“ und die meisten Heiler und Medien würden
sehr unpräzise Informationen geben. Die englischen Heiler hingegen seien „viel
fitter“. „Die dürfen erst loslegen, wenn sie gnadenlos gut sind.“ Sie ist davon
überzeugt, dass die Psychologen auch so gut sein könnten, wenn sie trainieren
würden. Dann könnte man Psychotherapie „auf eine viel mühelosere und elegantere
Art und Weise machen, als es im Moment der Fall ist“.
4 Die im Jahre 1901 in England gegründete „Spiritualists
National Union“ ist mit momentan 16614 Mitgliedern eine der größten
spiritistischen Vereinigungen der Welt. Eines ihrer prominentesten Mitglieder
war Sir Arthur Conan Doyle. Das, von dem Mitglied Arthur Findlay, gegründete
College hat es sich zum Ziel gesetzt, „Psychic science“, also die
wissenschaftliche Erforschung des Spiritismus, zu fördern und bietet
umfangreiche Ausbildungsprogramme für Heiler und Medien an (SNU, 2000).
5 Mata Amritanandamayi, genannt „Amma“ oder „Ammachi“, die
„Mutter der unsterblichen Glückseligkeit“, ist eine indische Heilige. Sie wurde
am 27.9.1953 in Parayakadavu, in Kerala, geboren und ist Begründerin der „Mata
Amritanandamayi Mission“, die zurzeit 20 Ableger im Ausland betreibt. Sie wird
von Aussenstehenden auch die „Meisterin der Umarmung“ genannt, da sie bei ihren
„Darshans“ manchmal mehrere hundert Menschen nacheinander umarmt. Durch diese
Umarmung soll die besuchende Person in einen höheren Bewußtseinszustand erhoben
werden. Ammachi wirkt also weniger durch ihre Lehre, als durch ihre „heilige“
Präsenz. Ihr enormes soziales Engagement wird auch von der „Evangelischen
Informationsstelle für Kirchen, Sekten und Religion“ hervorgehoben (Schmid,
1988).
5. 1. 2. Interview mit P: „Ein liebender Mensch, der leuchtet drei Kilometer gegen den Wind!“
P stammt aus der ehemaligen DDR und habe ein sehr krisenhaftes Leben gehabt. Weil sie mit einem katholischen Pfarrer verheiratet war, hatte sie bereits in der DDR große Schwierigkeiten. Vor allem als sie in Thüringen als Schauspielerin am Theater angestellt war. Dort sei sie vielen „künstlerischen Schikanen und Kränkungen“ ausgesetzt gewesen. In dieser Zeit habe sie insgesamt drei Nervenzusammenbrüche gehabt. Beim ersten konnte sie nichts mehr hören und beim zweiten nicht mehr sprechen. Eine weitere Krise war die Scheidung von ihrem Mann. Aber ihre größte Krise hatte sie, als ihre beiden Kinder in die Pubertät kamen. Ihre Kinder, die von heut auf morgen total verändert waren, hätten sie durch ihr rebellisches Verhalten so sehr terrorisiert, dass sie weder schlafen, noch arbeiten konnte. Ebenfalls während einer persönlichen Krise sei sie durch Zufall, „den es ja eigentlich nicht gibt“, auf die Adresse von T6 gestoßen. T habe bei ihr die Aura gelesen und das habe sie „fasziniert“. Am Ende der Sitzung habe T gemeint, dass sie auch die „Fähigkeit“ hätte zum Aura-Sehen und habe ihr eine Information mitgegeben. Da sie ihr vertraut hätte, habe sie bei ihr einen 2-jährigen Kurs im Aura-Sehen gemacht. Vorher hatte sie bereits hellsichtige Erfahrungen, z.B. beim Suizidversuch ihrer Mutter und beim Tod ihres Vaters. Ein wichtiger Bestandteil für die Entwicklung des Aura-Sehens sei es gewesen, vertrauen zu ihrer Intuition aufzubauen. Anfangs hatte sie stark an ihrer Fähigkeit gezweifelt und wollte schon aufhören damit. Die anderen im Kurs hätten „Farben, Formen, Blitze, Steine usw. gesehen, stattdessen habe sie „gefühlt“. Ihre erste bewusste Aura-Erfahrung hatte sie aber nicht in dem Kurs, sondern als sie mit einer Freundin in der Bretagne war: „Und einmal mit einer Freundin ..., da haben wir uns beide angeschaut und ganz bewusst unsere Auren lesen wollen und hatten uns sehr lange aufeinander eingestimmt und waren auch in einer Umgebung, die sehr kraftvoll war. Und da wusste ich einfach, dass ich Auralesen kann, weil ich habe Gesichter gesehen, so zack- zack -zack , wie ein Film in so einem Zerhacker.“ P ist davon überzeugt, dass sie in diesem Moment „die ganzen Inkarnationen der Frau gesehen“ habe.
Seit 20 Jahren beschäftige sie sich mit Qi Gong und Tai Chi und macht eine
„Gesundheitsberatung basierend auf den Kenntnissen der Traditionellen
Chinesischen Medizin“. Es hat allerdings eine Weile gedauert, bis sie sich
getraut habe, das Aura-Sehen in ihre beratende Tätigkeit mit einzubeziehen. Nun
arbeitet sie mit einem chinesischen Meister zusammen, der sie verschiedene
Meditationstechniken und Aura-Lesen lehrt. Sie habe sehr lange nach einem
chinesischen Meister gesucht, der „der deutschen Sprache kundig sei“. Denn es
sei sehr schwierig, sich über „spirituelle Dinge“ auszutauschen, wenn man nicht
die gleiche Sprache spricht. Ihren chinesischen Meister beschreibt sie als einen
„faszinierenden Mann“. Er macht mit ihr spezielle Atemübungen, wie „Feueratmen“
und „Embryonalatmen“ und begleitet sie auch ernährungsmäßig, um ihren „Körper zu
reinigen und zu balancieren“. Momentan mache sie täglich „gezielte Atemübungen“
und unter seiner Anleitung auch eine „Sauerkrautkur“. Dadurch ist sie
„empfänglicher und aufnahmefähiger geworden – noch mehr Antenne!“. Für sie ist
das Entwickeln der Fähigkeit des Aura-Sehens Teil ihres „spirituellen Weges“.
Außerdem habe er ihr noch spezielle Techniken des Aura-Sehens beigebracht. Zum
Beispiel, wie man „den Sehnerv durch Meditation so schult“, dass man in der Lage
ist, „den Augapfel zu spüren und hinter den Sehnerv zu spüren“ und dann „das
Gesichtsfeld einengt, so dass man nur noch durch einen Spalt guckt“. Dadurch sei
es ihr möglich „die Inkarnationen“ und „die Chakren als runde Öffnungen zu
sehen“.
Neben der Arbeit als Gesundheitsberaterin ist sie als Coach für junge
Schauspieler tätig. Auch bei dieser Arbeit möchte sie das Aura-Sehen in Zukunft
noch mehr miteinbeziehen. Man könnte das Aura-Sehen auch für die künstlerische
Arbeit nutzen, indem man „nicht nur die Aura einer Person liest, sondern die
Aura einer Landschaft oder einer Szene“. Für P ist das Aura-Sehen auch eine
Bereicherung in ihrem Alltag. Ganz euphorisch erzählt sie von einem Erlebnis,
als sie bei einem beruflichen Treffen bei einem Menschen ein „ganz offenes
Herzchakra“ gesehen hat. An einer anderen Stelle sagt sie: „Ein liebender
Mensch, der leuchtet drei Kilometer gegen den Wind!“
6 T ist die Aurasichtige aus dem ersten Interview.
5. 1. 3. Interview mit O: „Da war ich dann aufgenommen im Familienkreis“
O erzählt, dass er seine erste Aura-Wahrnehmung mit 7 Jahren in der Schule hatte: „Das war also schon in der Schule so, dass ich sehe, dass der Lehrer gleich was fragen wird und es war dann wirklich so- er fragte. Ich sah quasi seine Aura auf mich zukommen und sie stand schon vor mir und fragte und dann fragt er wirklich.“ Als er dann zuhause von seinem Erlebnis berichtete, stellte sich heraus, dass sowohl sein Vater, als auch sein Großvater, diese besondere Art der Wahrnehmung haben: „...mein Großvater hat gesagt: ,Wir haben alle das gleiche Problem oder das gleiche Phänomen, wir können Sachen nach vorne schauen.‘ “ Damit war er in den „Familienkreis“ aufgenommen. Bei seinem Großvater, der als Heilpraktiker tätig war, ging er dann sozusagen in die Lehre, indem er häufig bei den Behandlungen dabei sein durfte: „Und zu dem kamen natürlich auch Menschen, die irgendwelche Probleme hatten. Und der hat dann gesagt: ,Das ist das. Hast du das auch gesehen?‘ So sei er „gezielt auf Punkte hingewiesen worden.“ „Wenn was das ist, müsste eigentlich das dahinter stecken. Sein Großvater hätte auch darauf geachtet, dass er diese „Fähigkeit“ nicht missbraucht, zum Beispiel bei Klassenarbeiten in der Schule.
Mit 18 ging er dann für 9 1/2 Jahre nach Tibet und wurde dort von „schamanischen Heilern“ in tibetischen und asiatischen Heiltechniken, sowie in Natur- und Pflanzenkunde unterrichtet. Das sei eine „extreme Erfahrung gewesen“. Nachdem er aus Asien zurückgekehrt war, studierte er Physik: „Über dieses Studium konnte ich mir die feinstofflichen Zusammenhänge dann besser erklären. Warum passiert etwas, wenn eine atomare, molekulare Struktur sich ändert. Und so kann ich dann den ganz großen Bogen ziehen -so funktioniert die energetische Schicht.“ Auch habe er entdeckt, dass man zum Beispiel bei Messungen im Mikrovolt- oder Nanovoltbereich durch sein Energiefeld und seine Gedanken, also die Aura, das Messergebnis beeinflusst. „Wie oft ist etwas gemessen worden, was nicht wiederholbar ist. Auch in der Physik.“ Diese Themen hätte er auch mit seinen Kollegen diskutiert und einige hätten auch erkannt, dass es „so funktioniert“. Aber „die Durchsetzung solcher Erkenntniss wäre mit dem Verlust des Studienplatzes gleich gekommen“. Schließlich habe er die Physik aufgegeben und sich vollständig der Lehre von schamanischen Tätigkeiten gewidmet. Seit ca. 5 Jahren betreibt er eine Schule, in der er hauptberuflich andere Menschen darin unterrichtet, „Energiefelder zu lesen und zu spüren“. Seine Schule war die erste anerkannte Ausbildungsstätte des „Dachverbandes für Geistiges Heilen“. In einem dreijährigen Kurs kann man sich bei ihm zum „Schamanen“ ausbilden lassen. Im ersten Jahr soll der „Gleichklang zwischen Körper, Geist und Seele“ hergestellt werden. In diesem Jahr wird man zum „Besprecher“ ausgebildet. Im zweiten Jahr folgt die Ausbildung zum „Auraheiler“. Im dritten und letzten Jahr wird man vor allem in Pflanzen- und Steinkunde unterrichtet und es folgt ein Abschluss mit „Heilzeremonie“ und „Schamanischer Reise“. O beschreibt eine Übung, die er am Vortag in seinem Unterricht mit seinen Schülern gemacht hat. Die Schüler mussten aus drei gleich aussehenden Wassergläsern, von denen zwei Gläser einen hohen Salzgehalt hatten, ein trinkbares herausfinden, ohne den Finger hineinzustecken. Er behauptet, dass man die Gläser anhand über „Schwingungen“ unterscheiden könne. Von 11 Teilnehmern hatten 8 das richtige Glas herausgefunden. Später würde man den Schwierigkeitsgrad erhöhen, indem aus fünf Gläsern das richtige herausgefunden werden muss. Die Trefferquote läge so bei 70% und das sei „schon ein Ding“, dass sich das nach einem halben Jahr so verbessert. O ist der Überzeugung, dass jeder Auren sehen kann, es sei nur „in Vergessenheit geraten“ oder „abtrainiert worden“. Kinder würden ja schon mit „imaginären Freunden“ spielen und dann würden die Eltern sagen: „Ist nicht! Erzähl nicht! Bilde Dir das nicht ein!“ Und dann würden immer mehr „Belastungen“ hinzukommen, wie Schule und Abitur. Außerdem würden so viele äußere Einflüsse, durch Werbung, Zeitung, Lärm etc. auf den Menschen „einströmen“, dass man „abstumpfen“ und dieses „Empfinden im Bauch“ verlieren würde. O ist mit seiner Arbeit sehr zufrieden und meint, er habe sein Format gefunden. Wenn er es größer ausbauen würde, würde er nur den Überblick verlieren. Allerdings würde er gerne seine alten Kontakte nach Tibet wieder aufbauen, aber das sei durch die momentane politische Situation sehr schwierig.
5. 1. 4. Interview mit S: „Unsere Seele ist so feinstofflich.“
S, die in Russland geboren und aufgewachsen ist, konnte im Gegenatz zu anderen Aurasichtigen, die diese Fähigkeit im Laufe des Lebens erlangt haben, von Geburt an Auren sehen: „Als ich geboren war, hab ich Menschen immer in Aura drin gesehen, in aurische Ei.“ Erst nach dem zweiten Lebensjahr fing sie an, Gesichter zu erkennen: „Diese Tag ich vergesse nie. Das war mein Vater und das war für mich große Erlebnis.“ Sie sah aber nicht nur Auren, sondern sie habe „alles gesehen, was dazu gehört zu andere Frequenz.“ Auch „sogenannte Geister“. Da sie in Russland aufwuchs, zu einer Zeit, in der es nicht üblich war, über spirituelle oder paranormale Phänomene zu sprechen, wurde sie von ihrer Mutter dazu angehalten, über ihre Wahrnehmungen zu schweigen: „Über Gott redet man nicht und erzählen, dass du was siehst, war einfach gefährlich, weil du gehst sofort in psychiatrische Behandlung.“ So wurde sie ein sehr stilles und zurückgezogenes Kind. Sie erinnert sich an ein Erlebnis, als ihre Großmutter, die auch hellsichtig war, eines Nachts alle geweckt und gesagt hat: „Sie sind gekommen! Sie gehen! Sie sind da!“ S habe auch die Geister gesehen, von denen ihre Großmutter sprach, aber alle hätten ihre Großmutter für verrückt gehalten. Für S war das eine Erleichterung festzustellen, dass es noch jemanden gibt, der die gleichen Dinge sieht wie sie, aber sie habe dadurch auch gelernt zu schweigen. Da sie niemanden hatte, mit dem sie über diese Erfahrungen sprechen konnte, habe sie selber geforscht. Einmal, in dem sie viele Märchen, Mythen und Legenden gelesen habe und indem sie viel in die Kirche gegangen ist und die Menschen beim Beten beochbachtet habe: „... ich bin immer süchtig gewesen nach Kirche. Und ich habe oft von Schule weggelaufen, von Unterricht, und zu einer Kirche, die neben war. Und ich habe mich dort versteckt und Atmosphäre hat mir gefallen. Ich habe viel gesehen in Kirche. Ich habe gesehen, was passiert, wenn Taufe ist oder wenn Priester segnet Kreuz oder Heilige Wasser. Ich habe immer alles gesehen in andere Frequenz. Und ich habe Menschen beobachtet, wenn sie beteten. Wie verändert sich ihre Aura. Und das war für mich große Erfahrung. Forschen.“
Schließlich fing sie als Kind an, für Freunde und Bekannte Karten zu legen. „Und so als Kind, ich begann Karten-Legen. Aber Karten ich brauchte nicht – ich habe einfach in Aura gesehen. Und ich habe erzählt und das war alles in Wirklichkeit geschehen.“ Mit 15 hatte sie dann plötzlich einen Monat lang am ganzen Körper schreckliche Schmerzen, für die es keine medizinischen Erklärungen gab. Als die Schmerzen nachließen, fing sie an, wie mit einem Röntgenblick, die Organe der Menschen zu sehen. In dieser Zeit habe sie auch gelernt, ihre Gefühle zu kontrollieren und damit ihre Angst zu besiegen. „Weil ich habe immer mit Angst gelebt. Weil wenn ich habe Geister gesehen oder Verstorbene, ich hatte Angst, weil niemand konnte mir erklären, was ist das, kein Buch, kein Mensch. Und natürlich alles was uns unbekannt, macht uns Angst. Und ich habe gedacht, ich muss Angst besiegen, weil Angst ist etwas, das mich stört – was meine Wille kaputt macht. Und ich wollte unabhängig sein, um Herrin für mich selbst zu sein. Und ich habe eine Methode entdeckt, wie kann man Gefühle verändern. Und in diese Zeit ich habe gelernt, wenn Hass kommt als Gefühle, in Liebe verwandeln. Wenn Sorge kommt, in Ruhe verwandeln. Ich konnte mit meine Gefühle spielen, wie ich wollte.“
Damals tauchte auch ihr „Lehrer“ auf. Und das war auch eine „verrückte Geschichte“, denn dieser Lehrer „war unsichtbar für andere“. Er sah aus wie ein „normaler Mensch“, hatte aber „strahlende Augen“. Häufig habe sie auch an der Realität ihrer Wahrnehmung gezweifelt und sich gefragt, ob das nicht bloß eine „Halluzination“ sei. Dann habe er ihr Beweise für seine Existenz gegeben, indem er ihr „Dinge materialisierte“. Gegenstände, wie Steine oder Mineralien, die „vorher nicht da waren“, waren plötzlich in ihrer Hand oder auf dem Tisch. Dieser Lehrer habe ihr viel über Psychologie, den Tod, das Jenseits und den Umgang mit Geistern gelehrt und habe sie begleitet, bis zu ihrem 33. Lebensjahr. S hatte auch mehrere Visionen und mystischen Erlebnisse in ihrem Leben, wie Nahtod-Erlebnisse und Engelserscheinungen, die ihr Interesse an spirituellen Themen noch verstärkten. Natürlich hat sie sich des öfteren die Frage gestellt, warum sie diese „Fähigkeit“ hat, in der „anderen Frequenz zu sehen“. Sie glaubt, dass sie die „Gabe“ aus einem „früheren Leben“ mitgenommen hat, da man nichts „geschenkt kriegt“. Aber es sei nicht das „Ziel“, Auren zu sehen und viele, die auch gerne diese „Fähigkeit“ hätten, wüssten gar nicht, dass es auch ein „Schutz“ sei, nicht „sehen“ zu können. „Weil wenn Menschen sehen Engel, sie sehen Teufel auch und das ist nicht immer leicht.“ Später hat sie in Moskau, in der Kreml-Klinik, und in Georgien mit Wissenschaftlern7 zusammengearbeitet. „Wir haben mit Ärzte zusammen Forschung gemacht. Ich habe geheilt und sie haben geforscht. Patienten , Blutanalyse, wie verbessert sich Situation oder wie läuft alles.“ Für die Wissenschaftler sei die Aura ein „elektromagnetisches Informationsfeld, das wir selbst produzieren“. Bei der Raumfahrtbehörde, bei der sie gearbeitet hat, gäbe es schon seit 13 Jahren ein Gerät, dass die „Frequenz des aurischen Feldes und des physischen Körpers liest und ins Gleichgewicht bringt“. Das alles wäre schon lange bei den Wissenschaftlern und beim Militär bekannt. Sie findet es komisch, dass in Deutschland diese Dinge „unter den Tisch gekehrt werden“. Neben der Arbeit mit den Wissenschaftlern hat sie weiterhin Freunden und Bekannten mit ihrer „Fähigkeit“ geholfen, ohne aber Geld dafür zu nehmen.
Inzwischen lebt sie in Deutschland und arbeitet als Heilerin und Grafikerin,
ist verheiratet und hat drei Kinder. Sie hat eine Technik entwickelt, wie sie
„kaputte Auren wieder reparieren“ kann. Allerdings kann sie diese Arbeit nur
zeitlich begrenzt ausüben, da sie von dieser Arbeit „Herzschmerzen“ bekommt.
Auch würde sie zum Teil mit Ärzten zusammenarbeiten, die ihr ihre Patienten
schicken. Allerdings würde das nur unter der Hand stattfinden. Sie würde sich
auch gerne wieder für Forschungen zur Verfügung stellen, aber in Deutschland ist
es sehr schwierig, da die Wissenschaftler nicht offen sind. Sie habe auch schon
Seminare gegeben, aber diese Arbeit mag sie nicht, weil es einerseits „Wissen
gebe, das nicht für alle Menschen bestimmt ist“ und sie außerdem die Erfahrung
gemacht hat, dass sehr komische Leute kommen würden, die dann „dasitzen wie im
Theater“. Man könnte auch sich und „seinem Karma sehr schaden“, wenn man „das
Wissen falsch anwendet“, wie dies wohl in der Esoterik-Szene häufig geschieht.
S: „Aber Menschen spielen Spielchen gerne und unsere Seele ist so feinstofflich,
unsere Psyche ist so feinstofflich, so empfindlich – man muss sehr vorsichtig
sein mit diese psychische Energie. Nicht spielen. Und meistens spielen oder Geld
verdienen und einfach versuchen, ihre Leben märchenhaft machen: Steine,
Krokodile, trockene Schildkröten ...“
7 In Rußland wurde tatsächlich eine umfangreiche Forschung
über Auren und Energiefelder betrieben. In den westlichen Ländern ist die
„Kirlian-Fotographie“ und die „Bioplasma-Forschung“ von V. S. Grischenko und
Victor Inyushin bekannt geworden. Allerdings ist es immer noch schwierig
verlässliche Informationen über diese Forschungsarbeiten zu bekommen. Da sich
kaum westliche Wissenschaftler mit diesen Themen beschäftigen, ist die Qualität
der Arbeiten schwer einzuordnen. In ihrem 1970 veröffentlichten, sehr
umstrittenen Bestseller „Psychic discoveryies behind the iron curtain“ geben
Sheila Ostrander und Lynn Schroeder einen Überblick über die Forschung in
Rußland (Ostrander & Schroeder, 1970). Die aktuellsten Forschungsarbeiten auf
diesem Gebiet stammen vermutlich von Konstantin Korotkov von der St. Petersburg
State Technical University SPIFMO (Korotkov, 1998).
5. 1. 5. Interview mit B: „Ich habe viele Jahre Angst gehabt, ich bin nicht normal.“
Das erste paranormale Erlebnis, von dem B berichtet, hatte sie mit 5 Jahren, als sie mit ihrer Schwester alleine Zuhause war und sie das Gefühl hatte, dass jemand in der Wohnung ist: „Und ich weiß das noch wie heute – ich war total in Panik, weil da war jemand in der Wohnung, den ich genau hören und sehen konnte, der mit mir sprach, und das war natürlich abgefahren und spuckig. Ich bin da in meiner Angst aus dem Fenster gesprungen.“ Ihre Eltern mussten sie dann von den Nachbarn abholen und sie wurde fürchterlich dafür bestraft. Sie hat sich dann lange Zeit nicht für solche Sachen interessiert, bis sie mit 27 ein Erlebnis auf Sylt hatte, das ihr Leben veränderte. Zu dieser Zeit habe sie Kunst studiert und auf Sylt gejobbt und viel gelesen: „Und ich hab im Watt gesessen und hab diese wunderschöne Natur genossen und gelesen und dann...Also das war ein ganz plötzliches Erlebnis, als ich gedacht hab’, der Himmel öffnet sich und ich bin Eins mit der Natur – mit allem! Und das habe ich nicht verstanden. Das war einfach nur ein beglückendes Erlebnis und das hat vier Wochen angehalten.“ Während der vier Wochen war sie einfach zufrieden mit ihrem Leben und die Leute hätten sie angesprochen und gefragt, ob sie „verliebt wäre“. Aber danach kam der „Absturz“ und sie sei in eine „tiefe Depression“ gefallen. Zu dieser Zeit sah sie dann auch zum ersten Mal Auren: „Ich hab schon Leute gesehen ..., dass sie ein Energiefeld oder dass das Energie war oder Bewegung oder Licht um diese Leute herum. Ich habe Farben gesehen, aber ich hab´s natürlich überhaupt nicht verstanden. Anstatt mich jetzt darüber zu freuen und zu wissen und zu sagen: ,Das ist jetzt also eine Aura‘, hab ich also nur Angst gekriegt. Wahrscheinlich bin ich auch deswegen in die Depression gefallen. Also ich hab gedacht, ich bin irgendwie nicht normal, mit mir stimmt irgendwas nicht.“
Da sie dieses Gefühl des „Sich-eins-fühlen“ wieder haben wollte, begab sie sich auf die Suche und begann verschiedenen Selbsterfahrungsgruppen zu besuchen. Sie besuchte viele „Encountergruppen“, was sie im nachhinein ganz „schrecklich“ fand, begann sich für „alternative Heilmethoden“, wie Akkupressur oder Shiatsu, zu interessieren und war auch den „Sanyassins“ sehr verbunden. Durch ihren Therapeuten kam sie zu ihrem jetzigen Lehrer, einem irischen Heiler namens Bob Moore. Als sie das erste Mal ins Haus dieses Heilers kam, hatte sie das Gefühl, „angekommen zu sein“. „Und er hat mir eigentlich in all diesen Jahren geholfen zu verstehen, was da mit mir passiert. Und dass ich schon normal bin, aber sensibler als andere. Und so Schritt für Schritt, das hat jetzt fast 20 Jahre gedauert und es ist noch nicht ganz beendet, habe ich gelernt, eigentlich damit umzugehen. Mehr oder weniger. Und ich hab immer noch Fragen. Ich kann noch nicht alles erklären.“ Seine Arbeit beschreibt sie folgendermaßen: „Er versucht zu erklären, was eine Aura ist. Oder uns beizubringen, nicht nur über den Verstand, sondern über die Erfahrung, also wir machen... wir haben dort Übungen gelernt, Meditationen, wir arbeiten mit den Träumen und mit Farben und Tönen und das alles integriert. Es gehört alles zusammen in seinen Kursen. Ich kann das sehr schlecht beschreiben.“
Sie begann dann auch Bücher zu lesen, über „Auren“, „Chakren“ und „Wiedergeburt“ und ihr wäre langsam klar geworden, „dass man mehr als einmal lebt“. Sie sei dann immer stärker mit dem „Thema Tod“ konfrontiert worden. Zuerst dadurch, dass ihr Mann an Krebs erkrankte. Kurz darauf habe sie „ihre eigene Geburt wiedererlebt“. Und eines Abends habe sie einer Eingebung folgend aus dem Kopf heraus 33 Portraits gemalt. Sie ist überzeugt, dass auf den Portraits lauter Menschen zu sehen sind, die im Zweiten Weltkrieg als Soldaten gefallen oder als Gefangene in Konzentrationslagern gestorben sind. Diese Periode dauerte ca. vier Jahre. Während dieser Zeit habe sie sehr viel „Kontakt mit Verstorbenen“ gehabt und sei immer wieder durch seltsame Zufälle an Orte gelangt, an denen während des Nationalsozialismus schreckliche Sachen passiert sind. Zusätzlich habe sie immer wieder befürchtet, verrückt zu werden, weil sie immer mehr „gesehen“ hat, als die anderen Menschen. „Zum Beispiel: Mir hat jemand was gesagt, im Gespräch, und ich hab parallel dazu eine andere Botschaft bekommen, aber ich wusste natürlich nicht, wo die herkam.“ Sie habe auch erlebt, dass Freunde von ihr, in der Psychiatrie gelandet sind. Daher sei es „ein Segen“, dass sie einen Lehrer hatte, „der so was alles schon erlebt hat und der wirklich seriös damit umgehen kann und weiß, was es bedeutet“. Irgendwann, nachdem sie nun diese ganzen Kurse, Seminare und Übungen gemacht hat, habe sie sich gefragt, was sie eigentlich damit will. Und lange Zeit habe sie sich versucht zu drücken vor der „Aufgabe“. Nun arbeitet sie als Heilerin und denkt, „dass man wirklich anderen Menschen helfen kann, wenn man diese „Wahrnehmungen“ verantwortungsbewusst einsetzt. Nach all den Jahren sei für sie immer noch der einzige Beweis, „dass sich da wirklich etwas tut“ und sie etwas „bewirken“ kann, „ein tiefes Glücksgefühl“, das sie habe. B: „Aber ich habe immer noch alle Zweifel dieser Welt.“
Zusammenfassende Darstellung:
Nachdem nun die einzelnen Entwicklungsverläufe der Aurasichtigen dargestellt wurden, werden im folgenden bestimmte gemeinsame Aspekte der Ontogenese dargestellt.
Paranormale Erlebnisse und Aura-Sehen in der Kindheit
Fast alle berichten, dass sie bereits in der Kindheit paranormale Erfahrungen gemacht haben oder auch schon Auren gesehen haben. T hatte zum Beispiel als Kind „Wahrträume“ und B berichtet von einer „Geistererscheinung“. O und S haben schon in der Kindheit angefangen, Auren zu sehen. Entscheidend bei diesen frühkindlichen paranormalen Erlebnissen für die weitere Entwicklung ist anscheinend die Reaktion der Eltern. Wenn die Eltern oder die Umgebung kein Verständnis für diese Wahrnehmungen aufbringen, wird es zunächst weggeschoben und verdrängt (T, B) oder vor der Umgebung geheim gehalten (S). O hingegen, dessen Vater und Großvater bereits sensitiv waren, wurde von Anfang an darin unterstützt und gefördert, seine „feinstofflichen Wahrnehmungen“ weiterzuentwickeln. S stellt eine Ausnahme dar, da sie als Einzige erzählt, dass sie von Geburt an Auren sehe. Da ihre Eltern sie davor warnten, dass man sie für verrückt halten könnte, falls sie anderen von ihren Wahrnehmungen erzählt, musste sie schweigen, beschäftigte sich aber heimlich weiter damit. P ist die Einzige, die nicht von paranormalen Erlebnisse in der Kindheit erzählt. Sie hat ihre ersten Erfahrungen damit erst später im Leben gemacht. Alle Interviewten hatten bereits mindestens ein paranormales Erlebnis, bevor sie einen Kurs zum Erlernen des Aura-Sehens besucht oder einen „Lehrer“ getroffen haben. Durch die Ausbildung soll eine Krise überwunden werden. T und P haben das Aura-Sehen in einem Kurs gelernt. Beide hatten zuvor eine persönliche Krise und waren auf der Suche nach etwas, das ihrem Leben mehr Sinn oder Erfüllung gibt. B hatte mehrere intensive, zum Teil mystische, Erlebnisse mit einer veränderten Wahrnehmung und war damals anscheinend ebenfalls in einer sehr instabilen und krisenhaften Verfassung. Ihr Lehrer, der irische Heiler, half ihr, diese „Zustände“ und „Wahrnehmungen“ zu akzeptieren und mit dieser „Sensitivität“ umzugehen.
Spontane Entwicklung des Aura-Sehens
O und S unterscheiden sich in diesem Aspekt von den anderen Aurasichtigen. Bei
ihnen hat sich das Aura-Sehen spontan entwickelt. S konnte von Geburt an Auren
sehen und O hat diese Wahrnehmung mit 7 Jahren entdeckt. O wurde zunächst von
seinem Großvater unterrichtet, lernte von ihm, die sensitive Wahrnehmung richtig
diagnostisch anzuwenden und sie nicht für eigennützige Zwecke zu missbrauchen. S
hingegen musste zunächst selber lernen, mit dieser „Fähigkeit“ umzugehen, da sie
niemanden hatte, mit dem sie darüber sprechen konnte. Als sie 15 Jahre alt war,
kam ein „Geistlehrer“ zu ihr, den nur sie „sehen“ konnte, und der sie in
philosophischen, spirituellen und psychologische Themen unterrichtete.
Kontinuierliches Training und Übung
Fast alle berichten, dass ein kontinuierliches Training zur Weiterentwicklung
des Aurasehens unerlässlich ist. Für T, P, O und B war es zunächst
entscheidend zu lernen, die „Wahrnehmungen“ zu interpretieren. T, P und B
führten hierfür Traumtagebücher und Tagebücher für die Farben und
Farbkombinationen. T, die selber Menschen im Aura-Sehen ausbildet, betont, dass
es wichtig sei, sein „persönliches“ Interpretationsschema zu entwickeln, anstatt
das Schema eines „Meisters“ zu übernehmen. Für sie war es auch sehr wichtig,
früh damit anzufangen, das Aura-Sehen professionell anzuwenden.
Intuition entwickeln
Alle erwähnen, dass sie erst Vertrauen zu ihrer Intuition aufbauen mussten, um
das Aura-Sehen zu erlernen. Sie sind auch allgemein davon überzeugt, dass diese
Intuition oder „das Gefühl im Bauch“, den Menschen in der heutigen Zeit abhanden
gekommen sei. O meint, dass man als Kind diese „Fähigkeit“ noch habe, durch die
Sozialisation und die heutige Reizüberflutung würde sie aber verloren gehen.
Auch T´s Theorie zum Aura-Sehen ist hier einzuordnen. Sie glaubt, dass das „eine
Fähigkeit der rechten Gehirnhälfte“ ist. Die linke Gehirnhälfte sei für das
logische, rationale und analytische Denken zuständig, während die rechte Seite
die holistischen und kreativen Prozesse steuern würde. Die Leute könnten
heutzutage nicht mehr Aura-Sehen, weil die rechte Seite einfach vernachlässigt
wird. P erzählt, dass sie anfangs große Probleme damit hatte, ihrer Intuition zu
vertrauen. Die anderen Kursteilnehmer hätten alle möglichen Dinge gesehen,
während sie nur „gefühlt“ habe.
Auch B berichtet, dass ihr Lehrer, der irische Heiler, ihnen beigebracht habe,
„nicht nur über den Verstand zu gehen, sondern über die Erfahrung“.
Regelmäßige Meditations- und Konzentrationsübungen alle, bis auf S, machen
regelmäßig Meditations- und Konzentrationsübungen:
• Meditation diene der „spirituelle Entwicklung“.
• Regelmäßige Meditation helfe dabei, sich zu entspannen (T), zu „zentrieren“
(O) und mehr „bei sich zu sein“ (P). Dies sei eine wichtige Voraussetzung, um
Auren sehen zu können.
• O habe durch Konzentrationsübungen die Fähigkeit entwickelt, in mehreren
Bewusstseinszuständen gleichzeitig zu sein. Dadurch kann er mit seiner
Aufmerksamkeit zugleich im Unterbewusstsein und im Tagesbewusstsein sein.
• P habe durch spezielle Meditationsübungen gelernt, dass „Gesichtsfeld
einzuengen“. Dadurch sei es ihr möglich, die vorherigen „Inkarnationen“ eines
Menschen zu sehen.
• P macht spezielle Meditations- und Atemübungen und eine besondere Diät, um
„empfänglicher und aufnahmefähiger“ zu sein.
• S ist die einzige, die keine Meditationsübungen macht. Sie habe aber in der
Kindheit gelernt, ihre „Gefühle zu beherrschen“. Dies sei sehr wichtig für sie
gewesen, da ihr die sensitiven Wahrnehmungen häufig Angst gemacht haben. Für
sie ist „das ganze Leben eine Meditation“.
Ein Lehrer aus einem anderen Kulturkreis
Allen gemeinsam ist, dass sie von einer besondere Beziehung zu einem Lehrer oder Guru erzählen. T hat ein Jahr bei ihrem Guru Ammachi in Indien verbracht. Dort hat sie viele intensive Erfahrungen gemacht, die ihre spirituelle Entwicklung, sowie das Aura-Sehen, vorangetrieben haben. P arbeitet seit einiger Zeit mit einem chinesischen Meister zusammen, der ebenfalls ihre spirituelle Entwicklung und ihr Aura-Sehen fördert. O hat fast 10 Jahre in Tibet verbracht und wurde dort von tibetischen Schamanen in verschiedene Praktiken und Heiltechniken ausgebildet. P wird seit 20 Jahren von einem irischen Heiler begleitet, der ihr dabei hilft, mit ihrer „Sensitivität“ umzugehen. Der Lehrer von S stellt wieder einen Sonderfall dar, da nur sie ihn „sehen“ konnte. Für andere Menschen war er unsichtbar. Er hat ihr geholfen, den Sinn des Lebens, ihre „Sensitivität“ und die „Menschen“ besser zu verstehen.
Das Aura-Sehen als Teil einer spirituellen Entwicklung
Von allen Interviewpartnern wird das Aura-Sehen als Teil eines spirituellen
Weges aufgefasst. Die Themen „Spiritualität“ und „Aura-Sehen“ sind in den
Lebensgeschichten der Befragten eng miteinander verknüpft und sie scheinen sich
gegenseitig stark zu beeinflussen. Einerseits wird die „Spiritualität“ durch
sensitive, paranormale oder mystische Erfahrungen direkt erfahrbar, andererseits
führt das grundsätzliche Interesse an spirituellen Themen dazu, sich mit dem
Aura-Sehen auseinanderzusetzen. Die Hinwendung zur Esoterik und Spiritualität
erfolgte bei T und P aufgrund persönlicher Krisen. Durch dieses Interesse sind
sie auch zum Aura-Lesen gekommen, das sie beide in Kursen gelernt haben. Die
intensiven und beeindruckenden Erfahrungen, die sie im Zusammenhang mit dem
Aura-Sehen gemacht haben, verstärkten ihr Interesse an Spiritualität. Damit
wurde aus den abstrakten Vorstellungen spiritueller Theorien etwas, das
unmittelbar und direkt erfahrbar ist. B kam ebenfalls aufgrund einer Krise zu
Esoterik, Selbsterfahrungsgruppen und alternativen Heilmethoden. Allerdings war
der Auslöser für diese Krise ein, als mystisch zu bezeichnendes, Erlebnis. Diese
Erfahrung scheint bei ihr der Auslöser für die spontane Entwicklung einer
„veränderten Wahrnehmung“ zu sein. Die Hinwendung zur Spiritualität half ihr,
diese Erlebnisse und Eindrücke in ihr Leben zu integrieren und bewahrten sie
mehr oder weniger davor, „verrückt“ zu werden. S kam mit dieser „anderen
Wahrnehmung“ auf die Welt. In ihrem Umfeld wurde aber nicht über Gott oder
Religion gesprochen, da das in Russland zu der damaligen Zeit nicht üblich war.
Aber sie erzählt, dass sie als Kind häufig in die Kirche ging, da sie die
Atmosphäre mochte. Im Laufe ihres Lebens hatte sie viele visionäre und mystische
Erlebnisse, bei denen ihr immer wieder „nicht-materielle“ Wesen begegneten, die
sie über spirituelle Themen unterrichteten. Ausgehend von diesen Erfahrungen hat
sie sich intensiv mit den verschiedenen Religionen auseinandergesetzt. Ihr
Aura-Sehen betrachtet sie als etwas, dass sie im vorherigen Leben bereits
erworben hat. Die Esoterik-Szene wird von T und S allerdings sehr zwiespältig
gesehen. Für T ist die Qualität der Angebote, vor allem auf dem deutschen
Esoterikmarkt, sehr schlecht. Das sei alles noch so „abergläubisch und magisch“.
In England hingegen, wo der Spiritismus eine lange Tradition hat, seien die
Medien und Heiler „gnadenlos gut“. S findet die Leute aus der Esoterik-Szene
häufig „komisch“. Oftmals sind es Menschen, denen es langweilig ist und die ihr
Leben „märchenhafter“ gestalten wollen. Allerdings sei das „Spielen“ mit diesen
„psychischen Energien“ sehr gefährlich.
Die berufliche Ausübung des Aura-Sehens
Bei allen Befragten kam irgendwann die Frage auf, was sie denn nun mit dieser
„Fähigkeit“ eigentlich anfangen wollen. Die Entscheidung, das Aura-Sehen
professionell auszuüben, wurde aber zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten der
Entwicklung gefällt. T fing sehr früh damit an, eine „Esoterische Lebensberatung
mit Aura-Lesen“ anzubieten. Sie sagt, dass sie von ihrer Mutter, die selber
Tarot-Lesungen macht, dazu angetrieben wurde und dass es für die
Weiterentwicklung der „Fähigkeit“ sehr wichtig gewesen sei, es professionell
anzuwenden. P und B haben lange gezögert, da sie ihren „Fähigkeiten“ nicht so
recht getraut haben. P legt Wert darauf, genügend Zeit und Raum zu haben, um
sich mit den Klienten intensiv auseinanderzusetzen. Für B hingegen, ist es nicht
mehr so wichtig, die Aura zu sehen. Wenn sie eine Sitzung macht, versucht sie
das Aura-Sehen auch nicht zu erzwingen oder in dem Klienten mit ihrer sensitiven
Wahrnehmung „herumzubohren“. Sie sitzt einfach da und versucht sich zu
entspannen, dann kommen diese „Wahrnehmungen“ schon von alleine. Bei O ist das
Aura-Sehen ein Aspekt seiner schamanischen Tätigkeit. Auch er hat einen langen
Werdegang hinter sich, bis er diese „Fähigkeit“ zu seinem Beruf gemacht hat.
Wobei er heutzutage vor allem andere Menschen im „Lesen und Spüren von Energien“
ausbildet. S hat sich zeitlebens dagegen gesträubt, Geld für ihre heilerische
Tätigkeit zu nehmen. Von daher hat sich ihre berufliche Ausübung des Aura-Sehens
als Heilerin immer in Grenzen gehalten. Dafür hat sie lange Zeit mit
Wissenschaftlern zusammengearbeitet, die diese Phänomene erforscht haben.
Aura-Sehen und Wissenschaft
In jedem Interview wurde die Frage gestellt, ob den Aurasichtigen ein
wissenschaftliches Erklärungsmodell für das Aura-Sehen bekannt sei. Nicht alle
der Befragten haben sich mit wissenschaftlichen Theorien über das Aura-Sehen
auseinandergesetzt. T betont, dass sie sich nicht sonderlich für
wissenschaftliche Theorien zum Aura-Sehen interessiert, aber sie glaubt, dass es
eine „Fähigkeit“ der rechten Gehirnhälfte sei (siehe s. o. „Intuition
entwickeln“). Da ihre Eltern für sie vorgesehen hatten, dass sie eine
naturwissenschaftliche Karriere macht und, da sie Psychologie studiert hat,
befand sie sich häufiger im Spannungsbereich zwischen Esoterik und Wissenschaft.
Vermutlich hätte sie sich in eine viel „naturwissenschaftlichere Richtung“
entwickelt, wenn das Aura-Sehen nicht gewesen wäre. Während ihrer Ausbildung zur
Verhaltenstherapeutin merkte sie, wie das Aura-Sehen und die Esoterik immer mehr
in den Hintergrund gerückt sind. O und S dagegen haben anscheinend von der
Wissenschaft wichtige Impulse bekommen, die ihnen halfen, das Aura-Sehen besser
zu verstehen. O habe durch sein Physikstudium gelernt, sich die „feinstofflichen
Zusammenhänge“ besser zu erklären. Während S in Rußland lange Zeit mit Ärzten
und Wissenschaftlern zusammengearbeitet hat, die diese Phänomene erforscht
haben, hat sie auch wissenschaftliche Erklärungsmodelle kennengelernt, wie die
„Bioplasma-Theorie“ und das Modell vom „Elektromagnetischen Informationsfeld“.
Zweifel
Da die Aurasichtigen Dinge sehen, die andere Menschen nicht sehen, kommen immer
wieder Zweifel an der Realität der eigenen Wahrnehmung und an der eigenen
geistigen Gesundheit auf. Von daher bewegen sich die „Sensitiven“ ständig im
Grenzbereich zwischen Normalität und Wahnsinn. Den beschwerlichsten Weg
diesbezüglich hatte wohl B, die bis heute von Zweifeln an ihrer geistigen
Gesundheit geplagt wird. Vermutlich liegt das auch daran, dass ihre Erfahrungen
und ihre „veränderte Wahrnehmung“ von ihren Eltern und von vielen Freunden
überhaupt nicht akzeptiert wurden. Daher hat sie den Kontakt zu ihren Eltern und
zu vielen Freunden mittlerweile abgebrochen. Sie erzählt, dass ihr Lehrer, der
irische Heiler, ihr sehr dabei geholfen hat, ihre „Sensitivität“ anzunehmen. Da
er selber schon diese Phasen des Zweifels durchgemacht hat, konnte er sehr
mitfühlend und kompetent mit dieser Problematik umgehen. S, die ebenfalls in
einem Umfeld groß wurde, indem man nicht über spirituelle und paranormale
Phänomene spricht, hat sich ebenfalls häufig gefragt, ob sie „verrückt“ sei.
Allerdings erlebte sie hin und wieder, dass auch andere Menschen solche
„Wahrnehmungen“ haben. Zum Beispiel hat ihre Großmutter eines nachts „Geister“
gesehen, die S auch sehen konnte. Dabei musste sie aber jedoch auch die
Feststellung machen, dass Leute, wie ihre Großmutter meist für „verrückt“
gehalten werden. Dadurch lernte sie, dass es besser ist, nicht so viel darüber
zu reden. T, P und O berichten kaum von Selbstzweifeln bezüglich der eigenen
geistigen Gesundheit. O wuchs in einem Umfeld auf, in dem es nichts Abnormales
war, Auren zu sehen. Bereits sein Vater und sein Großvater konnten Auren sehen.
T und P hingegen lernten das Aura-Sehen in einem Kurs und waren daher auf diese
Erfahrung vorbereitet. Auch waren ihre ersten Erfahrungen mit dem Aura-Sehen
nicht besonders „intensiv“, sodass sie gewissermaßen ganz behutsam an diese Art
der Wahrnehmung herangeführt wurden. T erzählt: „Das waren nur ganz, ganz
leichte Farbandeutungen für ein bis zwei Sekunden...“. Erst später erlebte sie
Situationen mit intensiven Aura-Wahrnehmungen, unter anderem während ihres
Indien-Aufenthaltes. P hatte zu Anfang der Ausbildung gar keine visuellen
Wahrnehmungen der Aura. Während die anderen im Kurs „Farben, Formen, Blitze,
Steine usw.“ gesehen haben, habe sie die Aura eher „gefühlt“. Daher hat sie
lange Zeit eher daran gezweifelt, dass sie die „Fähigkeit“ zum Aura-Sehen habe.
Abschließende Bemerkung zur Ontogenese:
Anhand der dargestellten Fälle lassen sich zwei Entwicklungswege des Aura-Sehens
als spezielle Form der Sensitivität unterscheiden. Entweder entwickelt sich die
Sensitivität spontan, ohne das diese „Fähigkeit“ bewusst angestrebt wird oder
sie wird in einem Kurs erlernt. Im ersten Fall sind die Anzeichen für die
Entwicklung einer sensitiven Wahrnehmung meist paranormale oder mystische
Erfahrungen oder Wahrnehmungen. Diese „Wahrnehmungen“ sind meist so massiv, dass
sie sich kaum unterdrücken lassen. Da diese „Sinneseindrücke“ von der Umwelt
meist nicht geteilt werden, können bei der sensitiven Person enorme
Selbstzweifel ausgelöst werden. Diese Phase kann meist erst durch die
Unterstützung eines Lehrers überwunden werden, der selber sensitiv ist und über
Erfahrung im Umgang mit dieser Eigenschaft verfügt.
Im zweiten Fall, wenn die Ausbildung dieser „Wahrnehmung“ in einem Kurs
erfolgt, sind die aus der Sensitivität resultierenden Auseinandersetzungen mit
der Umwelt weniger dramatisch, da die Aurasichtigen besser auf diese
„Wahrnehmungen“ vorbereitet sind. Trotzdem kann es zu problematischen
Situationen kommen, wenn die Aurasichtigen nicht darauf achten, vorsichtig und
diskret mit ihrer „Fähigkeit“ umzugehen. Die Aurasichtigen betrachten die
Ausbildung und Weiterentwicklung dieser „Fähigkeit“ als Teil eines spirituellen
Weges. Diese Auffassung wird von dem Lehrer und weiteren paranormalen und
mystischen Erfahrungen gefördert. Das Aura-Sehen zum Beruf zu machen oder es in
eine bestimmte Tätigkeit miteinzubeziehen, wird selten bewusst angestrebt. Meist
ist es zunächst eine Nebenbeschäftigung. Aufgrund der großen Nachfrage und dem
positiven Feedback entschließen sich die Aurasichtigen dazu, daraus einen
Hauptberuf zu machen.
5. 2. Die individuelle Repräsentation der Aura-Wahrnehmung
Beschreibungen von Auren finden sich vor allem in der modernen esoterischen Literatur. Die Autoren dieser Bücher und Texte, meist Sensitive und Heiler, stellen darin ihre persönliche Wahrnehmung der Auren dar, sowie die Bedeutung der verschiedenen Aspekte (Brennan, 1989; Garret, 1939; Kunz, 1992; Leadbeater, 1999; Lübeck, 1991; Pierrakos, 1987; Roethlisberger, 1995; Sanders, 1988). Da die verschiedenen Darstellungen nur wenige Übereinstimmungen miteinander haben, scheint die Wahrnehmung der Aura, unabhängig davon, was das letztendlich ist, sehr individuell zu sein. Die Darstellungen beschränken sich vor allem auf die visuelle Wahrnehmung der Aura. Die Autoren sehen meist verschiedene Schichten, denen sie ganz bestimmte psychologische, physiologische und spirituelle Bedeutungen zuordnen. Den Farben in der Aura wird in der Regel eine besondere Bedeutung beigemessen, da sie bestimmte Charaktereigenschaften der Person ausdrücken. Zum Beispiel steht die Farbe Rot für „Erdverbundenheit, Durchsetzungskraft und körperliche Sexualkraft“, während die Farbe Blau „Selbstausdruck, Unabhängigkeit und intuitive Kommunikation“ bedeutet (Roethlisberger, 1995). Manche Autoren beziehen sich dabei auch auf Goethes Farbenlehre (Roethlisberger, 1995). Häufig wird auch eine Beziehung der Aura zu den Chakren beschrieben (Brennan, 1989; Lübeck, 1991; Pierrakos, 1987; Roethlisberger, 1995), zu Körperorganen (Lübeck, 1991), zu Charakterstrukturen (Brennan, 1995; Lübeck, 1991; Pierrakos, 1987) und zu verschiedenen Realitätsebenen (Leadbeater, 1999, Roethlisberger, 1995). In der parapsychologischen Literatur finden sich nur wenige subjektive Beschreibungen von Auren. Die Ärztin Shafica Karagulla hat viele Jahre mit Sensitiven Forschungen betrieben und dabei festgestellt, dass die meisten Sensitiven vier verschiedene Schichten oder Felder wahrnehmen würden (Karagulla, 1967). Das erste ist das (E)-Feld, das auch als Lebensenergiefeld oder Ätherfeld bezeichnet wird; das zweite ist das (S)-Feld, auch Emotionalfeld genannt; dann als drittes kommt das (M)-Feld, auch Mentalfeld; und das vierte Feld hat die Funktion, die anderen Felder miteinander zu verbinden und in Übereinstimmung zu bringen. Andere Forscher, die sich mit Sensitiven und ihrer Wahrnehmung beschäftigt haben, können diese Schema, der vier Felder jedoch nicht bestätigen (Benor, 1994; Ellison, 1988; Wiesendanger, 1994; Wiesendanger, 1999). Ihre Beobachtungen bestätigen eher die Hypothese, dass die Wahrnehmung von Auren individuell verschieden ist. Im zweiten Teil der Ergebnisdarstellung wird nun der Frage nachgegangen, wie die fünf Interviewpartner die Auren subjektiv wahrnehmen. Zuerst werden wieder die Beschreibungen der Einzelpersonen wiedergegeben. Dann wird versucht, die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Aura-Wahrnehmungen zusammenzufassen. In den einzelnen Darstellungen wird zunächst auf einem abstrakten Niveau erklärt, was eine Aura ist, dann wird eine subjektive, phänomenologische Beschreibung gegeben und schließlich werden Beispielsituationen dargestellt. Die verschiedenen Informationen, die der Aura entnommen und zur Diagnose für die Therapie- oder Heilbehandlung herangezogen werden, sind ausführlich in Teil 3 der Ergebnisdarstellung wiedergegeben.
5. 2. 1. Interview mit T: „Die meiste Zeit hat man das Gefühl, das ist wie Einbildung.“
Bei dem Interview mit T fehlt leider der Anfang, da das Aufnahmegerät versehentlich wieder ausgeschaltet wurde, daher kann die Antwort auf die Frage: „Wie nehmen Sie die Aura wahr?“, nur aus dem Rest des Interviews rekonstruiert werden. T nimmt die Aura je nach Situation verschieden wahr. Heutzutage benutzt sie das Aurasehen nur beruflich, das heißt, sie kann das an- und abschalten. Meistens ist die Aurawahrnehmung nicht besonders intensiv: „...die Aura seh´ ich oft wie gemalt, so flach eher.“ „... die meiste Zeit hat man das Gefühl, das ist wie Einbildung.“ Wenn sie eine Auralesung macht, sieht sie die verschiedenen Ebenen der Aura als Farben und fühlt sich gleichzeitig rein. Dabei achtet sie gar nicht so sehr auf das Aussehen der Aura: „Ich arbeite immer sehr fragenorientiert. Was mir spontan auffällt und guck gar nicht so genau hin – ehrlich gesagt ... also nach Struktur und Ausdehnung und all dies.“ Sie sieht die Aura auch nicht so, wie es in der Literatur dargestellt wird: „Ich kann das nicht bestätigen mit der eiförmigen Aura.“ T berichtet von einer besonders eindrucksvollen Aura-Wahrnehmung, die sie in Indien hatte. Sie sah einen Yogi, wie er durch eine Menschenmenge ging: „Und der ging durch eine Menschenmenge und ich dachte, ich guck’ nicht richtig. Das war also wirklich ein extrem weißes Licht, was so richtig wegfloss von ihm und zwar wie Millionen von Herzen – wie so ein Blutstrom und statt Blutplättchen solche Lichtblitze. Mir kam das vor wie so Herzchen. Wie diese Blutplättchen, die im Blutstrom sind, was zu den Menschen floss. Und das pulsierte genauso wie ein Herz und das war so, wie, als wenn der Fußboden erleuchtet wird von unten. Und alle so in diesem Licht sitzen. Das war so eine besondere Aura, die ich so gesehen habe.“ Ein anderes Mal in Indien, als sie schwer krank war, hatte sie eine Vision, die sie auch mit dem Aura-Sehen in Verbindung bringt: „Und als ich sehr großes Fieber hatte während dieser Krankheit, hab’ ich alle Leute nur noch als Sonnen gesehen. Ich hab’ die so nicht mehr richtig erkannt. Das war alles nur noch so weißes Licht und die strahlten noch weißer als das Licht .“
5. 2. 2. Interview mit P: „Eine Aura ist die Ausstrahlung eines Menschen“
P bezeichnet eine Aura als die „Ausstrahlung“ eines Menschen. „Das, was ein Mensch ausstrahlt über den Körper hinaus auf jemand – auf eine Person. Ein Wesen, das er in die Welt hineingibt.“Das Aura-Sehen ist für sie ein „sinnliches Wahrnehmen. Mit den Ohren, Augen, Geschmack.“ Anfangs, als sie das Aura-Sehen noch bei T lernte, hat sie die Auren eher gefühlt als gesehen. Inzwischen nimmt sie Auren mit verschiedenen Sinnesmodalitäten wahr. Sie beschreibt die Auren als sehr unterschiedlich: „Farbig, weich, fließend – manchmal auch farblos. Manchmal wie ein Negativ – sich schnell verändernd.“ Sie macht einen Unterschied zwischen Aura-Sehen und Aura-Lesen. „Aura-Lesen“ bedeutet für sie, sich auf einen Menschen „einzulassen“, woraus sie dann auch viel mehr Informationen ziehen kann. Sie berichtet auch von unvorhergesehen, sehr intensiven Aura-Erlebnissen: „Und ich treffe mich mit einem Menschen beruflicher Art, hier in Hamburg. Ich hab’ den Menschen noch nie gesehen und sitze mit ihm in einem Café und sehe plötzlich ein ... sehe – sehe ganz deutlich ein ganz offenes Herzchakra. Sowas hab´ ich noch nie gesehen. Das hat mich so fast umgehauen !“ Die Intensität der aurischen Ausstrahlung würde von der Stärke einer Person abhängen: „... also wenn jemand sehr dominant ist, sehr geladen ist – wie man so schön sagt, zum Beispiel voller Zorn geladen oder voller Liebe oder voller Enthusiasmus, dann wird er emotionsgeladener ... Ein Mensch, der glücklich ist – ein Mensch, der liebt, den sieht man schon drei Kilometer gegen den Wind leuchten ...“
5. 2. 3. Interview mit O: „Als Aura wird nur der Teil des Energiefeldes bezeichnet, der den Namen Körper trägt.“
O stellt seine feinstofflichen Wahrnehmungen gerne mit technischen Begriffen dar, die er durch sein Physikstudium kennengelernt hat. Denn das Studium habe es ihm ermöglicht, sich „die feinstofflichen Zusammenhänge besser zu erklären.“ So bezeichnet er das „Energiefeld um den Körper“ herum als Aura, wobei er einen Unterschied zwischen „Ebenen“ und „Körpern“ macht. „Als Aura wird nur der Teil des Energiefeldes bezeichnet, der den Namen Körper trägt.“ Zu den Körpern, die alle noch zur materiellen Ebene gehören, zählt er den „Ätherkörper“, den „Emotionalkörper“, den „Mentalkörper“ und den „Astralkörper“. Ebenen und Körper unterscheiden sich darin, dass „der Körper eine Begrenzung hat.“ Die immaterielle Ebene ist nicht mehr sichtbar oder fühlbar, denn „die Schwingung ist dermaßen hoch.“ Er nennt das auch „extrem hochfrequente Schwingungen“. O nimmt die Aura nicht mit den Augen wahr, sondern er fühlt sie und bildet dann „ein absolut mentales Abbild“. „Dadurch entsteht ein kleiner Zeitfehler von 1-2 Sekunden.“ „Es gibt ganz, ganz wenige Menschen, die wirklich die Aura sehen.“ Die Aura sieht für ihn schwarz-weiß oder farbig aus – je nachdem, was er sehen möchte. Wenn ein Mensch eine starke psychische Belastung erlebt hat, dann ist das für ihn z.B durch „Kerben oder schwarze Flecken“ in der Aura abgebildet. „Sie können an den Kerben erkennen, an welcher Ebene der Aura diese Einbuchtungen und Flecke an der Aura sind. Ob das Emotionalbereich oder Mentalbereich ist ..., ob das ein persönliches Erlebnis oder Mentalbereich – also Gedankenstrukturen, Gedankenmuster, Ätherkörper, körperliche Probleme ... So weit kann man das zuordnen – ohne weiteres. An der Intensität können sie dann die Stärke feststellen. O hat die Aurawahrnehmung nicht permanent, sondern er kann sie bewusst ein- und ausschalten.
5. 2. 4. Interview mit S: „Das ist wie bei Erde Atmosphäre.“
S vergleicht die Aura mit der Atmosphäre der Erde, da der Mensch sie auch selber produziert und nennt sie „elektromagnetisches Feld“ oder auch „biologisches Informationsfeld“. Die Begriffe sind ihr von der Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern in Russland bekannt. Für S sieht die Aura aus wie eine „Seifenblase“ oder wie ein „Ei“. „..als Kind ich hab´ schon Aura gesehen, dass jede Mensch saß in Kokon oder Kapsel drin. Und die Kapsel sieht wie Wasser aus. Wie ständig drehende Wasser. Das Wasser kann schmutzig sein oder rein sein.“ Begrenzt wird die Aura von der „Biomembran“. Die verschiedenen Auraschichten, die aus der Esoterik bekannt sind, beschreibt sie als „elektromagnetische Wellen: Radiowellen, Mikrowellen, Infrarotwellen usw. bis Gammastrahlen. Und Biomembran ist Gammastrahlen“. Am auffälligsten an einer Aura sind auf den ersten Blick „die Farbe und die Dichte“. Die Dichte der Aura würde die „geistige Kraft“ eines Menschen anzeigen. „... psychische Schicht in Aura sieht wie leuchtende Nebel aus – wie Gespenster in Zeichentrickfilm. Und diese Nebel kann wie richtige Nebel dicht sein oder schwach ...“ Anhand der Farben kann sie die Emotionen eines Menschen erkennen: „Und zum Beispiel Rot zeigt Aggressivität oder Angst. Und ich sehe, wenn Menschen lügen, wenn Menschen nervös sind, wenn Menschen aggressiv sind.“ Aber sie sieht auch bei Lebensmitteln eine farbige Ausstrahlung und kann daran die Qualität einschätzen: „Ich werde nie essen, wenn Ausstrahlung von Lebensmittel braun ist, grau oder wie Tod.“
5. 2. 5. Interview mit B: „Ein Energiefeld – eine Vibration um den Körper herum.“
B fällt es zunächst sehr schwer zu beschreiben, was eine Aura ist und wie sie
Auren wahrnimmt. Sie vergleicht es mit einer „Energie, einer Vibration oder ein
Flimmern“. Es würde ungefähr so aussehen, wie heiße Luft, die im Sommer von der
Straße aufsteigt. Aber sie nimmt auch Farben, Töne und Gerüche wahr. Dazu muss
sie sich aber „entspannen und loslassen“, dann sieht sie zum Beispiel:
„Farbblasen aus dem Mund herauskommen“.
Immer wenn sie Stellen in der Aura entdeckt, die aussehen wie „Nebel oder ins
Dunkle oder Undurchsichtige gehen“, sind das für sie Anzeichen für Krankheiten
oder Unbalanciertheiten im Körper. Als Gerüche nimmt sie z.B. bei sterbenden
Menschen oder Tieren einen „Verwesungsgeruch“ wahr und die Töne sind „keine
Musik, aber fast wie Musik“.
Zusammenfassende Darstellung:
Abstrakte Beschreibung:
Die Interviewpartner beschreiben die Auren entweder metaphorisch als „die
Ausstrahlung eines Menschen“ (P),als „Atmosphäre“ (S) oder als „Energie“ (B),
oder sie bedienen sich eines wissenschaftlich-technischen Vokabulars, so wie O,
der sie als „Energiefelder“ bezeichnet oder S, die sagt, das sind
„elektromagnetische Felder“. T und B dagegen fällt es sehr schwer zu erklären,
was eine Aura ist. T interessiert sich auch nicht so sehr für wissenschaftliche
Erklärungsmodelle, für sie ist nur die Nutzung von Relevanz.
Die Aura-Beschreibungen in den Interviews im Vergleich zu den
Darstellungen esoterischen Literatur:
In der esoterischen Literatur werden die Auren meist als eiförmig und farbig
beschrieben. In den meisten Darstellungen haben die Auren verschiedene
Schichten, denen bestimmte Bedeutungen zugeschrieben werden. Die Beschreibungen
der Aura-Wahrnehmungen in den Interviews sind zum einen individuell verschieden
und stimmen zum anderen nur in wenigen Punkten mit den Darstellungen in der
esoterischen Literatur überein.
Nur S sagt, dass sie die Aura als „eiförmig“ wahrnimmt. Auch kann sie Farben,
Symbole und vieles mehr darin erkennen, wie dies häufig in der esoterischen
Literatur dargestellt wird. O differenziert zwischen den verschiedenen Schichten
der Aura – er nennt sie Äther-, Emotional-, Mental- und Astralkörper – so wie
man es typischerweise in den esoterischen Texten findet. T und P sagen, dass sie
die verschiedenen Chakren wahrnehmen können. Die Chakren werden ebenfalls häufig
in den esoterischen Beschreibungen miteinbezogen. Ansonsten gibt es viele
Unterschiede zu den Darstellungen in der Esoterik. T zum Beispiel sagt, dass sie
das mit der „eiförmigen Aura“ nicht bestätigen könnte. Sie achtet auch gar nicht
so sehr auf die Form und die Farben. Sie konzentriert sich viel mehr auf die
Informationen. Auch P und B können kein bestimmtes Schema in den Formen und
Strukturen der Auren erkennen. Für sie sind die Auren immer sehr verschieden.
Für O sehen die Auren mal schwarz-weiß, mal farbig aus – je nachdem, was er
sehen möchte. Er ist sich auch darüber bewusst, dass er die Auren nicht direkt
sieht, sondern sie zuerst fühlt und danach ein mentales Abbild erschafft. Aus
diesen Berichten lässt sich schlussfolgern, dass die „sensitive Wahrnehmung“ der
Auren eine andere Art der Wahrnehmung ist als eine rein sensorische. Die
Vorstellungen von verschiedenen Aura-Schichten und Chakren, die aus der
esoterischen Literatur bekannt sind, ermöglichen es vielleicht erst, diese
„andere“ Art der Wahrnehmung zu strukturieren.
Polysensorische Wahrnehmung der Auren:
Allen Interviewpartnern ist gemeinsam, dass sie Auren nicht nur sehen, sondern
auch fühlen, riechen und zum Teil auch hören. Dies unterscheidet sich ebenfalls
von den esoterischen Darstellungen, die die Auren ja nur visuell beschreiben.
Für P ist das Aurasehen „ein Wahrnehmen mit allen Sinnen“ und auch S und B
erzählen, dass sie Auren über verschiedene Sinnesmodalitäten wahrnehmen. S sagt
zum Beispiel, dass die Aura von kranken Menschen oder Drogenabhängigen „stinkt“.
Auch B berichtet davon, wie sie bei Menschen oder Tieren, die bald sterben,
„einen Verwesungsgeruch“ wahrnimmt. Dieses Wahrnehmen über verschiedene
Sinnesmodalitäten weist gewisse Ähnlichkeiten zur Synästhesie auf, dem
Doppelempfinden.
Das Fühlen der Aura:
Ein zentrale Bedeutung hat das undefinierbare „Fühlen“ der Aura. O beschreibt
seine Art der Aura-Wahrnehmung so, dass er die Aura zuerst fühlt, bevor er ein
„mentales Abbild“ herstellt. Seiner Meinung nach gibt es nur ganz wenige
Menschen, die die Aura direkt „sehen“. T sagt, dass sie die Farben der Aura
sieht und sich dann „hineinfühlt“. Auch P berichtet, dass sie die Auren anfangs
eher gefühlt hat, anstatt zu sehen. Zum Beispiel hat sie die Knieschmerzen eines
anderen bei sich selber im Knie gefühlt. S hebt sich in diesem Punkt wieder von
den anderen ab, da bei ihr die visuelle Wahrnehmung der Auren sehr ausgeprägt
ist. Dieses „Fühlen“ der Aura scheint eine intensivere Form der Empathie zu
sein. Bei vielen Psychotherapien wird vom Therapeuten verlangt, dass er sich
empathisch in den Klienten „hineinfühlt“. So ist das erste Element des
gesprächspsychotherapeutischen Beziehungsangebotes nach Carl Rogers die Empathie
(Rogers, 1957).
Kontrolle des Aura-Sehens:
Fast alle betonen, wie wichtig es für sie ist, dass sie die Wahrnehmung der
Auren kontrollieren können. Das heißt, dass sie nicht permanent Auren
wahrnehmen, sondern nur wenn sie sich bewußt darauf einstellen. In der Regel
wird das Aura-Sehen nur noch für die berufliche Tätigkeit genutzt. O meint es
wäre katastrophal, wenn man das Aura-Sehen nicht willentlich an- und
ausschalten könnte. T kann ebenso diese „Wahrnehmung“ ein- und ausschalten. Auch
für B war es sehr wichtig zu lernen, mit dem Aura-Sehen umzugehen. Anfangs sei
es für sie nicht kontrollierbar und daher sehr beängstigend gewesen. Sie
vergleicht das mit einer Wirkung von psychedelischen Drogen wie Marihuana und
LSD. S ist die Einzige, die permanent Auren sieht, was für sie ebenfalls sehr
unangenehm ist, wenn sie zum Beispiel die Auren von Kranken oder
Drogenabhängigen wahrnimmt oder wenn sie sieht, dass Menschen lügen. Im
Gegensatz zu den anderen hat sie nicht gelernt, das Aura-Sehen ein- und
auszuschalten, sondern ihre Gefühle zu „kontrollieren“. Sie könne zum Beispiel
Angst in Liebe oder Sorge in Ruhe „verwandeln“. Alle berichten aber auch von
unkontrollierten Aurawahrnehmungen, die meist sehr intensiv sind und für sie
nachträglich eine besondere Bedeutung haben. Das geschieht meistens, wenn die
Aura eines Menschen außerordentlich stark ist (T, P). T erzählt, wie sie spontan
die Aura eines indischen Yogis, der über „besondere Kräfte“ verfügte, gesehen
hat. P nimmt die Auren immer äußerst intensiv wahr, wenn jemand „emotional
erregt“ ist, zum Beispiel verliebt oder wütend. O sieht manchmal unwillentlich
die Aura anderer Menschen, wenn diese bald sterben werden. Er interpretiert das
als eine Art „Hilferuf“ der Aura oder des Menschen.
Abschließende Bemerkung:
Die Beschreibungen der Aura-Wahrnehmung in den Interviews stützt die These von
Tart und Gissurarson & Gunnarsson, dass Aurasichtige Informationen, die sie über
verschiedene Wahrnehmungskanäle erhalten, einschließlich eventueller
Psi-Informationen, und die daraus resultierende persönliche Einschätzung der
betreffenden Person, nach außen projizieren und als Aura wahrnehmen (Tart, 1972;
Gissurarson & Gunnarsson, 1997). Diese Wahrnehmung ähnelt einem synästhetischen
Wahrnehmen, da Reizungen des einen Sinnes von anderen Sinnen mitempfunden
werden.
5. 3. Berufliche Anwendung des Aura-Sehens
Die sogenannte Psi-Diagnostik hat in der Menschheitsgeschichte ein lange Tradition (Wiesendanger, 1994). Sie findet sich in den schamanischen Traditionen, im alten Griechenland und verzeichnete einen neuen Aufschwung durch die Spiritismus-Welle im 19.Jahrhundert, zur gleichen Zeit – als die moderne Apparate-Medizin ihren weltweiten Siegeszug antrat. Unter Psi-Diagnostik versteht Wiesendanger das „außersinnliche“ Erlangen von Wissen über die Ursachen von Erkrankungen und deren richtiger Behandlung. Bei einer Erhebung hat sich gezeigt, dass jeder vierte von rund 700 Geistheilern diese Fähigkeit ausdrücklich in seine Praxis miteinbezieht (Wiesendanger, 1994). Das Aura-Fühlen und Aura-Sehen ist eine der bekanntesten Methoden der Psi-Diagnostik. Wissenschaftliche Untersuchungen über die Qualität von Aura-Lesungen gibt es nur sehr wenige. Diese weisen aber manchmal auf erstaunliche Fähigkeiten der Aurasichtigen hin (Karagulla, 1967; Green & Green, 1978; Hunt, Massey, Weinberg, Bruyere & Hahn, 1977). Wiesendanger berichtet von einer umfangreichen Untersuchung von Psi-Diagnosen in der Tschechoslowakei (Wiesendanger, 1994). Danach ergab sich durchschnittlich eine knapp 59 prozentige Übereinstimmung zwischen sensitiven und ärztlichen Befunden, wobei die Trefferquoten der Sensitiven breit gestreut waren. Außerdem seien Psi-Diagnosen häufig zu allgemein, zu ungenau und mehrdeutig. Wiesendanger warnt daher davor, diese Diagnosen von Sensitiven für bare Münze zu nehmen. Man sollte sie eher als wichtigen Fingerzeig betrachten, der von Ärzten überprüft werden sollte.
In der vorliegenden Studie wurden Aurasichtige interviewt, die solche Aura-Lesungen professionell anbieten. In den vorherigen Abschnitten der Ergebnisdarstellung wurde die Ontogenese der „Fähigkeit“ und die individuelle Repräsentation von Auren untersucht. Die Analyse der Ontogenese des Aura-Sehens zeigt, dass die Entscheidung, das Aura-Sehen beruflich auszuüben, für alle ein wichtiger Schritt in ihrem Leben und für die Weiterentwicklung der „Fähigkeit“ war. Da sich die Sensitivität zum Teil spontan entwickelt hat oder zumindest von spontanen paranormalen Wahrnehmungen begleitet wurde, sind die Aurasichtigen gezwungen, diese Wahrnehmung auf irgendeine Art und Weise in ihr Leben zu integrieren. Denn auf Dauer lässt sich diese „Fähigkeit“ anscheinend nicht unterdrücken. Das Einbeziehen des Aura-Sehens in die Arbeit, zum Beispiel als Heilerin, stellt eine gute Möglichkeit der Integration dar. Dadurch bekommt die Sensitivität einen bestimmten Bereich im Leben zugewiesen, ohne dass sie in anderen Bereichen zur Belastung wird. In diesem Abschnitt des Interviews ging es nun um die Fragen, wie das Aura-Sehen bei der Arbeit eingesetzt wird. Der chronologische Ablauf einer Aura-Lesung sollte dargestellt werden. Zudem wurden etliche Fragen zu den Randbedingungen gestellt, wie zum Beispiel, ob ein Vorgespräch geführt wurde oder ob die Aurasichtigen während der Lesung in einem veränderten Bewusstseinszustand sind. Zudem wurde nach dem Feedback der Klienten gefragt.
5. 3. 1. Interview mit T: „Also es ist schon eher pragmatisch, wie ich arbeite.“
T hat während ihres Psychologie-Studiums angefangen, „Esoterische Lebensberatungen mit Aura-Lesen und Tarot“ anzubieten, arbeitet aber inzwischen hauptberuflich als Verhaltenstherapeutin und macht nur noch gelegentlich Aura-Lesungen. Außerdem hat sie schon andere Menschen, unter anderem P, im Aura-Sehen ausgebildet. Ablauf einer Aura-Lesung: T fängt ohne Vorgespräch spontan an, da das besser für die Intuition sei. Die Klienten können sie aber jederzeit unterbrechen und Fragen stellen. Daraufhin können bestimmte Punkte vertieft oder weggelassen werden. So entsteht ein Gespräch, das sie auf Cassette aufnimmt. Sie orientiert sich am indischen Chakrensystem, das sie leicht abgewandelt hat. „Es ist nicht das Chakrensystem direkt kopiert, wie es aus dem Yoga kommt, weil wir in unserem Kurs gelernt haben – wir müssen nicht nach dem gehen, was irgendwelche Meister können, sondern danach, was wir selber können, denn wir müssen das unbedingt nachvollziehen können ... Ich denke jeder muss sein eigenes System finden.“
Ihre Zuordnung der verschiedenen Lebensbereiche zu den Chakren ist
folgendermaßen:
„Die erste Ebene (Wurzelchakra oder Muladhara) ist für mich Lebenswille,
Lebenskraft, Arbeit, Lebensfreude, Ideal des anderen Geschlechts und
Klanbewußtsein.
Die zweite Ebene (Sexualchakra oder Swadisthana) ist der Bereich Träume,
Hoffnungen, Wünsche, Sexualität, Partnerschaft, Mystik.
Dann kommen (Solarplexuschakra oder Manipura) Herausforderungen, Lebensrahmen,
Zukunftspläne, Umgang mit Freundschaft und Verliebtheit.
Und dann Herzebene (Herzchakra oder Anhata): Ich sag immer sowas, wie – das
freudiges Vergessen braucht. Es ist ’ne Lösungsebene, ist auch Kummer usw., ist
auch Verbundenheit – also herzliche Verbundenheit, Liebe die über den Tod
hinausgeht – also da erscheinen häufig auch Verstorbene.
Und dann 5. Energiezentrum (Kehlkopfchakra oder Visuhudda) ist Zukunft, ist
Befreiung von Gift, von Belastungen, Risiken, Spiel mit dem Feuer, wo man
Risiken im Leben eingeht und was das Leben erleichtert und einem so das Ich
stärkt. Wo man sich mit sich selber mehr zu Hause fühlt.
Und dann 6. Energiezentrum (Stirnchakra oder Ajna), das sind bei mir Aufgaben,
auf die man sich konzentrieren muss, teilweise auch die eigene Philosophie, und
eigene Fähigkeiten, Talente, die Ressourcen, die man hat.
Und das 7. Energiezentrum (Scheitelchakra oder Sahasrara) ist Schicksalhaftes,
Beziehung zu Gott, Zufall, sind Begegnungen – das ist quasi der Zufall.“
T stellt sich dabei nacheinander auf die jeweilige Ebene ein. „Ich seh’ die als Farben und dann fühl ich mich gleichzeitig rein.“ Sie hat nicht den Eindruck, dass sie in einem veränderten Bewusstseinszustand ist bei der Arbeit. „Also ich bin in diversen Entspannungsverfahren ausgebildet und meditiere seit 13-14 Jahren – also ich glaub schon, dass ich entspannter bei der Arbeit bin als andere Leute, weil es mir leicht fällt, so umzuschalten auf die kreative und imaginative Ebene. Aber ich glaub, das ist auch einfach die Routine. Ich merke, dass ich, wenn ich verhaltenstherapeutisch arbeite, nach einem halben Tag erschöpft bin – einfach weil ich da so konzentriert bin.“ Sie würde weder eine Psychodiagnostik, noch eine körperliche Diagnostik machen, sondern eine Informationssammlung. „Also die Hauptinformationen, die ich der Aura entnehme, sind Beziehungen zu nahestehenden Menschen, Konflikte, verdrängte Gefühle, Zukunftspläne, die sich die Leute nicht so zutrauen oder Fähigkeiten, die sie lange nicht mehr angewendet haben – und wenn sie vor Entscheidungen stehen, ist die Entscheidung oft schon gefallen in der Aura und der Kopf braucht ein bisschen länger. Der Bauch hat sozusagen schon entschieden. Und dadurch kommen viele Leute, die sich einfach ein bisschen absichern wollen, was Entscheidungen betrifft. Die sich da noch ein bisschen im Zwiespalt fühlen, und viele kommen auch um berufliche Neuanfänge oder berufliche Weiterentwicklungen zu unterstützen und viele auch wegen psychosomatischen Erkrankungen, um da einfach gesundheitsfördernd was zu machen.“
Feedback der Klienten:
Das Feedback ihrer Klienten schätzt sie als zu 80% positiv ein. Manche
Stammkunden kommen seit 10 Jahren zu ihr. „... was die meisten als sehr positiv
sagen, dass das ganz realistisch und nachvollziehbar ist – dass man da nicht so
viel glauben muss und dass es ihnen viel an die Hand gibt, was sie in die Tat
umsetzen können – und sie unterstützt dabei, Erfolg zu haben im Leben. Also es
ist schon eher pragmatisch, wie ich arbeite. Und dadurch habe ich auch viele
Klienten, die eigentlich nicht so auf der Esoterikschiene sind, sondern eher wie
so Coaching – Unterstützung für ihre Zukunftspläne haben wollen.“
5. 3. 2. Interview mit P: „Mein Traum ist es, jedem soviel Input zu geben, dass er seinen Therapieplan selbst erstellen kann“
P macht zum einen Gesundheitsberatungen und gibt Qi Gong-Unterricht und zum anderen arbeitet sie als Coach für junge Schauspieler. Hin und wieder gibt sie auch Aura-Lesungen. Allerdings hat es eine Weile gedauert bis sie sich getraut hat, die Auren von Fremden zu lesen. Demnächst zieht sie nach München und wird an einer Schauspielschule unterrichten und als Coach arbeiten. Dort möchte sie das Aura-Lesen noch stärker in die Arbeit mit Schauspielern miteinbeziehen und neue Wege durch die Arbeit mit Auren bestreiten. Das bloße Aura-Lesen findet sie relativ unbefriedigend. Sie wünscht sich ein Klientel, mit dem sie längerfristig und intensiver arbeiten kann. „Mein Traum ist es, jedem soviel Input zu geben, dass er seinen Therapieplan selbst erstellen kann.“ Mit Input meint sie, ihrer Klientel Informationen zu geben, über zum Beispiel Körperübungen, aber auch über das Aura-Lesen. Das heißt, sie würde ihnen zeigen, wie man Auren ließt. Auch könnte man das Aura-Lesen in die künstlerische Arbeit miteinbeziehen. „Also wenn ich nicht nur die Aura einer Person lese, sondern die Aura einer Landschaft oder die Aura einer Szene.“
Ablauf einer Aura-Lesung:
„Ich gucke mir erst die Aura rundrum an – wie sieht sie aus? ... Das ist
manchmal ganz voluminös, ein Ausbrechen von Formen in diesen Schichten ...“
Dabei schaut sie danach, ob auf dem Menschen z.B. „irgend etwas lastet oder wie
ein Mensch umgeben ist – ob er geschützt ist“. „...und dann gehe ich die Chakren
durch.“ Der Aura kann sie folgende Informationen entnehmen: „Ganz viel über die
Befindlichkeit, über Schmerz, über Blockaden, über Ausgeglichenheit, ein zuviel
oder zuwenig, ob jemand platzt innerlich, ob er sich zurückhält. Oder auch wo er
ist, wo er sich befindet, auf welcher Ebene er ist.“ „Und dann geh ich in die
Augen, das heißt, ich geh in die Pupillen. Und das ist für manche, die das nicht
gewöhnt sind, auch nicht gut auszuhalten. Das kann ich nicht mit jedem machen,
weil Menschen, die sehr ängstlich sind und eh schon Blockaden haben oder eher
introvertiert sind, ... haben schon Schwierigkeiten damit. Und da trau ich mich
auch nicht am Anfang reinzugucken. Das müsste man bei der 2. oder 3. Aura-Lesung
versuchen. Und dann sehe ich meistens die Inkarnationen, die früheren oder auch
... (lange Pause) wie soll ich sagen, die Archetypen.“ Bei einer Frau habe sie
zum Beispiel gesehen, dass sie mal eine Schamanin gewesen sei und P hat dann
versucht, durch Informationen über Kurse und Seminare, die Frau wieder an diese
schamanische Tätigkeit heranzuführen. „Und das zu sehen – was ist denn der
Mensch, was macht ihn denn aus, wenn er in einer Lebenskrise ist, weil er sich
irgendwie verstrickt hat in einem Beruf, der ihm gar keinen Spaß macht oder in
einer Situation, mit der er nicht zurecht kommt.“ Für sie ist es ein wichtiger
Teil ihrer Arbeit, den Menschen dabei zu unterstützen, sich selber zu finden,
ohne ihn dabei zu bevormunden.
Feedback der Klienten:
Seit über 10 Jahren kommen Leute zu ihr und lassen sich von ihr bei
psychosomatischen Beschwerden beraten. Aber mit dem Aura-Lesen als neuen Aspekt
gäbe es Schwierigkeiten mit ihrem alten Klientel. Einige würden zwar zu
Aura-Lesungen kommen und seien sehr zufrieden mit dem „Input“, den sie ihnen
geben könnte, aber letztendlich möchte sie mit dem Aura-Sehen anders umgehen.
Sie würde gerne mit den Klienten intensiver zusammenarbeiten.
5. 3. 3. Interview mit O: „Ich kann mich soweit runtersetzen, dass ich die Gefühle des anderen aufnehmen kann“
O betreibt ein Ausbildungszentrum, in dem er schamanische Tätigkeiten lehrt. Ein Großteil der Ausbildung befasst sich mit dem Lesen und Spüren von Energiefeldern. Nebenher gibt er auch Heilbehandlungen mit Aura-Diagnosen.
Ablauf der Aura-Lesung:
Um sich auf eine Aura-Lesung einzustellen, braucht O mindestens eine halbe
Stunde Vorlauf, um ruhig zu werden und sich zu „zentrieren“. Wenn der Klient
dann kommt, ist er sofort in der Lage zu sehen, was mit dem Energiefeld los ist.
Er erzählt dem Klienten, was er sieht und lässt sich von ihm ein Feedback
darüber geben, ob seine Eindrücke zur Fragestellung passen. Wichtig ist dabei,
Worte zu verwenden, die der Klient versteht, also die Interpretation der
Wahrnehmungseindrücke. Er beschreibt eine Aura-Diagnose, die er am Vortag
gemacht hat. „Da hat ich ein Kind gestern, das Epilepsieanfälle hat. Da war die
Mutter mit ihm hier und fragte: ,Was kann man machen?‘ Und es war eindeutig zu
sehen in der Aura des Kindes – die Epilepsie war nicht zu sehen als Krankheit,
sondern als reiner Hilferuf vom Körper her. Das Problem war bei der Mutter. Das
Kind versuchte über diese Anfälle, sich die Verbindung zur Mutter zu schaffen.“
Im Gespräch kam heraus, dass die Mutter zu hohe Anforderungen an das Kind stellt
und sich auch zu wenig Zeit für das Kind nimmt. O meinte, dass die
Epilepsieanfälle eine Art Hilferuf des Kindes seien.
O hat folgendes Schema der Auraschichten:
Die erste Schicht der Aura bildet der „Ätherkörper“. „In dem sind alle
Funktionen des Körpers gespeichert, alle Gliedmassen sind drin vorhanden, auch
die nicht mehr vorhandenen. Abgerissene Arme und so sind im Ätherkörper noch
vorhanden.“ Am Ätherkörper kann O sehen, ob eine Krankheit genetisch bedingt
ist. In diesem Fall muss er den Klienten wegschicken, da er bei solchen,
genetisch bedingten Problemen, mit energetischer Arbeit nichts ausrichten kann.
„Dann kommt die Emotionalkörperschicht. In meinem Emotionalkörper sind meine
Gefühle drin, Vergangenheit, Zukunft.“ „Was belastet? Was hat mich belastet? Der
nächste Schritt auf der Achse: Was wird mich belasten? Zeit haben wir definiert,
die Aura kennt das Thema Zeit nicht. Bei ihr ist Vergangenheit und Zukunft wie
eine Achse, man kann sich in beiden Richtungen bewegen.“
Und im Mentalkörper ist der ganze Bereich drin meines Denkens, meine
Gedankenstrukturen, wer bin ich, wie stecke ich etwas weg oder werde ich
aggressiv darauf reagieren, ...“.
„Dann kommt der Astralbereich als nächste große Ebene. Im Astralkörper sind zum
Beispiel meine Chakras. Dieser Bereich ist auch mein Schutzbereich. An dieser
Stelle wird registriert – kommt Fremdenergie zu mir. Ein Grippebazillus zum
Beispiel, der sollte bei einem normalen, gesunden Menschen an dieser Stelle
erfasst werden. Das ist so ein Frühwarnsystem.
Darüberhinaus kommt die immaterielle Ebene, die hat nichts mehr mit dem Wort
Körper zu tun, sondern das ist eine extrem feinstoffliche Ebene, eine
hochschwingende Ebene. Diese Ebene ist floatig. Die kann jetzt hier in Berlin
sein und kann sich um etliche Kilometer ausdehnen. Das sind praktisch die
Gedankenübertragungen zu jemand der irgendwo hier, in New York oder in München
sitzt. Ich spür’, er denkt an mich. Das geht alles über diese Ebene. Das ist in
ganz groben Zügen das Energiefeld von einem Menschen.“
O beherrscht auch eine schamanische Technik, die er in Tibet gelernt hat, bei der er seine eigene Körperwahrnehmung „soweit runtersetzt, dass er die Gefühle des Anderen aufnehmen kann.“ „Mit Gefühlen meine ich zum Beispiel Schmerzen. Ich kann mich soweit in seine Aura reinklinken, reinhängen, dass ich den Schmerz seines Knies in meinem Knie spüren kann. Dass ich bei mir praktisch die Diagnose machen kann. Ich kann die Kopie seiner Aura zu meiner ziehen.“ Während einer Aura-Lesung befindet sich O nicht in einem veränderten Bewusstseinszustand, sondern für ihn ist es sehr wichtig, „dass das Unterbewusstsein dem Tagesbewusstsein parallel gesetzt wird.“ „Wir dürfen nicht in einer Art Trance oder so sein, weil in der Trance ist nicht zu erkennen – ist das jetzt ’ne Vision, ist das Einbildung oder ist das Tatsache. Das Tagesbewusstsein muss die absolute Kontrolle behalten.“ Durch Training und Konzentrationsübungen sei es möglich zu lernen, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, also zugleich Signale aus dem Unterbewusstsein und Informationen des Wachbewusstseins zu empfangen und zu verarbeiten. Dies versucht er auch seinen Schülern in seinen Kursen zu vermitteln.
Feedback der Klienten:
Das Feedback der Klienten schätzt er als sehr gut ein. Allerdings bekäme er
selten ein direktes Feedback, sondern meistens kommen die Klienten erst ein Jahr
später wieder zu ihm, wenn sie ein neues Problem haben. Es käme aber auch
durchaus vor, dass er sich täuschen würde oder nichts Genaues erkennen könnte.
„Sie könne nichts sehen, wenn der mit einem Riesenproblem reinkommt, Trauer zum
Beispiel, und er überspielt es total. Seit Tagen schon. Dann ist es im
Emotionalkörper nicht zu sehen oder nicht gut zu sehen. Die Freude ist einfach
höher zu sehen, die er sich selber reinprojiziert.“ Seinen Schülern würde er
deswegen immer predigen: „Schaut dreimal hin, bevor ihr den Mund aufmacht !“
5. 3. 4. Interview mit S: „Aura ist Buch des Lebens“
S erzählt, dass sie in Rußland in der Kreml-Klink und in Georgien, in Tiflis, mit Wissenschaftlern zusammengearbeitet hat. Sie habe geheilt und die Wissenschaftler haben geforscht, indem sie Blutanalysen gemacht und verfolgt haben, wie sich der Zustand ihrer Patienten verändert. Außerdem hat sie als Heilerin gearbeitet. Dafür habe sie aber kein Geld genommen, denn in Russland sei es nicht üblich, „geistiges Wissen zu verkaufen“. Nur kleine Geschenke und Lebensmittel hat sie entgegengenommen. Zunächst hatte sie nur Freunden und Bekannten geholfen. Dann kamen aber immer mehr Leute zu ihr und sie hatte gar keine Zeit mehr für sich und ihre Familie. Daraufhin hat sie die Arbeit abgebrochen. Als sie nach Deutschland kam, fing es auch damit an, dass sie zunächst nur ein paar Freunden mit ihrer „Fähigkeit“ half. Diese schickten wiederum Freunde und Bekannte zu ihr und ihr Klientel wurde immer größer, ohne dass sie Werbung dafür gemacht hatte. Nun nimmt sie von ihren Klienten als symbolischen Preis 100,– DM. Kindern und Studenten hilft sie manchmal umsonst. Zu ihr kommen körperlich und psychisch kranke Menschen und auch Drogenabhängige. Darunter sind Psychotherapeuten, Heilpraktiker, Lehrer, Geschäftsleute und Menschen aus der Esoterikszene. Aber sie macht nicht nur Aura-Lesungen, sondern sie hat auch eine Technik entwickelt, um die Aura „mit ihrer eigenen Kraft wieder aufzubauen“. Allerdings ist es ihr nicht möglich, diese Arbeit täglich auszuführen. Nur 1-2 Patienten am Tag und dann muss sie wieder eine Woche Pause machen, denn sie bekommt von dieser Arbeit „Herzschmerzen“.
Ablauf einer Aura-Lesung:
Ein Teil der Sitzung besteht darin, dass sie die Aura des Klienten mit ihrer
„Kraft“ wieder ganz macht. Im anderen Teil schaut sie in die Aura nach dem
Problem des Klienten und redet mit ihm darüber. Folgende Informationen kann S
der Aura entnehmen: „... man kann sehen emotionalen Zustand – erstens. Man kann
sehen Probleme. Wichtigste Problem, was ist das? Ist das Papa oder Mama, zum
Beispiel, oder Bruder oder Schwester? Wo ist Schmerz? Man kann sehen geistige
Schmerzen. Man kann Narben in Aura sehen. Wenn zum Beispiel als Kind gefallen
und mit Kopf gestoßen und dann bleibt in Aura ein Fleck. Diese Flecken bleiben
in ganze Leben, Narben auch. Man kann sehen, wenn fremde Wille versucht Mensch
beeinflussen. Man kann helfen. Man kann sehen Symbole, das zeigt vergangene
Leben und Möglichkeiten in diese Leben. Darum habe ich Symbole gelernt und als
Expertin lange Zeit gearbeitet. Ich benutze auch alte Sprachen. Sie sind
symbolisch, uralte Sprachen ... Man kann sehen auch Gesundheit, biologische
Gesundheit. Man kann sehen genetische Verbindung mit Verwandte. Man kann sehen
Chakra und ihre Arbeit, die Energiezentren ... Man sieht Ausstrahlung –
Organenausstrahlung, weil jede Organ hat seine eigene Ausstrahlung, eigene Aura
und eigene Biomembran, genau wie jede Zelle ... Man kann sehen über Kopf, aus
welche System kam Seele in diese Sonnensystem.Das ist schon ein ganz mystischer
Bereich. Darüber spricht man nicht. Man kann sehen Träume, wenn jemand ist
besessen von einem Traum, ein Wunsch – man kann das sehen ...“
Die Auren verschiedener Menschen unterscheiden sich in erster Linie äußerlich durch ihre Farben und ihre Dichte. In der Dichte der Aura kommt die „geistige Kraft“ zum Ausdruck. „...psychische Schicht in Aura sieht wie leuchtende Nebel aus, wie Gespenster in Zeichentrickfilme. Und diese Nebel kann wie richtige Nebel dicht sein oder schwach oder teilweise dicht, teilweise schwach.“ Aber die Aura einer Person kann sich auch stark verändern. Sie kann klarer, reiner, stärker und gleichmäßiger werden. „Wenn Aura ist gleichmäßig, dann Person ist okay. Und viele haben sehr schiefe Aura.“ Aber jede Aura sei letztendlich sehr individuell und als Ausdruck der Persönlichkeit aufzufassen. „Aura ist Buch des Lebens. So wie wir alle verschieden sind und jeder hat sein Schicksal und jede ist an Spitze von sein eigene Strahl. Wir sind verschiedene Persönlichkeiten, so sieht unsere Aura aus. Weil Aura ist Persönlichkeit.“
Feedback der Klienten:
S hat weder in Russland noch in Deutschland Werbung gemacht für ihre
„Fähigkeit“, und trotzdem sind immer mehr Menschen zu ihr gekommen. In Russland
standen manchmal ganze Schlangen vor ihrem Haus, wenn sie von der Arbeit kam. Da
sie keine Zeit mehr hatte für sich und ihre Familie, hat sie diese heilerische
Tätigkeit abgebrochen. In Deutschland ist es ähnlich abgelaufen. S arbeitet in
Deutschland auch mit Ärzten zusammen, allerdings heimlich. Die Ärzte schicken
ihr Patienten oder laden sie ein in die psychiatrische Klinik. Einer ihrer
letzten Patienten wurde nach einem siebenjährigen Psychiatrieaufenthalt,
aufgrund ihrer Behandlung, aus der Anstalt entlassen. Zu ihren Kollegen würden
die Ärzte sagen, sie hätten eine „neue Medizin“ benutzt.
5. 3. 5. Interview mit B: „Ich sehe die Aura, aber das ist für mich nicht mehr so wichtig.“
Bei B hat es lange Zeit gedauert, bis ihr Vertrauen in ihre Fähigkeit groß genug war, um als Heilerin zu arbeiten. Was für Leute zu ihr kommen ist periodisch verschieden. Eine Zeit lang kamen sehr viele Leute, die Krebs hatten und als austherapiert galten und die in ihrer Verzweiflung noch die letzten Möglichkeiten ausprobierten. Zur Zeit sind es vor allem Menschen, „die irgendwie einen Weg suchen“ und die auch schon verschiedene Therapien gemacht oder Selbsterfahrungsgruppen besucht haben. Die meisten ihrer Klienten würden völlig unter Stress und Anspannung stehen. Mit diesen Leuten macht sie häufig Meditationen und Entspannungsübungen und oft passiert es dann, „dass sie selber auf die Idee kommen, was dahinter steckt und warum sie dieses oder jenes Problem hatten“. Es kommt auch vor, dass sie von Familienangehörigen gebeten wird, jemandem zu helfen. Zum Beispiel hat sie letztens eine Frau behandelt, die im Koma lag und an eine Herzlungenmaschine angeschlossen war. Seit kurzem behandelt sie auch Tiere. Sie erzählt davon, wie sie gerufen wurde, um zwei Pferden zu helfen, die große Probleme hatten und angeblich austherapiert sein sollten. „Das eine Pferd hatte Arthrose und ich hab mich dann mit dieser Arthrose auseinandergesetzt und versucht, da was wahrzunehmen. Und das ist dann immer wieder so, dass ich ein Energiefeld wahrnehme – also diese Vibration oder so ein Flimmern. Das war jetzt ein Bein dieses Pferdes. Und das einzige, was ich dann wahrgenommen hab, dass es nicht klar war, sondern irgendwie ein bisschen nebelartig – was ich dann wahrnehme. Also immer wenn es so ein bisschen wie ein Nebel oder ins Dunkle oder Undurchsichtige geht, dann weiß ich, da ist irgendwas nicht in der Balance... Ich hab einfach versucht in der Aura dieses Pferdes, was nicht einfach ist, weil es wesentlich größer ist als ich – ich bin so drum herum herumgegangen und hab versucht durch Handauflegen bestimmte Energiepunkte herauszuspüren, die ich dann verbunden hab’ miteinander. So hab’ ich versucht, die Energien mehr zum Fließen zu bringen.“
Ablauf einer Sitzung:
Bei ihren Sitzungen hat sie kein bestimmtes Schema, nach dem sie vorgeht und
sie versucht auch nicht, die Aura oder irgendwas bestimmtes wahrzunehmen. Auch
das, was ihr die Patienten erzählen über ihre Krankheit, versucht sie zu
vergessen, um völlig frei und unvoreingenommen zu sein. „Weil es geht mir nicht
nur um eine einzelne Krankheit, sondern um den gesamten Menschen. Und um ihm
vielleicht zu helfen, dass er in der Lage ist, sich selber zu helfen.“ „Ich sehe
die Aura, aber das ist für mich nicht mehr so wichtig, sondern ich nehme über
Geruch, über Töne, über Farben mehr wahr oder genauso viel wahr. Also ich
konzentriere mich nicht mehr nur darauf, was sehe ich um den Menschen herum oder
was könnte ich sehen. Und oft ist es so – ich meditiere bevor jemand zu mir
kommt und auch danach und dann krieg’ ich vielleicht mehr Einsichten und
Eingebungen, die eventuell hilfreicher sind, als wenn ich jemandem direkt
gegenüber sitze.“ Dabei ist sie auch nicht unbedingt in einem veränderten
Bewusstseinszustand. Wichtig ist, dass sie „in einem guten Kontakt mit sich
selber und möglichst entspannt ist“. Der nächste Schritt ist dann zu
entscheiden, was sie mit den Informationen, die sie bekommt, anfängt. Sie
überlegt, wie sie ihrem Klient am besten damit helfen kann.
Die Unterschiedlichkeiten verschiedener Auren nimmt sie eher subtil wahr. Sie
„riecht“ oder „fühlt“ die Unterschiede. Oder sie hat den Eindruck, „dass jemand
mehr Licht hat“ oder „dass sie in der Gegenwart einer bestimmten Person freier
atmen kann“.
Feedback der Klienten:
Das Feedback der Klienten ist in erster Linie, dass sie sich bei ihr „angenommen
und gut aufgehoben fühlen“ würden. Ein Feedback, das ihr sehr gut gefallen hat,
kam von einer Frau, die schon sehr lange zu ihr kommt und die gesagt hat: „Das
Größte, das was sie völlig überrascht hat, war, dass ich ja völlig normal sei.“
Manche Klienten berichten, dass sie nach einigen Übungen mit ihr, wieder
anfangen zu träumen oder dass sie besser verstehen können, was mit ihnen im
Alltag passiert.
Zusammenfassende Darstellung:
Anwendungsbereiche:
Das Aura-Sehen wird von den Befragten als psycho-physiologische Methode
eingesetzt bei Heilbehandlungen (O, S, B) oder Lebens- oder
Gesundheitsberatungen (T, P). O und T geben auch Kurse im Aura-Sehen und S hat
lange Zeit in Russland mit Wissenschaftlern zusammengearbeitet, die an diesen
Phänomenen geforscht haben.
Veränderte Bewußtseinszustände:
In der Literatur steht häufig, dass Diagnosen mit „außersinnlicher Wahrnehmung“
nur in „veränderten Bewusstseinszuständen“ möglich seien (Wiesendanger, 1994).
Die Heiler oder Schamanen würden sich dazu durch die Einnahme von Drogen, durch
Tanzen, durch Singen oder mit Hilfe einer Meditation in eine Trance versetzen,
um Zugang zu unbewussten, intuitiven Informationen zu erlangen. Von den
Befragten machen zwar manche vor oder während der Behandlung Meditationen oder
Entspannungsübungen, um sich zu „zentrieren“, um „mehr bei sich zu sein“ oder
um besser auf diese „kreative, imaginative Ebene“ umschalten zu können, trotzdem
haben sie nicht das Gefühl, in einem veränderten Bewusstseinszustand zu sein. O
erklärt, dass es ganz wichtig sei, dass das Tagesbewusstsein und das Unbewusste
zugleich aktiv sind. Dadurch ist es für den Heiler möglich, in Kontakt mit der
Realität zu bleiben.
Spontanität:
Der Ablauf einer Aura-Lesung sieht meistens so aus, dass spontan, ohne
Vorgespräch, angefangen wird, da das besser für die Intuition sei (T, B). Manche
meditieren oder „zentrieren sich“ auch vorher (O, B), fangen dann aber gleich
an, die Aura zu lesen, wenn der Klient hereinkommt.
B sagt, dass sie versucht zu vergessen, was der Klient ihr über sein Problem
erzählt hat, um „frei und offen“ zu sein.
Schemata:
Die Aurasichtigen haben meist ein bestimmtes Schema gelernt oder selber
entworfen, an dem sie sich bei einer Aura-Lesung orientieren.
T und P gehen zum Beispiel nach dem indischen Chakrensystem vor. O dagegen
orientiert sich an den verschiedenen Auraschichten (Äther-, Emotional-, Mental-
und Astralkörper). S sieht ebenfalls die Chakren, aber darüberhinaus nimmt sie
noch viele andere Dinge in der Aura wahr, zum Beispiel Symbole, Narben,
Organausstrahlungen u.v.m.. B betont dagegen, dass sie gar kein Schema hat, nach
dem sie vorgeht. Ihr ist es auch gar nicht so wichtig, die Aura zu sehen. Sie
versucht sich einfach zu entspannen, dann kommen die Eindrücke und Botschaften
schon meist von alleine.
Informationen:
Die Informationen, die der Aura entnommen werden, sind zum Großteil
psychologischer und physiologischer Natur und natürlich abhängig von der
Behandlung. T und P, die eine Art Coaching machen, schauen eher nach inneren
Konflikten, verdrängten Gefühlen und nach Blockaden. Dabei verhelfen sie ihren
Klienten zu gedanklicher Klarheit und unterstützen sie bei
Entscheidungsprozessen. O, S und B sind mehr heilerisch tätig und achten von
daher stärker auf gesundheitliche Probleme. Aber auch bei ihnen spielen
Emotionen und Gedankenstrukturen eine Rolle.
Spirituelle Informationen:
Da die Aura ja eine Art Verbindungsglied zwischen materieller und geistiger
Ebene sein soll, können ihr auch Informationen über spirituelle oder okkulte
Zusammenhänge entnommen werden. P und S sind in der Lage in der Aura die
vorherigen Inkarnationen eines Menschen zu sehen. Dies hat für sie auch eine
große Bedeutung für die jetzige Lebensgestaltung der Person. S kann auch in der
Aura erkennen, ob jemand von einem fremden Willen beherrscht wird.
Ganzheitliches Krankheitskonzept:
Alle Befragten scheinen ein ganzheitliches Konzept von Gesundheit und Krankheit
zu haben. Die Gesundheit ist danach das Produkt eines komplexen Zusammenspiels
physiologischer, psychologischer und spiritueller Ebenen. O berichtet zum
Beispiel von der Behandlung eines Kindes, das unter epileptische Anfällen
gelitten hat. O konnte anhand der Aura erkennen, dass die Ursache für das
Problem nicht bei dem Kind liegt, sondern bei der Mutter, die das Kind
überfordert und sich zu wenig Zeit nahm für das Kind. Die epileptischen Anfälle
wurden als Hilferufe gedeutet.
Klientel:
Die Klientel der Befragten sind sowohl körperlich als auch seelisch Kranke und
scheinen aus allen Bevölkerungsschichten zu kommen. Zu B kommen häufig Personen,
die nach schulmedizinischen Gesichtspunkten als austherapiert gelten. B
behandelt auch Tiere.
Feedback der Klienten:
Das Feedback der Klienten wird als durchweg gut eingeschätzt, wobei keiner
genaue Statistiken darüber führt. Auf jeden Fall werden sie immer wieder von
Klienten weiterempfohlen, so dass es sicherlich einige Menschen gibt, die mit
ihren Angeboten sehr zufrieden sind.
Abschließende Bemerkung:
Die Aura-Diagnostiker versuchen, im Gegensatz zur analytischen Vorgehensweise
eines medizinischen oder psychologischen Diagnostikers, über ihre Intuition
Informationen zu erhalten. Durch Entspannungstechniken und durch das spontane
Einsteigen in die Aura-Lesung soll das analytisch-logische Denken umgangen
werden. Ihre Intuition scheint soweit ausgeprägt zu sein, dass ihnen die
Informationen als wahrnehmungsähnliche Eindrücke von z.B. Farben oder Symbolen
in der Aura erscheinen. Wobei natürlich aufgrund der vorliegenden Daten keine
Aussage getroffen werden kann über die Qualität dieser intuitiven Informationen.
Von den Aurasichtigen wird meist ein System, wie das Chakrensystem oder Schema
der verschiedenen Aura-Schichten benutzt, um die verschiedene Wahrnehmungen zu
strukturieren. Die Informationen, die der Aura entnommen werden, beziehen sich
auf physiologische, psychologische, aber auch spirituelle oder paranormale
Aspekte und werden in einem holistischen Krankheitskonzept integriert.
5. 4. Persönliche Bedeutung des Aura-Sehens
Ein Thema, dem vielleicht in der bisherigen Forschung die geringste Beachtung geschenkt wurde, ist die Frage, was es denn für die betreffende Person bedeutet, „sensitiv“ zu sein. Solche Aspekte findet man in den Autobiographien von Medien und Sensitiven, wie zum Beispiel in dem Buch „My life as the search for the meaning of mediumship“ von Eileen J. Garret (Garret, 1939). Die Parapsychologin Rhea A.White hat sich die Erforschung von „Exceptional human experiences“ zum Forschungsschwerpunkt gemacht (White, R.A.,1997). Unter dem Begriff der „außergewöhnlichen menschlichen Erfahrungen“ fasst sie „Mystical experiences“, „Psychic experiences“ (= paranormale Erlebnisse), „Encounter-type experieces“ (= UFO- oder Engelsbegegnungen), „Death-related experiences“ (z.B. mediumistische Kontakte mit Verstorbenen, Nahtod-Erfahrungen) und Exceptional normal experiences (z.B. ästhetische Erlebnisse, Empathie) zusammen. In ihrer Forschung geht es ihr weniger um wissenschaftliche Erklärungsmodelle für diese Phänomene, sondern um die subjektive Bedeutung solcher Erfahrungen. Dabei hat sich gezeigt, dass diese Art von Erlebnissen bei jedem Menschen einen wichtigen Stellenwert im Leben einnehmen, da sie die Sichtweise der Realität, der Welt und auf sich selber verändern. Dass das Aura-Sehen einen besonderen Einfluss auf das Leben der Befragten hatte, zeigt sich schon daran, dass sie es alle in ihrer berufliche Tätigkeit integriert haben. Außerdem wird das Aura-Sehen von allen als wichtiger Aspekt der spirituellen Entwicklung verstanden. In diesem Abschnitt des Interviews wurde nach Episoden aus dem Leben gefragt, bei denen das Aura-Sehen eine besondere Rolle, im positiven, wie im negativen Sinne, gespielt hat. Hier werden nun einige interessante Erzählungen wiedergegeben, um einen Einblick in das Leben von Aurasichtigen zu ermöglichen. Außerdem wurde der Frage nachgegangen, ob sie das Aura-Sehen als eine Gabe empfinden, die mit einer besonderen Verantwortung verbunden ist.
5. 4. 1. Interview mit T: „Ich halte das für etwas, was jeder kann“
Das Aura-Sehen ist bei T mittlerweile auf den beruflichen Bereich beschränkt.
Sie konnte dadurch ihr Studium finanzieren. Jetzt ist sie zwar hauptberuflich
als Verhaltenstherapeutin tätig, macht aber nebenher immer noch Aura-Lesungen.
In Indien, als sie bei ihrem Guru Ammachi war, hat sie viel Aura gelesen, da
das, so wie das Meditieren, ein Teil ihrer spirituellen Entwicklung war. Das
Aura-Sehen habe T’s Leben in sofern stark beeinflusst, da sie ansonsten
wahrscheinlich wesentlich stärker in eine naturwissenschaftlichere Richtung
gegangen wäre.
Besondere Erlebnisse:
„Besonders schöne Situationen sind in der Arbeit beim Aura-Lesen, wenn ich
Konflikte lösen kann. Wenn ich Leute zusammenbringen kann, die sich jahrelang
nicht gesprochen haben. Wenn ich Ängste beseitigen kann damit, das ist auch
immer ganz gut. Also meistens – ich setz es dafür ein, den Leuten bei
Entscheidungen zu helfen – gucke, was sind für Fähigkeiten in der Aura –
positive Erinnerungen – also wir würden sagen, in der Psychologie, Ressourcen –
ich mach so ein Ressourcenorientiertes Aura-Lesen – was der Mensch eh kann, kann
ihm jetzt helfen. Wo es auch immer positiv ist, wenn ich Gefühle wahrnehme, die
die schon nicht mehr wahrnehmen und diese Gefühle – so bald sie das selber
spüren, wenn ich das anspreche – helfen ihnen dann, klarer zu denken. Meistens
ist es auch so, dass mehr Humor in der Aura ist als in den Gefühlen der
Menschen. Wenn man diesen Humor bewusst macht, kommen sie dann selber auch ran.“
T berichtet auch von einer besonders unangenehmen Erfahrung mit dem Aura-Lesen.
Als sie mal mit einer Freundin in einer Kneipe saß und sie über das Aura-Lesen
sprachen, wurde sie von einem fremden Mann angesprochen und gebeten, ihm die
Aura zu lesen. Er erzählte, er müsste für einen Freund einen Koffer über die
Grenze bringen, wüsste aber nicht, ob er das machen sollte. „Und ich hab bei ihm
geguckt und sagte: ,Ja, in dem Koffer ist ganz viel Geld und wenn er den über
die Grenze bringt, wird er erschossen !‘ Der Fremde reagierte ziemlich erbost
über diese prophetische Aussage. Aber wenige Tage später erhielt sie einen
riesigen Strauß roter Rosen mit einer Karte. „Ja, der andere wäre tot und ich
hätte ihm das Leben gerettet und vielen Dank usw ...“ „Das war mir eine Lehre,
nicht irgendwie damit rumzualbern und rumzukaspern.“
Die Frage nach der Gabe und der Verantwortung:
Das Aura-Sehen ist für T keine besondere Gabe, da sie überzeugt ist, das es
jeder erlernen kann. Sie habe selber bereits ca. 50-60 Leuten das Aura-Sehen
beigebracht. Ob die Fähigkeit erhalten bleibt und weiterentwickelt wird, hängt
allerdings davon ab, wie sehr man sich damit weiterhin beschäftigt. Wenn man es
nicht ständig übt und trainiert, würde die Fähigkeit wieder verschwinden. Das
man nicht leichtfertig mit dieser Fähigkeit umgehen sollte, habe sie durch das
Erlebnis in der Kneipe gelernt.
5. 4. 2. Interview mit P: „Ja, plötzlich leuchten sie alle.“
Für P ist das Aura-Sehen in erster Linie hilfreich, um sich vor „unguten
Energien“ zu schützen. „Aber dazu muss ich gar nicht sehen. Also ich kann in
einem Raum sein und kann mit dem Rücken zu den Menschen stehen und keinen
angucken und ich spüre genau, wo es herkommt.“
Ihr Leben hat sich durch das Aura-Sehen insofern geändert, dass sie es in ihre
beratende Tätigkeit miteinbezieht. P macht Beratungen, basierend auf dem Wissen
der Traditionellen Chinesischen Medizin. Aber auch bei ihrer Arbeit als Coach
für junge Schauspieler soll das Aura-Sehen zukünftig noch mehr zur Anwendung
kommen.
Besondere Erlebnisse:
Manchmal sind die Erfahrungen, die sie im Alltag mit der Sensitivität macht,
erschreckender Natur und manchmal sehr beglückend. P erzählt, dass sie einmal in
der U-Bahn hinter einer Frau, die sie nicht kannte, einen Dämon sah. „Ich kannte
die Person nicht. Die Frau stand da, es war sehr voll und plötzlich, ich guckte
so und ich war so in mich gekehrt – dass ist ja dieser starre Blick, wo man
durch jemanden durchguckt – und ich seh dahinter ihr und denke mir, ob ich
irgendwas sagen soll. Dann hat sie mir leid getan. Dann hab ich mich erinnert,
dass man mit dem Herzen schauen soll, wenn man irgendwas Negatives ...“ Ein
besonders schönes Erlebnis war es für sie, bei einem Menschen, den sie gerade
kennenlernte, ein „offenes Herzchakra“ zu sehen. „Und zwar, ich treffe mich mit
einem Menschen beruflicher Art, hier in Hamburg – ich hab den Menschen noch nie
gesehen – und sitze mit ihm in einem Café und sehe plötzlich ein, ... sehe ...
sehe ganz deutlich ein ganz offenes Herzchakra. So was hab ich noch nie gesehen.
Das hat mich so – fast umgehauen.“ Solche Erfahrungen seien für sie, wie ein
„göttliches Geschenk“. Hin und wieder kommt es vor, dass sie spontan die Auren
anderer Menschen wahrnimmt. „... auch wenn ich unterrichte beim Qi Gong und wir
machen gerade eine Übung und wir stehen so ... sehe ich plötzlich meine Leutchen
da. Plötzlich ist es da. Dann seh’ ich die Aura meines Gegenübers und meines
Partners und sehe sie eigentlich von allen und das ist ein wunderbares Gefühl.
Da fühle ich eine absolute Glückseligkeit und ich denke: ,Ja, plötzlich leuchten
sie alle.‘“
Die Frage nach der Gabe und der Verantwortung:
Ob das Aura-Sehen eine besondere Gabe ist, weiß sie nicht so genau. Sie
empfindet sich dadurch, dass sie es gelernt hat, nicht als etwas Besonderes.
Aber auf jeden Fall sei es mit einer größeren Verantwortung verbunden. Sie
findet es auch sehr schlimm, dass manche damit sehr verantwortungslos umgehen
würden. „Ich kenne Leute, die lesen Auren und erzählen irgendwelche negativen
Dinge. ,Also ich hab gesehen, dass du Krebs hast, morgen stirbt dein Vater und
deine Tochter bricht sich das Bein.‘ Das find ich unverantwortlich.“ Sie selber
ist darum bemüht, diese Fähigkeit konstruktiv einzusetzen. „Naja, ich habe bei
einer Frau ein ganz furchtbares Braun in der Leber gesehen, dass jetzt schon auf
eine Lebererkrankung hindeuten kann. Aber da würde ich jetzt nicht sagen: ,Ist
jetzt deine Leber krank ?‘ Sondern nach Ernährung fragen, nach Lebensumständen,
nach Emotionen, nach Aggressionen, Wut, Sorgen – was ja alles Dinge sind, die
letztendlich dem Leberorgan zugeordnet sind. Und würde mich langsam herantasten
und fragen, ob denn was mit der Leber sei?“
5. 4. 3. Interview mit O: „Man kann nicht sagen, Aura-Sehen ist absolut
spitze oder absolut negativ.“
Für O hat das Aura-Sehen Vor- und Nachteile. Wichtig ist für ihn, dass er es
kontrollieren kann, denn sonst würde es wirklich zu einer Belastung werden. Sein
Leben hat sich insofern durch das Aura-Sehen verändert, dass er die Ausübung
seines Berufes als Physiker aufgegeben hat und nun seine Zeit hauptsächlich der
Lehre schamanischer Tätigkeiten widmet.
Besondere Erlebnisse:
Auch O weiß sowohl positive als auch negative Situationen zu berichten, bei
denen das Aura-Sehen eine besondere Rolle spielte. Beunruhigend sei es z.B.,
„wenn sie in eine Situation kommen und sie sehen anhand der Aura es ist anders.“
O erzählt von einem Verkehrsunfall: „Wo dann die Polizisten die Leute verhörten
und die Antworten waren absolut konträr zu dem, wie es geschehen ist. Aber die
Situation war so, dass es auch so hätte sein können – aus den Augen der
Polizisten. Nur für denjenigen, der der geschädigte war – für den sah es
natürlich schlecht aus. Obwohl es vom Energetischen her total anders war. Man
konnte eindeutig sehen, er sagt es nicht so, wie es war. Aber sie können
schlecht hingehen und sagen: ,Ich seh’ es, dass es nicht so war.‘ Weil den
Unfall selber habe ich nicht gesehen. Das ist an der Stelle belastend.“
Ebenfalls belastend ist es, wenn O anhand der Aura sehen kann, dass jemand nicht
mehr lange zu leben hat. O meint, dass das wie so eine Art „Hilferuf der Aura“
ist. Aber leider „können sie mit der Information nicht viel anfangen. Sie können
ihn zum Arzt schicken, aber wenn es in der Aura sichtbar wird, dann wird es
eng.“ In solchen Situationen sei es wichtig, verantwortungsvoll mit den
Informationen umzugehen. In anderen Fällen kann es auch sehr positiv sein, die
Vorbestimmtheit bestimmter Ereignisse anhand der Aura zu erkennen. Er erzählt
von einer Situation, als er in der Disko eine Frau sah, um die sich alle
gerissen haben. „An der Aura war zu sehen – da ist eine Verbindung da, die wird
sich aufbauen. Und die hat sich auch aufgebaut.“ Ein anderes Mal, bei einer
beruflichen Bewerbung, konnte er gleich sehen, dass er den Job bekommen würde.
Die Frage nach der Gabe und der Verantwortung:
O meint ebenfalls, dass das Aura-Sehen von jedem gelernt werden kann, allerdings
gehört es auch dazu, die Verantwortung zu schulen. Mit Informationen die
schlimme Krankheiten oder den Tod betreffen, sollte man sehr vorsichtig und
diskret umgehen: „Das klappt nicht, wenn sie sagen: ,Du hast noch vier Wochen.‘
Da stirbt der in den vier Wochen 31 mal pro Tag, aus Angst.“
5. 4. 4. Interview mit S: „...wenn Menschen sehen Engel, sie sehen Teufel
auch ...“
Der Alltag von S wird stark von dem Aura-Sehen beeinflusst, denn die „Fähigkeit“
würde ihr helfen, sich im Leben zu „orientieren“. Sie sieht zum Beispiel die
Emotionen anderer Menschen als Farben. „Und ich sehe, wenn Menschen lügen, wenn
Menschen nervös sind, wenn Menschen aggressiv sind.“ Auch kann sie anhand der
Ausstrahlung von Lebensmitteln erkennen, ob sie gesund sind. So hilft ihr das
Aura-Sehen, sich gesund zu ernähren. Häufig ist es für sie auch sehr traurig und
deprimierend, die Auren anderer Menschen zu sehen, weil viele Menschen durch den
„Elektrosmog“ heutzutage eine kaputte Aura haben. „Man kann sagen, ihre aurische
Ei ist kaputt – wie bei richtige Ei, Eischale existiert nicht oder Löcher hat.
Und diese Menschen oft besessen sind, das bedeutet, richtig Geister man kann
sehe.“ Diese Besessenheit würde für sie aussehen, wie „energetische Felder“, die
auf die Aura „aufgeklebt“ sind und „in anderer Frequenz vibrieren“, als der Rest
der Aura. „Menschen sind besessen – sie machen dumme Sachen – sind selber
erschrocken. Und das sehe ich oft. Wenn ich durch die Straßen gehe, ich sehe oft
diese kranken Leute. Ich sehe, wer Krebs hat, wer was erlebt hat, wer sterben
soll, wer besessen ist.“ Für sie sei es auch körperlich sehr unangenehm in der
Umgebung von Menschen zu sein, die zum Beispiel alkohol- oder drogenabhängig
oder besessen sind, denn sie würden „psychische Gift ausstrahlen“. „Und wenn ich
in diese Atmosphäre bin, man kann vergleichen mit Aquarium mit volle Giftwasser
und ich bin Fisch drin und natürlich, das hat Einfluss auf mich und ich spüre
es, wie negative Energie - wie stinkende Luft. Aura stinkt auch.“ Am besten sei
es, wenn die Aura „durchsichtig ist wie Wasser. Nichts bleibt in dieser Aura.
Alles fließt durch, aber bleibt nichts drin. Das bedeutet, diese Persönlichkeit
gehört nur zu sich selbst. Er ist unabhängig. Er hat innere Freiheit geschaffen.
Aber solche Aura, ich habe noch nie einmal erlebt.“
Besondere Erlebnisse:
Das Aura-Sehen habe S auch schon viele Male im Leben dabei geholfen, sich vor
Gefahren zu schützen. S berichtet von einer Situation in Russland, als sie auf
ihrem Nachhauseweg von einem Mann mit einem Messer überfallen wurde. Aber da sie
immer, wenn jemand seine Aufmerksamkeit auf sie richtet, einen Strahl sieht,
konnte sie rechtzeitig entkommen.
Die Frage nach der Gabe und der Verantwortung:
Es habe viele gefährliche Situationen in ihrem Leben gegeben und immer habe sie
die Ereignisse heil überstanden. Daher glaubt sie, dass sie diese Fähigkeit hat,
um eine bestimmte Aufgabe zu erledigen. „Ich habe mich auch früher gefragt:
,Warum soll ich Aura sehen ?‘ – Das gehört zu meinem Weg, weil ich habe Aufgabe
und ohne in andere Frequenzen zu sehen, diese Aufgabe werde ich nie schaffen.
Darum ich musste das haben. Aber alles, was wir haben, wir haben verdient und
das wissen wir. Es gibt kein Geschenk. Und ich verbinde das mit vergangene
Leben. Und weil ich bin schon geboren mit dieser Fähigkeit Aura zu sehen, das
bedeutet, dass ich in vergangene Leben habe ich das geschafft.“ Aber das Ziel
des Lebens sei es nicht, Auren zu sehen. Oft würden Menschen zu ihr kommen, die
von ihr lernen möchten, Auren zu sehen. „... aber Menschen sehen nicht, das ist
auch gute Schutz für sie, weil wenn Menschen sehen Engel, sie sehen Teufel auch
und das ist nicht immer leicht. Besser nicht sehen. Besonders in unserer Zeit.“
5. 4. 5. Interview mit B: „Ich habe mich versucht zu drücken vor dieser Aufgabe.“
Für B war die sensitive Wahrnehmung lange Zeit eine große Belastung, da sie die Sensitivität nicht kontrollieren konnte und sie nicht verstand, was mit ihr geschieht. Sie hatte häufig ganz intensive Wahrnehmungen und erst sehr viel später wurde ihr klar, was es bedeutete.
Besondere Erlebnisse:
Zum Beispiel nahm sie bei ihrem Mann Veränderungen in der Aura wahr. „Also wenn
man sich ein Energiefeld – eine Vibration um den Körper herum vorstellt, dann
hab ich gemerkt, dass so an bestimmten Stellen war die Vibration schneller oder
langsamer als am Rest des Körpers.“ Erst später stellte sich heraus, dass ihr
Mann Krebs hatte. Auch nahm sie einen bestimmten Geruch wahr. Denselben Geruch
roch sie bei einer Frau, die im Sterben lag, und bevor ihr Hund starb. „Ich kann
nur sagen – das war so ein Geruch – bevor ich wusste, dass es so ernst war.
Es war – ich kann es gar nicht anders beschreiben – es war wie ein
Verwesungsgeruch.“ Zwei bis drei Jahre lang wurde sie massiv von ihren
feinfühligen oder sensitiven Wahrnehmungen beeinflusst. „Ich hab in dieser Zeit,
in der ich da gelebt hab..., das war Anfang der 90er Jahre, das war mir bewusst
– wo ich da bin, was ich mache – und gleichzeitig hat ich das Gefühl, ich hab
Jahre erlebt – oder erst würd ich sagen, noch einmal erlebt – es hätte 1940 oder
’45 gewesen sein – ich weiß es nicht.“ Als sie in dieser Zeit in München war,
ist sie zufällig zu dem Ort gekommen, an dem Sophie und Hans Scholl verhaftet
wurden. Dort habe sie die ganzen Gefühle der Panik, die dort gewesen sein
müssen, durchlebt. Ein anderes Mal ist sie in das KZ Neuengamme, in welchem ihr
dänischer Großvater viele Jahre gewesen ist, gegangen und hat dort ebenfalls
intensive Eindrücke erlebt. „Es ist nicht nur ein Eindruck – es sind wirklich
Gerüche, Geräusche, die ich in Sekunden in dieser Zeit wahrnehme - ganz massiv –
und wenn ich nach Hause kam, hab ich versucht, das zu malen – in Farben
auszudrücken. Und ich spiel dann nur mit Farben und es entstehen automatisch
Gesichter. So, das war eine Art damit umzugehen.“
Die Frage nach der Gabe und der Verantwortung:
Eine große Schwierigkeit sieht sie auch in dem verantwortungsvollen Umgang mit
dem Aura-Sehen. „Es ist nicht die Kunst, was zu sehen in der Aura – ich denke,
das können fast alle – , aber die Verantwortung liegt da – was mach ich damit,
wenn ich jetzt was wahrnehme - was mach ich damit? Wie gehe ich damit um?“ Lange
Zeit habe sie sich vor der Aufgabe gedrückt, anderen Menschen mit dieser
Fähigkeit zu helfen. „Man kann helfen. Dass man versucht, das, was man sieht
oder wahrnimmt, verantwortungsvoll oder verantwortungsbewusst einzusetzen oder
damit zu arbeiten – dass man anderen wirklich helfen kann.“
Zusammenfassende Darstellung:
Beruf:
Das Aura-Sehen hat für T, P, O und B einen zentralen Stellenwert im Leben
eingenommen, da sie es zu ihrem Beruf gemacht haben. Die berufliche Ausübung
wird von allen als eine sehr erfüllende und beglückende Tätigkeit beschrieben. T
betont, dass bei ihr das Aura-Sehen auf den beruflichen Bereich beschränkt ist.
P und B haben lange Zeit vor der beruflichen Anwendung zurückgeschreckt.
Schutz:
Ein weiterer wichtiger Aspekt, der genannt wird, ist, dass sie die sensitive
Wahrnehmung vor negativen Energien schütze (P, S). S erzählt, dass sie sich mit
Hilfe des Aura-Sehens schon mehrmals aus lebensbedrohlichen Situationen retten
konnte.
Sinn und Bedeutung des Aura-Sehens:
Für alle scheint sich die Bedeutung des Aura-Sehens darüber zu erklären, dass es
eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit ihrer spirituellen Entwicklung spielt.
Bei T und P, die diese „Fähigkeit“ im Rahmen eines Kurses erlernten, war es eine
bewusste Entscheidung, sich darauf einzulassen. Sie sind auch der Auffassung,
dass jeder das Aura-Sehen lernen kann. Auch O, der es selber anderen Menschen
lehrt, vertritt diese Auffassung. Für ihn ist das Aura-Sehen und Hellsehen auch
eine Art Familientradition. Für S und B, bei denen sich die sensitive
Wahrnehmung spontan entwickelte, war es schon schwieriger, die Bedeutung des
Aura-Sehens für ihr Leben zu erfassen. B kam durch die sensitive Wahrnehmung
immer wieder in Situationen, deren Sinn sie zunächst nicht verstand. Zum
Beispiel wurde sie durch viele seltsame Ereignisse dazu gezwungen, sich mit dem
2.Weltkrieg, mit Krankeit, Tod und Sinn des Lebens auseinanderzusetzen. S
glaubt, dass sie das Aura-Sehen in einem vorherigen Leben erlangt hat und sie
diese Fähigkeit dazu braucht, um bestimmte „Aufgaben“ in diesem Leben zu
verrichten.
Verantwortung:
Alle Befragten betonen, wie wichtig es sei, verantwortungsbewusst mit dieser
„Fähigkeit“ umzugehen. Dieses Verantwortungsbewusstsein ist vor allem dann
gefordert, wenn sie bei jemandem in der Aura sehen, dass er schwer krank ist und
bald sterben wird.
Positive Erfahrungen durch das Aura-Sehen:
Als besonders positiv wird erlebt, wenn man anderen mit der Fähigkeit helfen
kann (T, B). P berichtet von einem außergewöhnlich schönen Erlebnis im
Zusammenhang mit dem Aura-Sehen, als sie nämlich einmal das „offene Herzchakra“
eines Menschen gesehen hat. O empfindet es als ausgesprochen angenehm, wenn er
die Vorbestimmtheit positiver Ereignisse, z.B. eine Jobzusage, durch das
Aura-Sehen wahrnehmen kann.
Negative Erfahrungen durch das Aura-Sehen:
Die unangenehmen Ereignisse geschehen entweder im Zusammenhang mit kriminellen
Handlungen oder mit Krankheit und Tod. O und S berichten davon, wie belastend es
ist, durch das Aura-Sehen mitzubekommen, wenn andere Menschen lügen. T erzählt
von einer Situation, als sie in eine kriminelle Handlung reingezogen wurde.
Anhand der Aura erkennen zu können, dass jemand schwer krank ist oder nicht mehr
lange zu leben hat, wird ebenfalls als sehr bedrückend empfunden (S, O, B).
Abschließende Bemerkung:
Aufgrund dieser Beschreibungen, scheint das Aura-Sehen zu einem intensivierten
und unmittelbaren Erleben der Mitmenschen und der Umwelt zu führen. Sowohl die
positiven Seiten, wie Liebe und Offenheit, als auch die negativen Aspekte, wie
Lüge, Missgunst, Krankheit und Tod, werden von den Aurasichtigen anscheinend
ungefiltert erfahren. Durch die Wahrnehmung der Auren und der Vielzahl von
Informationen, die für sie in der Aura enthalten sind, ist es schwieriger, sich
von den Mitmenschen abzugrenzen. Daher wird von den Befragten immer wieder
betont, wie wichtig es für sie sei, über eine gewisse Kontrolle im Umgang mit
dieser Fähigkeit oder ihren Gefühlen zu verfügen.Das Aura-Sehen wird zwar nicht
von allen als besondere Gabe empfunden, da sie oftmals der Meinung sind, dass es
jeder lernen kann, aber sie betonen immer wieder, wie wichtig es ist
verantwortungsbewusst mit dieser „Fähigkeit“ umzugehen, um nicht sich selber
oder anderen zu schaden.
5. 5. Umgang mit Freunden und Familie
Im Abschnitt über die Ontogenese des Aura-Sehens hatte sich schon gezeigt, dass die Reaktion des Umfeldes, vor allem der Eltern, einen wichtigen Einfluss auf die Weiterentwicklung der Fähigkeit hat. Es ist zu erwarten, dass die Eltern und Freunde eher mit Ablehnung und Zweifeln reagieren, es sei denn, sie teilen diese Realitätswahrnehmung. Oben hatten wir schon die Hypothese geäußert, dass, je vehementer die ablehnende Haltung der Familie und der Freunde ist, desto stärker ist wohl die Tendenz der Sensitiven, an der eigenen geistigen Gesundheit zu zweifeln. Von daher ist es interessant zu sehen, wie sie den Umgang mit den Freunden und der Familie organisiert haben. Die Fragen für diesen Abschnitt lauten also: Was für Auswirkungen haben sensitive Wahrnehmungen, wie das Aura-Sehen, auf den Umgang mit Freunden und Familie. Wie reagiert das Umfeld darauf und wie gehen die Aurasichtigen damit um?
5. 5. 1. Interview mit T: „... das kann heftige Aggressionen hervorrufen.“
Als T in der Kindheit anfing Wahrträume zu haben, reagierten ihre Eltern mit großer Ablehnung und verboten ihr, sich weiter mit diesen paranormalen Dingen zu beschäftigen, obwohl ihre Mutter selber Tarotkarten legte und auch ihre Großeltern und Urgroßeltern mit Kartenlegen, Kräuterkunde und heilerischen Praktiken vertraut waren. T’s Uroma war anscheinend in ihrer Gegend als Heilerin bekannt: „Sie wurde im Krieg verbannt aus ihrem Dorf, weil der Pfarrer sagte – da müsste er jedes Haus neu segnen, an dem sie vorbeigegangen wäre – und hat dann im Wald glücklicherweise überlebt und ist auch noch 104 Jahre alt geworden , ja, (lacht) ohne Stock‘.“ T’s Eltern wollten aber, dass ihre Kinder eine „naturwissenschaftliche Karriere“ machen. Mittlerweile wissen alle in der Familie, außer ihrem Vater, mit dem sie keinen Kontakt mehr hat, über ihre Fähigkeit des Aura-Sehens Bescheid. Auch ihre Brüder, die beide eine naturwissenschaftliche Karriere in Geoökologie und BWL gemacht haben, könnten Auren sehen und auch ihre Mutter, die mit dem Tarot arbeitet, kann das. T hat zum Teil die gleichen Klienten wie ihre Mutter. In der Familie sei mittlerweile alles „easy going“. Es gab aber auch sehr harte Zeiten, als T die einzige in der Familie mit dieser Fähigkeit war. Damals habe sie das Aura-Sehen eingesetzt, um herauszufinden, was die anderen „wirklich denken“. Dadurch ist es häufig zu heftigen Eskalationen bei Auseinandersetzungen gekommen. „... um das letzte Wort in Familien Konflikten zu haben, habe ich einfach gesagt: ,Das meinst du jetzt gar nicht so.‘ Und: ,In Wirklichkeit denkst du das und das.‘ Oder: ,Das stimmt gar nicht.‘ Und: ,Das war jetzt gelogen.‘ Oder solche Sachen. Das hab ich mir aber schnell abgewöhnt, denn das kann heftige Aggressionen hervorrufen. Und dann wird´s auch richtig link, dann geht´s auch unter die Gürtellinie – das die dann sagten: ,Dann musst Du Dich halt einliefern lassen, wenn Du so komische Ideen hast‘.“ Von ihren Freunden könne auch die meisten inzwischen Aura-Lesen und mit den anderen Freunden spricht sie gar nicht darüber. Auch die Psychologie-Kollegen, mit denen sie auch privat befreundet ist, wissen über ihre Fähigkeit Bescheid. Aber keiner von denen sei esoterisch interessiert und sie finden das meist ganz „spannend“. Das würde den Freundschaften aber keinerlei Abbruch tun.
5. 5. 2. Interview mit P: „Es ist so schön, wenn man sich zu zweit austauschen kann.“
Bei P begann es mit dem Aura-Sehen erst im Erwachsenenalter und so berichtet sie von keinen Auseinandersetzungen mit den Eltern. Ihr Mann fände es „belächelnswert“, während ihre Kinder schon weniger darüber lachen würden. Viele ihrer Freunde könnten auch Aura-Lesen und es wäre sehr schön, „wenn man sich zu zweit austauschen kann“. Allerdings habe sich ihr Freundeskreis im Laufe der Zeit auch gewandelt. Sie würde zwar niemanden „auf der Strecke lassen“, aber im Grunde genommen einfach mehr Zeit mit den Leuten verbringen, die ihre Interessen teilen.
5. 5. 3. Interview mit O: „Da war ich dann aufgenommen im Familienkreis.“
O ist, im Gegensatz zu den anderen Interviewpartnern, in einer Familie aufgewachsen, in der es eine Tradition ist, Auren zu sehen und zu heilen. Da O´s Vater und Großvater beide Auren-Sehen und auch damit arbeiten, gab es keine Auseinandersetzungen innerhalb der Familie deswegen. Ganz im Gegenteil dazu wurde er von seinem Großvater im Spüren und Lesen von Energiefeldern und im Heilen unterwiesen. Durch die Gemeinsamkeit dieser sensitiven Wahrnehmung habe er ein sehr offenes Verhältnis mit seinem Vater, das er weniger als Vater-Sohn-Verbindung, sondern viel mehr wie eine freundschaftliche Beziehung empfindet. Seine Mutter könnte diese feinen Energien nicht sehen, aber sie würde inzwischen akzeptieren, dass es sowas gibt. Der Umgang mit Freunden, die ebenfalls „sehen“ können, sei ausgesprochen offen, da man seine Gefühle und Stimmungen im Prinzip nicht verbergen kann. Bei anderen Freunden und Bekannten müsste man sehr vorsichtig sein, wenn man darüber spricht, da sehr leicht Angst aufkommt. „Alles was mit dem Nicht-Sichtbaren zu tun hat, stößt irgendwie auf das Thema Angst oder das Thema Spinner und beide Ebenen haben zur Folge, dass sich gewisse Leute abkapseln.“
5. 5. 4. Interview mit S: „Jeder Mensch hat auch ein Wunder erlebt.“
S, die schon als Kind aurasichtig war und in Russland aufwuchs, war es in der Kindheit untersagt, über ihre Wahrnehmungen zu sprechen. Ihre Mutter bleute ihr ein, zu schweigen und niemandem von Geistern und Auren zu erzählen. „Und meine Mutter hat mir immer gesagt: ,Bitte rede nicht darüber und sag niemandem, was du siehst, weil sie werden denken, du bist verrückt‘.“ Das hatte zur Folge, dass sie ein sehr stilles und zurückgezogenes Kind wurde, aber weiterhin alles in dieser „anderen Frequenz“ sah. Für S war es daher nicht leicht damit umzugehen, da sie absolut niemanden hatte, mit dem sie darüber reden konnte. Als eines nachts die Schwester ihrer Großmutter, die offenbar auch „hellsichtig“ veranlagt war, von ihrer Geisterwahrnehmung sprach, war das für S eine große Erleichterung: „Sie war schon über 90. Und sie hat ab und zu Geister gesehen. Und dann hat sie andere geweckt und hat gesagt: ,Sie sind gekommen! Sie gehen! Sie sind da!‘ Und ich habe sie auch gesehen. Und alle haben gedacht, sie ist verrückt. Und das hat mir Beispiel vor meine Augen gewesen, dass man muss lieber schweigen. Aber für mich war sehr wichtig, dass sie sah genau, was ich sah. Und das hat mir Grund gegeben, über mich zu denken, dass ich nicht verrückt bin. Wenn noch jemand gibt, der genau das sieht, das war toll. Aber ich habe gelernt zu schweigen.“ Mittlerweile haben sich die Ansichten ihrer Mutter gewandelt, denn S hat ihr „Fotos“, die sie von Auren und Geistern angefertigt habe, gezeigt und hat auch einige Freunde und Bekannte ihrer Mutter mit Hilfe ihrer sensitiven Veranlagung behandelt. Nun würde auch ihre Mutter an diese Dinge glauben und habe ihr viele Erlebnisse erzählt, über die sie bisher geschwiegen hat. „Aber jetzt, wenn wir darüber sprechen, sie hat mir erzählt ihre Erlebnisse und mein Bruder hat auch erzählt und wir entdecken, dass jeder Mensch hat auch ein Wunder erlebt. Nicht einmal – vielmals. Meistens Menschen schweigen, weil sie haben Angst verrückt zu sein oder sehen verrückt aus. Und wenn sie hören, dass gibt und wirklich existiert, sie öffnen sich und das macht Leben schöner, leichter und man hat Hoffnung.“ Mit ihrer jetzigen Familie, mit ihrem Mann und ihren Kindern, kann sie ganz offen mit diesen Dingen umgehen, denn die hätten auch schon viel gesehen in ihrem Leben. Für sie alle sei das nichts „Besonderes“ mehr und würde zum Leben einfach „dazugehören“.
5. 5. 5. Interview mit B: „Für die bin ich irgendwie eh verrückt.“
B hatte als Kind ein paranormales Erlebnis, als ihre Eltern ausgegangen waren und sie aus Angst vor einer Gestalt, die sie in der Wohnung sah, aus dem Fenster gesprungen ist. Dafür ist sie damals von ihren Eltern fürchterlich bestraft worden. Heute hat sie den Kontakt zu ihrer Familie vollständig abgebrochen. „Die will überhaupt nichts mehr mit mir zu tun haben ..., die verstehen das nicht und wollen das nicht und wissen gar nicht, was ich mache. Für die bin ich irgendwie eh verrückt oder was weiß ich.“ Sie hat auch mit vielen Freunden von früher keinen Kontakt mehr. Lange Zeit habe sie immer noch versucht, ihnen zu erklären, was mit ihr geschieht, „aber sie wollten es nicht wissen und das versteh‘ ich jetzt auch besser“. Ihr Mann war damals, als sie sich kennengelernt hatten, auf „einem ähnlichen Weg“. Als bei ihm jedoch diagnostiziert wurde, dass er Krebs hat, kam es zu einem „Wendepunkt“. „Also für ihn war das nicht so – jetzt guck ich mal, was mit mir los ist oder wer ich bin? Also er wollt nicht mehr mit sich selber auseinandersetzen – für ihn war das klar, dass ihm irgend jemand diesen Krebs angehext hat. Und er hat dann aufgehört zu meditieren und zu gucken – also für ihn war das dann absolut klar, dass da böse Mächte im Spiel waren. Und dann haben wir uns getrennt.“
Zusammenfassende Darstellung:
Familientradition:
Bei T und O gibt es anscheinend eine Art Familientradition im Hellsehen, Heilen
und Aura-Sehen.
O erzählt, dass bereits sein Vater und sein Großvater die Veranlagung hatten,
dass sie „Sachen nach vorne schauen können“. O vermutet, dass diese Tradition
seiner Familie noch viel weiter zurückreicht. Da sein Vater auch als Heiler
tätig war, wurde seine Veranlagung zum Aura-Sehen von klein auf gefördert. So
lernte er bereits als Kind mit dieser Veranlagung verantwortungsbewusst
umzugehen. So ist es auffallend, dass er weder von Problemen im Zusammenhang mit
dem Aura-Sehen, noch von Krankheiten oder Krisen jeglicher Art in seinem Leben
berichtet. Auch bei T gibt es eine Art Familientradition im Heilen und
Kartenlegen. Obwohl ihre Mutter selber Tarotkarten legt, wollten ihre Eltern
aber nicht, dass sie sich mit diesen übersinnlichen Themen beschäftigt.
Möglicherweise ist eine Veranlagung zum Aura-Sehen und zur Sensitivität
vererblich.
Kindheit:
Die Reaktionen der Eltern auf die ersten paranormalen Erlebnisse in der
Kindheit, scheinen einen starken Einfluss auf die spätere Entwicklung des
Aura-Sehens und der eigenen Akzeptanz dieser „Veranlagung“ zu haben. Bei T, S
und B reagierten die Eltern zum Großteil eher mit Sorge und Ablehnung und
versuchten ihren Kinder den Glauben an solche Zusammenhänge auszureden. Nur bei
O kam es zu keinen Konflikten, als er seinen Eltern von seinen ersten
Aura-Wahrnehmungen als Kind berichtete.
Heutiger Kontakt zur Familie:
Inzwischen haben T und B den Kontakt zu ihren Eltern, oder zu einem Elternteil,
ganz abgebrochen. Was nicht nur, aber doch zu einem wesentlichen Teil daran
liegt, dass ihre Eltern die Sensitivität und das Interesse für Esoterik ihres
nun erwachsenen Kindes nicht nachvollziehen können. T hat keinen Kontakt mehr
mit ihrem Vater und B hat die Beziehung zu beiden Elternteilen abgebrochen. Im
Gegensatz dazu hat sich das Verhältnis von T und S zu ihren Müttern und Brüdern
enorm gewandelt. Beide berichten, dass sie mittlerweile sehr offen über diese
Dinge sprechen können und dadurch ein sehr inniges Verhältnis entstanden ist.
Auch O hat das Gefühl, eine eher freundschaftliche Beziehung zu seinem Vater zu
haben, das auf einer verbindenden Gemeinsamkeit beruht.
Eskalationen bei Familienkonflikten:
T schildert sehr eindrucksvoll, wie eine unbesonnene Anwendung des Aura-Sehens
bei Familienkonflikten auch zu Eskalationen führen kann. Bei ihren eigenen
Ausbildungskursen im Aura-Sehen versucht sie, ihren Schülern diese
problematische Seite des Aura-Sehens zu vermitteln.
Beziehungen zu Freunden und Bekannten:
Auch die Beziehung zu Freunden und Bekannten ist sehr davon abhängig, ob mit
Offenheit und Toleranz auf diese Themen reagiert wird. O meint, dass die Leute
entweder ängstlich reagieren oder dass sie einen zum Spinner abstempeln. Daher
sprechen O und T mit manchen Freunden gar nicht über diese Dinge und P und B
haben zu vielen alten Freunden keinen Kontakt mehr. Mit Freunden, die sich
ebenfalls für Esoterik interessieren oder auch sensitive Wahrnehmungen haben,
ist dagegen eine sehr intensive Beziehung entstanden, die sich durch eine
besonders offene Kommunikation auszeichnet.
Abschließende Bemerkung:
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Aurasichtigen und Sensitiven in einen
Konflikt über Offenheit und Zurückhaltung geraten. Da sich ihre
Realitätswahrnehmung von der Wahrnehmung anderer Menschen unterscheidet, stößt
ein offener Umgang mit dieser Thematik meist auf Ablehnung und Befremdung. Dies
führt innerhalb der Familie meist zu Konflikten und es kann zum vollständigen
Abbruch von Beziehungen kommen. Die Aurasichtigen sind daher gezwungen, eher
zurückhaltend und vorsichtig mit dieser Thematik umzugehen. Häufig wandelt sich
die anfängliche Ablehnung des Umfeldes zu einer Akeptanz, wodurch sich die
Beziehungen zu gleichgesinnten oder verständnisvollen Freunden oder Verwandten
intensivieren.Ein Dilemma entsteht auch durch das subjektive Gefühl, durch die
Aurasichtigkeit die Emotionen und Gedanken der anderen Menschen mitzubekommen.
Einerseits ermöglicht dieses Wissen eine offenere Beziehung aufzubauen,
andererseits kann ein unbesonnener Umgang mit diesen Informationen von den
Mitmenschen als Grenzüberschreitung aufgefasst werden.
5. 6. Paranormale und mystische Erlebnisse
Paranormale und mystische Erlebnisse werden seit Menschengedenken aus den verschiedensten Kulturen und Bevölkerungsschichten berichtet und sind auch in der Moderne ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Erlebens. Trotzdem sind sie kaum erforscht und die heutige Wissenschaft tut sich schon schwer daran, diese Erlebnisse und Phänomene zu klassifizieren. Bauer und Lucadou definieren paranormale Erlebnisse als „Erlebnisse, die aus dem bisher bekannten Erklärungsrahmen der etablierten Disziplinen von Psychologie, Biologie und Physik herauszufallen scheinen“ (Bauer & Lucadou, 1988, S. 517). Damit wird leider nur definiert, was paranormale Erlebnisse nicht sind, nämlich Erlebnisse, die wir mit den bekannten, naturwissenschaftlichen Modellen erklären können. In der sozialpsychologischen Forschung werden darunter Phänomene zusammengefasst, wie „außersinnliche Wahrnehmung“, „Psychokinese“, „außerkörperliche Erfahrungen“, „UFO-Sichtungen“ etc. (Schriever, 1998). Das Aura-Sehen wird ebenfalls dazugezählt. In einer laufenden Studie zur Erforschung der Verbreitung, der Inhalte und der Strukturen parapsychologischer Grenzerfahrungen gaben 75 Prozent der 1510 befragten Personen in Deutschland an, mindestens eine paranormale Erfahrung gehabt zu haben (Deflorin & Schmied, 2000). Unter paranormalen Erlebnissen werden in der Regel auch mystische Erfahrungen eingeordnet, denn auch sie überschreiten unseren Erklärungshorizont. Mystische Erlebnisse haben dennoch eine ganz eigene Qualität. Neben der Ausschaltung des rationalen Verstandes, sind diese Erlebnisse gekennzeichnet von dem „spirituellen Erfassen von Wahrheiten jenseits des Verstehbaren“ (Holroyd, 1991).
Der amerikanische Psychologe und Philosoph William James postulierte am
Anfang des 20. Jahrhunderts vier Kennzeichen einer mystischen Erfahrung (James,
1997):
1. Ineffability (z.dt.: Unsäglichkeit): Menschen, die eine mystische
Erfahrung gemacht haben, ist es kaum möglich, diese adäquat in Worte zu fassen.
Die Erfahrung ist unbeschreiblich.
2. Noetic quality (z.dt.: noetische Qualität): Mystische Erfahrungen
gehen mit dem Gefühl der Einsicht in eine tiefere Wahrheit einher.
3. Transiency (z.dt.: Vergänglichkeit): Diese Erfahrungen sind
vorübergehender Natur.
4. Passivity (z.dt.: Passivität): Obwohl mystische Erfahrungen durch
bestimmte Handlungen, wie z.B. Fasten, Meditation, Drogeneinnahme etc., aktiv
herbeigeführt werden können, ist ein bedeutender Bestandteil dieser Erfahrung,
das Gefühl des Ausgeliefertseins an eine höhere Macht.
In den 70er Jahren wurden im Zusammenhang mit der Entwicklung der
Transpersonalen Psychologie und der Erforschung veränderter
Bewusstseinszustände, spirituelle Konzepte und Erfahrungen wieder aufgegriffen
und in ein wissenschaftliches, psychologisches Modell miteinbezogen (Deikman,
1969).
Unter Berücksichtigung der theoretischen Literatur und der neuesten
klinischen Untersuchungen, sind Merkmale mystischer Zustände (Lukoff, Lu &
Turner, 1996):
• Sie haben eine begrenzte Dauer.
• Sie zeichnen sich aus durch ein Gefühl der Einheit und der harmonischen
Verbindung zum Göttlichen und zum ganzen Dasein.
• Sie werden von euphorischen Gefühlen begleitet.
• Sie geben einem ein Gefühl der Sinnhaftigkeit und der Erkenntnis.
• Es kommt zum Verlust der Ego-Funktionen.
• Man erlebt Veränderungen des Zeit- und Raumempfindens.
• Man hat das Gefühl des Kontrollverlustes.
Verschiedenen Studien zufolge haben 30-40 Prozent der amerikanischen
Bevölkerung mystische Zustände erlebt (Spilka, Hood & Gorsuch, 1985).
Von Psychologen und Psychiatern wurden auch die Gemeinsamkeiten von mystischen,
psychotischen und Bewußtseinszustände, die durch psychedelische Drogen induziert
wurden, diskutiert (Bowers & Freedman, 1975; Silverman, 1975). Dass die
Klassifikation eines bestimmten Symptoms oder einer bestimmten menschlichen
Erfahrung auch abhängig ist vom kulturellen Kontext ist ein Thema der
transkulturellen Psychiatrie (Quekelberghe, 1991). Demzufolge werden paranormale
oder mystische Erfahrung in einer westlichen, materialistisch-orientierten
Kultur eher als pathogen aufgefasst als in Kulturen, in denen solche Erfahrungen
im kulturellen Glaubenssystem verankert sind.
In der vorliegenden Studie wurden die Interviewpartner gefragt, ob noch andere paranormale und mystische Erlebnisse gemacht wurden und inwiefern für sie ein Zusammenhang zum Aura-Sehen besteht.
5. 6. 1. Interview mit T: „Es gibt etwas Stärkeres.“
Für T sind die paranormalen und mystischen Erlebnisse viel beeindruckender als das Aura-Lesen. Diese Erfahrungen ziehen sich bei ihr durch das ganze Leben. Als Kind hatte sie, wie bereits erwähnt, zunächst verschiedene Wahrträume. Einmal träumte sie, dass die Putzfrau beim Blumengießen von der Mauer fallen und sich das Bein brechen würde, was dann auch tatsächlich eingetreten ist: „Also ich kann mich erinnern, da war so was mit einer Putzfrau, wo ich geträumt hab, dass sie sich das Bein bricht am nächsten Tag, wenn sie bei unserer Mauer die Blumen gießt und so. Und meine Eltern wollten mir bei der Gelegenheit beweisen, dass das nicht stimmt – dass ich das sein lassen soll mit den Träumen, weil ich auf eine naturwissenschaftliche Schule gehen sollte. Und das ist dann passiert, sie ist da runtergefallen, hat sich was gebrochen und wurde von der Ambulanz abgeholt.“ Da ihre Eltern nicht wollten, dass sie sich mit diesen Dingen beschäftigt, und sie keinen Ärger haben wollte mit ihren Eltern, hat sie sich als Kind nicht mehr mit ihren Träumen beschäftigt. Später in Indien, hatte sie mehrere paranormale Erlebnisse. Das eine Erlebnis war eine Vision, die zwei Wochen lang andauerte, als sie das erste Mal ihrem Guru Ammachi begegnete. „Das war so, als ob ich eine zweite Funktion in den Augen hätte und durchgucken kann durch diese ganzen Bilder, die wir jetzt sehen – als wenn das so ein Foto auf ’ner Folie wäre und hinter der Folie ist ein extrem weißes Licht. Und das hat zwei Wochen lang angehalten, dass ich das immer gesehen habe. Und zwar genau dieses gleiche Pulsieren, das wie ein Blutstrom aus weißem Licht hinter diesem Ganzen ist und ein Lichtherz, das so pulsiert. Und das war so ziemlich das Beeindruckendste, weil ich das überhaupt nicht wieder wegkriegte, also positiv und negativ beeindruckend, weil ich das dann gar nicht mehr haben wollte, auch merkte, das ist nicht eingebildet oder gemacht oder irgendwie aufrechterhalten oder was weiß ich, sondern das ist stärker als ich. Und ich denke, das kam – das war meine erste Begegnung mit Amma, meinem Guru, und ich glaube, da hat sie Shakti übertragen. Und das war wie so ein kleiner Machtkampf, weil bis dahin hatte ich immer alles voll im Griff und das war so ein Machtkampf, es gibt etwas Stärkeres. Was wo ich nicht einfach abschalten kann.“ Weitere Erlebnisse in Indien waren zum einen die Vision mit dem Yogi, der durch eine Menschenmenge ging, während „Licht“ von ihm wegfloss, und als sie sterbenskrank war und alle Menschen um sie herum nur noch aussahen wie Sonnen: „Und als ich sehr großes Fieber hatte, während dieser Krankheit, hab ich alle Leute nur noch als Sonnen gesehen. Ich hab die so nicht mehr richtig erkannt. Das war alles nur noch so weißes Licht und die strahlten noch weißer als das Licht.“ Es gab aber auch paranormale Erlebnisse, die sehr unangenehm und erschreckend waren. Als sie das erste Mal alleine wohnte, ist sie in ein Haus gezogen, indem auch Junkies lebten, was sie aber nicht wusste. „Und ich bin da eingezogen und hab meinen Spiegel an die Wand gehängt und dann kam durch den Spiegel, wie so ein ganz merkwürdiges Tier sozusagen, das ich erstmal aus der Wohnung scheuchen musste – also wie so ein Teufel. Ich kann das gar nicht beschreiben ... Das war extrem massiv – das war massiver als das, was ich in der Aura sehe normalerweise. Das war wirklich wie so ein Viech, das plötzlich in der Wohnung war. Wie so ein Parasit oder so.“ Ein ähnliches „Tier“ hat sie später nochmal bei einer Frau gesehen, die ebenfalls drogensüchtig war.
5. 6. 2. Interview mit P: „Das sind so Momente, wo ich einfach weiß.“
P hatte zwei hellseherische Erlebnisse, noch bevor sie im Kurs bei T das Aura-Sehen gelernt hat. Das eine ereignete sich im Zusammenhang mit dem Suizidversuch ihrer Mutter. P war bei einer Freundin und ist um 2.30 Uhr aufgewacht und spürte, dass sie zu ihrer Mutter fahren muß. Sie ist nach Hause gefahren und ihre Mutter hatte 60 Schlaftabletten genommen. „Wenn ich ein viertel Stunde später gekommen wäre, wäre sie heute tot.“ Bei dem anderen Erlebnis lag ihr Vater im Krankenhaus: „Es war wieder nachts um halb drei – scheint irgendwie eine magische Zahl zu sein – und mein Vater war im Krankenhaus und da ist eine große Gipsbüste – war kein Sturm, nichts was wackelte – die ist runtergefallen und ich wusste, mein Vater ist tot. Das sind so Momente, wo ich einfach weiß.“ Die anderen paranormalen Erlebnisse in ihrem Leben passierten im Zusammenhang mit dem Aura-Sehen. Zum Beispiel sah sie einmal in der U-Bahn, dass hinter einer Frau, die sie nicht kannte, ein „Dämon“ war. Ein anderes Mal, als sie sich mit jemandem beruflich in Hamburg traf, sah sie ganz deutlich ein „ ganz offenes Herzchakra“.
5. 6. 3. Interview mit O: „Wie wollen Sie Hellsichtigkeit und mystische Erlebnisse auseinanderhalten?“
O berichtet von keinen anderen paranormalen oder mystischen Erlebnissen, außer dem Aura-Sehen und den hellsichtigen Erfahrungen, wobei für ihn zwischen diesen beiden Dingen ein sehr enger Zusammenhang besteht: „Wie wollen Sie Hellsichtigkeit und mystische Erlebnisse auseinanderhalten?“ „Bei Hellsichtigkeit geht es meist um Situationen, die im Vorfeld, um Jahre geschehen. Das ist bei Aura nicht so. Die Aura hat so ’n Effekt von zehn Minuten vielleicht, was dann eintritt. Es ist etwas mehr das Déja-vù-Erleben, weil es kurz vorher liegt.“ Sie unterscheiden sich für ihn also vor allem im zeitlichen Aspekt. Sein erstes Aura- bzw. Hellseh-Erlebnis hatte er mit 7 Jahren in der Schule, als er voraussah, dass der Lehrer ihn gleich etwas ganz Bestimmtes fragen würde. Inzwischen ist es für ihn ganz normal geworden, solche Vorahnungen zu haben. Manchmal habe er auch hellsichtige Träume, in denen er aber nur Dinge vorhersieht, die spätestens einen Tag später eintreten würden. „Es geht nicht um Jahre oder Wochen oder Monate nach vorne. Für die Lottozahlen reicht es nicht.“
5. 6. 4. Interview mit S: „Und seitdem ich habe keine Angst vor dem Tod.“
S, die von Geburt an Auren sieht, hat etliche paranormale und mystische Erlebnisse in ihrem Leben gehabt. Schon als Kind sah sie permanent nicht-materielle Dinge, also Auren und Geister. Mit 15, als sie diese unerklärlichen Schmerzen am ganzen Körper hatte und sie danach anfing, die Organe der anderen Menschen wie mit einem Röntgenblick zu sehen, kam der Lehrer zu ihr, den nur sie sehen konnte. Dieser Lehrer begleitete sie bis sie 33 wurde. „Er hat mich gelehrt, was Jenseits ist; was sind diese Ebenen, die ich sehe; wie man dort lebt; wie soll man mit Geistern umgehen; wie soll ich mit Welt von Verstorbene, weil das ist besondere Energie – sehr kalte, sehr unangenehme. Und er hat mir erklärt, über Ursachen und Wirkung und er hat mir gezeigt, psychologische Seite von Menschheit.“ Manchmal, wenn sie Zweifel überkamen, ob er wirklich existieren würde und nicht alles nur ein Traum sei, gab er ihr Beweise, indem er Dinge, wie Steine oder Mineralien, vor ihr „materialisierte“. S erzählt, dass sie dreimal in ihrem Leben gestorben sei. Von ihrem klinischen Tod im Krankenhaus berichtet sie ausführlich. Bei der Geburt ihrer Tochter kam es zu einer Blutvergiftung (Sepsis) und sie sei klinisch tot8 gewesen . „Und ich bin aus dem Körper rausgegangen, geflogen, und ich habe meinen Körper von oben gesehen. Und dann habe ich gesagt – ich habe meine Stimme gehört – ich habe gesagt: ,Ich gehe.‘ Und ich bin in eine Rohr reingeflogen.“ Mit sehr großer Geschwindigkeit sei sie dann nach eigener Einschätzung 15 Minuten durch diesen „Lichttunnel“ geflogen. „Und danach bin ich aus diesem Tunnel rausgeflogen in Stille – in Kosmos. Peng – wie eine Flaschendeckel. Und ich bin in Kosmos geflogen, ich sah überall Sterne. Das war absolute Stille. Kein Ton mehr. Und da sah ich eine Stern und ich bin zu diese Stern geflogen ... und ich bin auf diesen Stern gelandet. Und ich sah einen Thron. Auf diesen Thron saß ein Mann. Er war riesig groß und ich konnte sein Gesicht nicht sehen, weil es strahlt Licht aus – unglaubliche Licht – und er lächelte und aus seinem Mund strahlt noch stärkere Licht. Und ich konnte Gesicht überhaupt nicht sehen, nur diese Lächeln und diese Licht. Und er hatte auch durchsichtige Aura, strahlende Aura. Und von beiden Seiten war, wie eine Art von Engel, aber ohne Flügel, nicht wie Menschen beschreiben.Und er begann reden mit mir. Er hat mir erzählt, wie wichtig ist Leben. Wie sollen wir leben hier auf der Erde. Sinn des Lebens, usw. Er hat lange gesprochen und ich hatte solche Liebe gespürt in diesem Moment, dass ich wollte – ich habe sofort vergessen alles, was mich auf die Erde wartet – mein Kind auch, alles war für mich egal. Ich wollte nur hier, auf immer und ewig bleiben, zu seinen Füßen. Und ich begann beten darüber. Ich habe gesagt: ,Lass mich hier bleiben. Ich will nicht zurück. Bitte!‘ Und er lächelte nur und sagte: ,Nein, Du musst zurück. Deine Zeit ist noch nicht gekommen. Du kommst noch zu uns, aber später. Jetzt musst du zurück. Du hast noch viel zu tun.‘ Daraufhin ist sie wie „magnetisch“ zurückgezogen worden, durch den „Tunnel“ und zurück ins Krankenhaus. „...,dann kam ich in Körper rein und ich begann laut reden über Ärzte, die dort gewesen. Ihre ganze Leben, ihre Schicksal und Zukunft – das war laut, und ich habe gehört, wie sie nervös reagierten ... Und ich konnte noch Augen nicht öffnen und ich habe vier Stunden geredet. Über das, was diese Gottheit mir erzählt. Über Leben, über Menschen, über Gesetze. Und ganze Krankenhaus ist gekommen, mich zu hören. Und danach, als ich wieder okay war, kam Ärztin und sie wollte alles hören, was ich erlebt habe und sie hat so geweint, weil alles, was ich über sie erzählt, war absolute Wahrheit. Und sie hat geweint und geweint. Und das war´s. Und seitdem ich habe keine Angst vor dem Tod.“
Ein anderes sehr intensives mystisches Erlebnis hatte S in Georgien, als sie
eingeladen war zu einer internationalen Konferenz von „Phänomen-Forschern“. Dort
besuchte sie zusammen mit den Wissenschaftlern ein altes Kloster. In einer
Kirche sah sie eine Freske an der Wand mit einem Engel und der Engel erschien
ihr ganz lebendig, aber zunächst dachte sie, dass sie sich das nur einbilde. Als
sie weiterging, hat sie einen „Schlag“ bekommen und ist von der Wucht richtig
durch den Raum geflogen. Daraufhin ist sie zurück zu dem Engel gegangen und
vernahm dort eine männliche Stimme, die ihr sagte, sie solle zu einer bestimmten
Stelle in den Hof gehen. Als sie im Hof auf dem Rasen in der Sonne stand, sah
sie etwas „blitzen“. „Ich habe geguckt und diese Blitz war nah und nah und ich
sah auf Gras kam ein Mensch, wie zwei oder drei Meter vor mir. Er ist gelandet.
Es war ein, wie richtige, normale Mensch, aber er strahlte Licht aus ... Er war
vor mir und ich hatte unglaubliche Energie gespürt, wie ich bin nach Heimat
gekommen – zurück nach Heimat – komische Gefühle, wie Nostalgie und ich begann
weinen. Ich wollte nicht, aber Tränen kommen.“ Diese engelhafte Gestalt begann
zu ihr zu sprechen, aber kurz darauf wurde sie von dem Leiter der Gruppe
gerufen, da der Bus weiterfahren sollte. Sie fuhren dann zu einer anderen Kirche
hoch ins Gebirge. Dort hat sie wieder eine Stimme gehört, die sie aufforderte zu
einem Plateau hinter der Kirche zu gehen. Und wieder traf sie diese Gestalt.
„Gib mir Deine Hand“, sagte die Gestalt. „Ich habe Hand gegeben und er hat meine
Hand genommen und in diesem Moment, ich spürte, ich brenne. Das war wie
Feuergefühl im Körper. Und ich begann weinen und schreien, habe gesagt: ,Lass
mich los! Ich brenne! Ich habe Gefühl, ich sterbe.‘ Und dann alle sind zu mir
gekommen. Die ganze Konferenz, alle Leute. Sie haben – 8 Menschen, 8 von diesen
30 haben gesehen und andere nicht. Aber das war für mich große Hilfe. Und dann
aus seine Herz kam ein Kreuz – leuchtende Kreuz – kleine – und es flog wie
Energie normalerweise fliegt und das kam in meine Herz. In diesem Moment, ich
habe gedacht, ich werde ohnmächtig von den Schmerzen. Und er hat meine Hand
losgelassen. Und ich weinte einfach und da kam eine Frau zu mir – eine alte –
sie schreibt Gedichte, und sie sagte mir: ,Er hat Deine Böse verbrannt mit diese
Kreuz.‘ Sie hat gesehen.“ Sie habe nach diesem Erlebnis viel Zeit damit
verbracht, um die Botschaft des „Engels“ zu verstehen. Alles, was sie über Engel
finden konnte, in der Bibel und in alten Texten, habe sie gelesen. Es würde um
die religiöse Situation auf der Erde gehen und um die Bedeutung des Teufels. In
Wirklichkeit würde der Teufel, so wie ihn die Kirche darstellt, nicht
existieren. „Der, die sie als Teufel nennen, ist Gottessohn, hier geschickt, um
Menschen zu prüfen. Er ist Herr von dieser Welt und er ist geistige Bewusstsein,
die verantwortlich ist auf unsere geistige Entwicklung.“
8 Nahtod-Erlebnisse: Der Begriff „Nahtod-Erlebnisse“ wurden
von dem Psychiater Raymond Moody eingeführt und bezeichnet Erlebnisse, bei denen
Menschen bei Unfällen, Herzattacken oder unter Operationsnarkose dem Tode sehr
nahe kommen (Moody, 1975). Typische Merkmale solcher Erlebnisse sind: Gefühle
des Friedens, der Eindruck außerhalb des Körpers zu sein, eine Fahrt durch einen
dunklen Tunnel, der Begegnung anderer spiritueller Wesen, ein Lebensrückblick,
das Erreichen einer Grenze, die einen zur Rückkehr in den phsysischen Körper
zwingt. Viele Untersuchungen haben gezeigt, daß solche Nahtod-Erlebnisse
grundlegende und permanente Veränderungen der Werte, Einstellungen und
Glaubenssysteme zur Folge haben (Greyson, 1996).
5. 6. 5. Interview mit B: „Ich wollte dieses Gefühl wieder haben, dieses Sich-eins-fühlen.“
Auch B hatte schon als Kind ein paranormales Erlebnis, als sie eine Gestalt in der Wohnung sah. Mit 27 Jahren hatte sie dann eine Vision, die vier Wochen anhielt. In dieser Zeit erlebte sie ein „Sich-eins-fühlen“ mit der Natur, das sehr beglückend war. Danach stürzte sie in eine Depression: „Ich bin also in eine tiefe Depression gefallen. Und das war aber ausschlaggebend für mich, zu suchen. Ich wollte dieses Gefühl wieder haben, dieses Sich-eins-fühlen.“ Auch ihre damals einsetzenden Wahrnehmungen von „Energiefeldern“ um Menschen herum ängstigten sie, weil sie es nicht verstand. Aufgrund dieses Erlebnisses begann sie sich mit Esoterik und Psychotherapie auseinanderzusetzen. Im Laufe ihres Lebens hatte sie noch weitere Erlebnisse, die alle für sie mit dem Thema Tod zusammenhingen. Nach ihrer Trennung von ihrem Mann, der Krebs hatte, erlebte sie „spontan“ ihre „eigene Geburt“. Zu dieser Zeit sei sie durch die Krankheit ihres Mannes, „ganz konkret mit dem Thema Tod konfrontiert gewesen“. Einige Tage danach hatte sie eine Eingebung, die ihr sagte: „Jetzt kannst Du mit den Portraits beginnen ... ich hab Papier genommen und Tinte – ich hatte noch nicht mal Farben da – und ich hab in anderthalb Stunden 33 Portraits gemalt. Und das waren Portraits, die mich fürchterlich geschockt haben ... Es waren Portraits, die sehr lebendig wirkten, oder Gesichter, und die waren alle gestorben. Das war mir klar. Und zwei hab ich wiedererkannt. Es waren Verstorbene ... es waren teilweise Soldaten, die grade starben oder wenn man richtig hingeguckt hat – es waren Leute, die im KZ starben. Und zwei davon hab ich gekannt. Es war meine Großmutter und eine Freundin , die da auch gestorben ist, ’ne ältere Frau.“ Für B begann damit eine Periode in ihrem Leben, in der sie viel „Kontakt mit Verstorbenen“ gehabt hat. In dieser Phase hatte sie auch die Erlebnisse in München, die für sie mit Ereignissen aus dem 2.Weltkrieg im Zusammenhang stehen. Ein anderes paranormales Erlebnis führte zu ihrem Austritt aus der Kirche. Zu dieser Zeit hatte sie das Gefühl, Krebs zu bekommen, was sie auch ihrem Lehrer, dem irischen Heiler, erzählte. Er erklärte ihr, was sie tun müsste, um nicht an Krebs zu erkranken, nämlich ihre „Gedanken oder ihre Einstellung zum Leben zu ändern“. „Und damit bin ich quasi mit nach Hause gegangen und hab gebetet und dann hab ich für ungefähr eine Woche oder 14 Tage jede Nacht, also so, wie ich vorher diese Verstorbenen wahrgenommen habe – ziemlich, ziemlich deutlich hab ich einfach Lichtwesen wahrgenommen, die um mein Bett herumstanden und die mich geheilt haben.“ Nach dieser Erfahrung kam sie zu der Überzeugung, dass das, „was die Kirche macht, z.B. jemanden bekehren oder überzeugen, dass es einen Gott gibt,“ gar nicht möglich ist. „Entweder man lebt es und strahlt es aus – das ist das Einzige.“
Zusammenfassende Darstellung:
Die paranormalen und mystischen Erlebnisse, die in den Interviews berichtet
werden, lassen sich in drei Kategorien einteilen:
1. Rein sensorische, paranormale Wahrnehmungen: Dies sind visuelle oder
andere sensorische Wahrnehmungen von nicht-materiellen Dingen, ohne das die
Übertragung bestimmter Botschaften oder Nachrichten im Vordergrund steht. Hierzu
zählt das Aura-Sehen, Geistererscheinungen, Engelserscheinungen oder die
Wahrnehmungen von Dämonen oder ähnlichen, als bösartig und abstoßend
erscheinender Wesen. Es werden „feinstoffliche Energien“ oder „nicht-materielle
Wesenheiten“ gesehen, die andere Menschen normalerweise nicht sehen. Diese
Erfahrungen können als besonders schön, aber auch als sehr erschreckend
empfunden werden, wie zum Beispiel T´s Wahrnehmung des „merkwürdigen Tieres“
unter der Junkiewohnung. Im Laufe der Entwicklung werden sie mit zunehmender
Gewöhnung auch einfach als „normal“ empfunden. Natürlich sind diese
Wahrnehmungen besonders typisch für Aurasichtige, wobei sie nicht immer, sowie
in der Regel das Aura-Sehen, der persönlichen Kontrolle unterworfen sind. Da
diese sensorischen Wahrnehmungen einen starken emotionalen Gehalt haben, gibt es
gewisse Ähnlichkeiten zu synästhetischen Wahrnehmungen.
2. Außersinnliche Wahrnehmungen: Diese Phänomene sind das
Hauptforschungsobjekt der experimentellen Parapsychologie. Darunter versteht
man die „Kenntnis von oder Reaktion auf ein äußeres Ereignis oder äußeren
Einfluss, die nicht durch bekannte sensorische Kanäle vermittelt wird“ (Wolman,
1977, S. 926). Die Erlebnisse der Befragten, die in diese Kategorie fallen, sind
„Wahrträume“, „Hellsehen“, aber auch das „Aurasehen“. Bei diesen Phänomenen ist
das hervorstechende Merkmal, dass bestimmte Informationen außerhalb der normalen
Kommunikationsmöglichkeiten übertragen werden. P zum Beispiel wachte nachts auf
und „wusste“, dass ihr Vater gestorben ist.
3. Mystische Erlebnisse: Einige der berichteten Erlebnisse lassen sich
eindeutig als mystische Erlebnisse klassifizieren. Diese Erlebnisse
unterscheiden sich von den „rein sensorischen, paranormalen Wahrnehmungen“ und
„außersinnlichen Wahrnehmungen“ durch die tiefere spirituelle Bedeutung und dem
Einbezug der ganzen Person bis hin zur Auflösung der Ich-Grenzen. Mystische
Erlebnisse besonders intensiver Art werden von S berichtet. Sowohl bei ihrem
Nahtod-Erlebnis, bei ihrer Engelsbegegnung in Georgien, als auch am Ende ihres
„Transformationserlebnisses“ mit 15 Jahren, begegnete sie einer „mystischen
Gestalt“, die sie über spirituelle Themen, wie Sinn des Lebens, Bedeutung des
Todes etc., aufklärten. Der zentrale Aspekt von B’s mystischem Erlebnis auf Sylt
dagegen ist viel mehr die Einheitserfahrung – das „Sich-eins-fühlen“ mit der
Natur. Dieses Erlebnis ist bei ihr der Auslöser dafür, dass sie sich „auf die
Suche“ macht, um dieses Gefühl wiederzubekommen und dabei anfängt ihre
sensitiven Wahrnehmungen zu entwickeln. T’s Vision in Indien, als sie zwei
Wochen lang eine veränderte Wahrnehmung hatte, kann auch als mystisches Erlebnis
eingeordnet werden. Sie machte dabei die Erfahrung, „dass es etwas Stärkeres
gibt – etwas, dass sie nicht kontrollieren kann“. Auch das Geburtserlebnis von B
und die Erfahrung der Heilung durch die „Lichtwesen“ gehören in diese Kategorie,
denn beide Ereignisse gingen mit einem Gefühl eines Erkenntnisgewinnes einher.
Nicht alle dargestellten Erlebnisse lassen sich eindeutig einer der drei
Kategorien zuordnen.
Kindheit:
Auffallend ist, dass die paranormalen Erlebnisse schon in der Kindheit
auftreten. Bei T sind es Wahrträume, bei B die Geistererscheinung und bei O und
S sind es schon Aura-Wahrnehmungen und hellsichtige Erfahrungen. Bei S ist die
Sensitivität in der Kindheit wohl schon am stärksten ausgeprägt.
Paranormales Glaubenssystem:
Die paranormalen Erlebnisse begünstigen die Entwicklung eines paranormalen
Glaubenssystems. Wie bereits erwähnt, hatten fast alle der Befragten schon in
der Kindheit Erlebnisse, die den herkömmlichen Erklärungsrahmen überschreiten.
P sagt zum Beispiel, dass sie in diesen Situationen „einfach weiß“.
Spirituelle Entwicklung:
Vor allem die mystischen Erlebnisse sind wichtige Katalysatoren für die
spirituelle Entwicklung. T meint, dass sie durch ihre Visionen in Indien die
Erfahrung gemacht hat, dass es etwas „Stärkeres gibt“. S hat seit ihrer
Nahtod-Erfahrung keine Angst mehr vor dem Tod. Durch ihre Engelsbegegnung wurde
ein intensives Interesse an Engeln und den alten Aufzeichnungen und
Überlieferungen der traditionellen Religionen geweckt. Bei B war ihr mystisches
Erlebnis auf Sylt der Auslöser für ihr Interesse an Esoterik und Psychotherapie.
Dieses spirituelle Weltbild ermöglicht wiederum, das Aura-Sehen und die
sensitiven Fähigkeiten in ein übergeordnetes Bezugssystem einzuordnen.
Besondere Aura-Wahrnehmungen:
Im Zusammenhang mit paranormalen und mystischen Erlebnissen werden auch
besondere Aura-Wahrnehmungen berichtet. T hatte so eine extrem beeindruckende
Aura-Wahrnehmung in Indien. Das war die Aura eines indischen Yogis, der
besondere geistige Kräfte besitzen soll. Für P war die Wahrnehmung des „offenen
Herzchakras“ eines Bekannten besonders beeindruckend. S beschreibt die Aura des
Mannes, dem sie bei ihrer Nahtod-Erfahrung begegnet ist, als „durchsichtig und
strahlend“. Auch die Aura des „Engels“ war „durchsichtig und strahlend“.
Krankheit und Tod:
Die paranormalen und mystischen Erlebnisse haben häufig einen Bezug zu Tod,
Krankheit oder Unfällen. T ahnte in ihrem Wahrtraum in der Kindheit den Unfall
der Putzfrau voraus. P hatte solche Eingebungen, als ihre Mutter einen
Suizidversuch unternahm und ihr Vater starb. T hatte auch besonders intensive
Visionen, als sie sterbenskrank war und hohes Fieber hatte. S hatte einen Monat
lang Schmerzen am ganzen Körper, bevor ihr Lehrer zu ihr kam. Eine mystische
Gestalt, die nur sie „sehen“ konnte. Auch berichtet sie von mystischen Visionen
bei dem Nahtod-Erlebnis, welches sie während der Geburt ihres Kindes durchlebte.
B erzählt, dass sie das Gefühl hatte, Krebs zu bekommen und von „Lichtwesen“,
die nachts um ihr Bett herumstanden, geheilt wurde. Besonders erschreckend sind
die Beobachtungen von T, als ihr bei Drogenabhängigen ein „merkwürdiges Tier“
oder „Teufel“ begegnete. Auch P erzählt, dass sie einmal in der U-Bahn hinter
einer Frau einen „Dämon“ gesehen hat. B berichtet, dass sie über drei bis vier
Jahre hinweg das Gefühl hatte, ständig im Kontakt mit Verstorbenen zu stehen.
Abschließende Bemerkung:
Die paranormalen und mystischen Erlebnisse der Aurasichtigen ziehen sich durch
das ganze Leben und sind eng mit dem Aura-Sehen verknüpft. Sie können bereits in
der Kindheit auftreten und es scheint ein Zusammenhang zu Tod, Krankheit und
Unglücksfällen zu bestehen. Paranormale und mystische Erlebnisse fördern die
Ausformung eines paranormalen Glaubenssystems und sind häufig der Initiator oder
ein wichtiger Impulsgeber für die spirituelle Entwicklung. Obwohl auch
Psychotiker häufig Halluzinationen mit religiösen Inhalten haben, sind mystische
Erlebnisse von den Anzeichen psychischer Störungen wie Schizophrenien und
Psychosen zu differenzieren. Jahrzehntelang wurden religiöse und spirituelle
Themen von Psychologen und Psychiatern ignoriert und pathologisiert. Berichte
von mystischen oder paranormalen Erfahrungen der Patienten wurden als Symptome
einer psychischen Störung interpretiert. Die dramatischen Folgen für die
Betroffenen aus den daraus resultierenden Fehlbehandlungen, inklusive
Klinikaufenthalt und Medikation, sind mittlerweile gut dokumentiert (Grof &
Grof, 1989). Verschiedene Studien haben gezeigt, dass mystische Erfahrungen
langfristig eine positive Auswirkung auf die seelische Gesundheit haben (Lukoff,
Lu & Turner, 1996). Um mit dieser Thematik angemessen umzugehen, wurde 1994 im
DSM IV9 eine neue Kategorie für „religiöse und
spirituelle Probleme“ eingeführt. Wie auch die Fälle in dieser Studie gezeigt
haben, können durch mystische Erlebnisse emotionale, psychosoziale und
psychospirituelle Krisen ausgelöst werden, die dazu führen, dass die Betroffenen
therapeutische Hilfe aufsuchen. Psychologen und Psychiater sollten daher mit dem
nötigen Wissen und der Erfahrung ausgestattet sein, um Menschen mit „religiösen
und spirituellen Problemen“ helfen zu können.
9 DSM IV: „Diagnostic and statistical manual DSM“ der
„American Psychiatric Association“. Das amerikanische Klassifikationssystem für
psychische Störungen. Wegen seiner fortschrittlichen Konzeption, unter der
Berücksichtigung modernster Forschungsergebnisse, ist es auch international
anerkannt und verbreitet.
6. Diskussion
Nach dem nun die Ergebnisse der Interviewauswertung dargestellt und auch schon viele kleine Theorien zur Ontogenese und individuellen Repräsentation des Aura-Sehens entworfen wurden, soll die Bedeutung der Ergebnisse in Hinblick auf die in Teil 3 vorgestellten Theorien zum Aura-Sehen diskutiert werden. Allerdings muss vorweg angemerkt werden, dass aufgrund qualitativ erhobener Daten, wie im vorliegenden Fall, keine statistische Aussagen über Aurasichtige und Aura-Sehen getroffen werden können. Sie ermöglichen zwar einen vertiefenden Einblick in die subjektiven Lebenswelten der Interviewpartner, aber wegen der kleinen Fallzahl haben sie keinerlei Beweiskraft. Qualitative Methoden sind keine hypothesenprüfende, sondern hypothesengenerierende Verfahren, d.h., sie können als Ausgangspunkt weiterer empirischer Forschungsprojekte betrachtet werden. Trotz allem ist es interessant zu schauen, inwieweit die Ergebnisse dieser Untersuchung mit den Hypothesen von Charles Tart und dem „Aura imagery model“ übereinstimmen. Tart hatte vermutet, dass es sich bei der wahrgenommenen Aura um eine Projektion handelt, in welcher verschiedene Informationen über eine Person enthalten sind, die über unterschiedliche Kanäle bezogen werden (Tart, 1972a). Gissurarson und Gunnarsson hatten Tarts Theorie weiter ausformuliert und mit den Befunden, dass das Aura-Sehen mit einem stärkeren visuellen Vorstellungsvermögen und einem Hang zum „Phantasieren“ zusammenhängt, in Einklang gebracht (Gissurarson & Gunnarson, 1997). In ihrem „Aura imagery model“ wird das Aura-Sehen als eine holistische Wahrnehmung betrachtet, bei der die verschiedenen Informationen, darunter auch unbewusste Psi-Informationen, als Farbgestalten ins Bewusstsein projiziert werden. Obwohl diese Theorien den interviewten Aurasichtigen vermutlich gänzlich unbekannt waren, scheinen sie mit ihren eigenen Theorien über dieses Wahrnehmungsphänomen teilweise übereinzustimmen. So berichtet ein Aurasichtiger, dass er die Aura zuerst fühlt und dann ein „mentales Abbild“ erschafft. Eine andere betrachtet das Aura-Sehen als Fähigkeit der rechten Gehirnhälfte, wodurch eine ganzheitliche Wahrnehmung möglich sei.
Die Aurasichtigen scheinen sich also darüber bewusst zu sein, dass es sich beim Aura-Sehen um eine „intuitive“ Wahrnehmung handelt. Bezüglich des visuellen Aspektes, der im „Aura imagery model“ im Vordergrund steht, ist allerdings eine gewisse Modifikation der Theorie angezeigt. Denn die Aurasichtigen berichten übereinstimmend, dass sie Auren nicht nur sehen, sondern auch fühlen, hören, riechen oder schmecken. In diesem Punkt weichen die Beschreibungen der Aurasichtigen auch von den Darstellungen in der esoterischen Literatur ab. Auch in diesen Texten werden die visuellen Merkmale von Auren in den Vordergrund gestellt. Hinzu kommt, dass diese visuellen Merkmale, z.B. Form, Farbe und Dichte, ebenfalls nicht mit den Berichten der Interviewpartner übereinstimmen. Es liegt also die Vermutung nahe, dass die holistischen und intuitiven Wahrnehmungen von Aurasichtigen, ähnlich wie bei Synästhesien, durch das Mitempfinden unterschiedlicher Sinne gekennzeichnet ist. Aura-Sehen beruht also auf bottom-up und top-down Prozessen, d.h. aus Wahrnehmungsprozessen und aus kognitiven und emotionalen Interpretationsprozessen, die im Gesamtprozess des Aura-Sehens zusammenwirken. Durch die Betrachtung des Aura-Sehens als einer besonderen Form der kognitiven Informationsverarbeitung wird diesem Phänomen natürlich etwas von seiner obskuren Atmosphäre genommen. Diese Form der kognitiven Informationsverarbeitung kann sich nach dem „Aura imagery model“ über ein ganzes Kontinuum verschiedener Intensitätsgrade der bildlichen Wahrnehmung erstrecken. In den Interviews werden diese Intensitätsgrade ebenfalls bestätigt. Dabei unterscheiden sich die Personen voneinander in der Intensität der bildlichen Wahrnehmung, und sie berichten von situativen und ontogenetischen Unterschieden in der Aura-Wahrnehmung. Innerhalb der Gruppe Aurasichtiger hat eine Frau die intensivsten und konstantesten visuellen Aura-Wahrnehmungen. Sie ist auch die Einzige, bei der diese Wahrnehmungen permanent stattfinden. Bei den Anderen hat sich das Aura-Sehen erst im Laufe des Lebens und häufig durch ein besonderes Training entwickelt. Auch scheint die Intensivität der Wahrnehmung stark von bestimmten Eigenarten der Person, deren Aura gesehen wird, abzuhängen. Diese Beobachtung deckt sich wiederum mit der umfangreichen Sammlung an Berichten von Aura-Wahrnehmungen von Carlos S. Alvarado (Alvarado, 1987), in denen Auren vor allem bei Medien, Mystikern, Heiligen und Sterbenden gesehen wurden. Das Aura-Sehen scheint demnach mit einer emotionalen und spirituellen Komponente zusammenzuhängen.
Dass das Aura-Sehen also nicht nur auf eine kognitive Verarbeitungsform reduziert werden kann, wird ebenfalls durch die vorliegende Interviewstudie deutlich. Bei allen Befragten ist das Aura-Sehen eingebettet in einen spirituellen Kontext und wird als Teil eines spirituellen Weges betrachtet. Außerdem hat das Aura-Sehen für die Betroffenen nach wie vor einen Bezug zum Paranormalen. Für einen Befragten besteht z.B. ein enger Zusammenhang zum Hellsehen und auch die anderen nehmen häufig zukünftige Ereignisse in der Aura wahr. Hinzu kommt, dass alle Befragten noch von vielen anderen paranormalen und mystischen Erlebnissen berichtet haben und darin wiederum einen besonderen Bezug zum Aura-Sehen erkennen. Diese verschiedenen Faktoren führen wohl schließlich zur Konstruktion eines spirituellen oder esoterischen Weltbildes. Durch diesen paranormalen Aspekt und die bildhafte Wahrnehmung der Gefühle und Gedanken anderer Menschen, kann das Aura-Sehen als eine intensivierte Form der Wahrnehmung anderer Menschen betrachtet werden. Durch diese „ungefilterte“ Wahrnehmung haben Aurasichtige häufig Schwierigkeiten sich von anderen Menschen abzugrenzen. Sie haben den Eindruck mehr Informationen über andere Menschen zu empfangen und erleben diese auch noch als intensive Sinnesempfindungen. Dies ist ein Aspekt des Aura-Sehens, der zu einer Belastung werden kann. Ein weiterer Aspekt entsteht durch die offensichtliche Abweichung dieser Wahrnehmungsform von der Normalität. Dies führt zu Zweifeln an der eigenen geistigen Gesundheit auf Seiten der Aurasichtigen, das häufig durch Reaktionen der Umwelt verstärkt wird. Da die Ontogenese des Aura-Sehens in den vorliegenden Fällen mit anderen paranormalen und mystischen Phänomenen einher ging, entstehen zusätzliche Belastungen.
Manche Aurasichtigen benötigen daher phasenweise eine klinische Behandlung. Trotzdem ist das Phänomen von klassischen psychischen Störungen abzugrenzen. Wie im Theorieteil gezeigt wurde, gibt es keine Übereinstimmungen mit psychischen Störungen, wie z.B. Schizophrenie. Hier ist es nun wichtig, dass klinische Psychologen und Psychiater über die Merkmale solcher paranormalen Phänomene informiert sind. Es wurde bereits erwähnt, dass Fehldiagnosen bei Personen, die spirituelle Krisen mit mystischen Erfahrungen durchleben, fatale Folgen haben können. Das Phänomen des Aura-Sehens scheint gewisse Ähnlichkeiten zum „Stimmenhören“ aufzuweisen. Auch hier hat es sich nach jahrelanger Forschung gezeigt, dass es für die betreffende Person „gesünder“ ist, das Stimmenhören zu akzeptieren und sich damit bewusst auseinanderzusetzen, als zu versuchen, dagegen anzukämpfen und es zu unterdrücken (Baker 1999). Wie beim Aura-Sehen, haben Stimmenhörer eine sensorische Wahrnehmung, die von anderen Menschen nicht geteilt wird. Diesen Menschen zu sagen, dass die Stimmen nicht existieren und sie als psychisch gestört zu etikettieren, hilft den Betroffenen nicht weiter. Ebensowenig wird den Aurasichtigen die Empfehlung helfen, die Aura-Wahrnehmungen nicht weiter zu beachten. In solchen Fällen sollten klinische Psychologen und Psychiater behutsam auf ihre Klienten eingehen und ihnen dabei helfen, diese andere Art der Wahrnehmung zu akzeptieren. Ebenso wie ihre Klienten, müssen die Psychologen hier einen Balanceakt vollbringen. Zum einen sollten die Aurasichtigen nicht vollständig in eine andere Realität abdriften, zum anderen können sie diese Phänomene auch nicht aus ihrem Leben verbannen. Es sollte also ein Weg gefunden werden, auf gesunde Art und Weise mit dem Phänomen umzugehen.
Die Thematik weist gewisse Parallelen zu „religiösen und spirituellen Problemen“ auf. Dieser Aspekt des menschlichen Erlebens wurde jahrelang von Psychiatern und Psychologen ignoriert oder pathologisiert. Vor allem durch den Einfluss der Transpersonalen Psychologie, die solchen Erfahrungen einen besonderen Stellenwert einräumt, und durch neuere Forschungsergebnisse kam es in diesem Bereich zu einer Wende. Forschungen haben gezeigt, dass „mystische Erfahrungen“ in der Regel einen positiven Einfluss auf das subjektive Wohlbefinden haben (Lukoff, Lu & Turner, 1996). Da es aber durch solche Erfahrungen und im Zusammenhang mit Religiösität und Spiritualität auch zu Belastungen und Anpassungsstörungen kommen kann, wurde in dem auch international anerkannten amerikanischen Diagnosesystem DSM IV eine neue Kategorie hinzugefügt. In diese Kategorie, die als „religiöse und spirituelle Probleme“ benannt wurde, sollte man auch Belastungen einordnen, die im Zusammenhang mit dem Aura-Sehen auftreten.Wie bereits erwähnt, ist das Aura-Sehen meist als Teil einer umfassenden sensitiven Wahrnehmung zu betrachten. Sensitive haben anscheinend eine Veranlagung zu „subjektiven paranormalen Erfahrungen“. Wie die Untersuchung zeigt, treten diese Wahrnehmung bereits in der Kindheit auf. Von verschiedenen Aurasichtigen wurde die Vermutung geäußert, dass es sich beim Aura-Sehen um eine ganz „normale“ Wahrnehmung handelt, die aber durch die Erziehung abhanden kommt. Das Buch „The secret life of kids“ von James W. Peterson ist leider eines von wenigen Büchern , in dem sensitive Wahrnehmungen von Kindern diskutiert werden (Peterson, 1987). Peterson hat in diesem Buch Fälle von Telepathie, Hellsehen und Aura-Wahrnehmungen von Kindern gesammelt. Er weist ebenfalls darauf hin, das Kinder besonders häufig von synästhetischen Wahrnehmungen berichten. Diese These wurde auch schon von verschiedenen anderen Wissenschaftlern, die sich mit kreuzmodaler Wahrnehmung beschäftigten, geäußert und weist wieder auf einen Zusammenhang zum Aura-Sehen hin. Auch ich stieß während der Arbeit an dieser Studie auf verschiedene Kinder, die von auraähnlichen Wahrnehmungen erzählten. Dieser Ansatzpunkt bietet sicherlich eine weitere Möglichkeit, sich diesem Phänomen zu nähern.
Auch in der vorliegenden Studie wurde der Frage nachgegangen, wie sich das Aura-Sehen als spezielle Form einer sensitiven Wahrnehmung bei den Interviewpartnern im Laufe des Lebens entwickelt hat. Zwei Entwicklungswege ließen sich unterscheiden. Entweder entwickelte sich die „Fähigkeit“ spontan oder sie wurde in einem Kurs erlernt. Die spontane Entwicklung war häufig mit dramatischen Konflikten mit der Umgebung verbunden. Wenn die „Fähigkeit“ in einem Kurs erworben wurde, waren die Auseinandersetzung weniger dramatisch, da die Aurasichtigen den Prozess bewusst steuern und kontrollieren konnten. Interessanterweise scheint es möglich zu sein, eine sensitive Wahrnehmung mit bestimmten Techniken und einem kontinuierlichen Training zu entwickeln. Im Theorieteil wird Walter von Lucadou zitiert, warum es aufgrund seiner Psi-Theorie nicht möglich ist, die Fähigkeit zur außersinnlichen Wahrnehmung zu erlernen (Lucadou, 1995). Dies ist allerdings nur eine Theorie. Tatsächlich waren aber die Techniken und Trainingsverfahren zur Entwicklung einer sensitiven Wahrnehmung, wie sie in Kursen und Schulen für Medien überall auf der Welt gelehrt werden, bisher kaum Gegenstand von Forschungsprojekten. Solche Unternehmungen würden sicherlich eine Chance für Psychologen darstellen, neue Erkenntnisse über das Bewusstsein und die Erfassung der Realität zu erhalten. Zu bedenken wäre dabei allerdings, dass es fast unmöglich ist, eine „veränderte“ Wahrnehmung von aussen zu verstehen. Diese Erfahrung musste auch bei der vorliegenden Studie gemacht werden. Von daher müssten hierfür auch neue Forschungswege bestritten werden.
Von verschiedenen Bewusstseinsforschern wird gefordert, introspektive Methoden, die seit der Zeit von Wilhelm Wundt aus der Psychologie verbannt sind, zur Erforschung des Bewusstseins wieder miteinzubeziehen. Charles Tart forderte z.B. in einem Artikel von 1972, dass veränderte Bewusstseinszustände von innen heraus wissenschaftlich erforscht werden sollten (Tart, 1972b). In diesem Artikel schlägt Tart daher vor, spezielle Wissenschaften für verschiedene Bewusstseinszustände zu entwickeln und führt hierfür den Begriff „state-specific sciences“ ein. Eine ähnliche Forderung stellen Robert G. Jahn und Brenda J. Dunne, die ausgehend von ihren unfangreichen parapsychologischen Experimenten in Princeton, dem Bewußtsein eine proaktive Rolle bei der Erschaffung der Realität beimessen, in ihrem Artikel „Science of the subjective“ von 1997 (Jahn & Dunne, 1997). Aber nicht nur Parapsychologen mahnen dazu, introspektive Methoden wieder einzuführen, um den Graben zwischen Beobachter und Beobachtungsobjekt zu überwinden, auch der bekannte Biologe und Kybernetiker Francisco J. Varela diskutiert in einem Artikel von 1999 zusammen mit Jonathan Shear sogenannte „First-person Methodologies“ (Varela & Shear, 1999). So wäre es im Zusammenhang mit dem Phänomen des Aura-Sehens denkbar, dass Psychologen die Methoden und Techniken, die in esoterischen Seminaren und Kursen gelehrt werden, selber testen, um die Wahrnehmungsveränderungen introspektiv zu erfahren. Vermutlich würden solche Forschungen zu einem besseren Verständnis von Intuition und Empathie führen.
Abgesehen davon, dass die Aurasichtigen den Eindruck haben, durch ihre sensitive Wahrnehmung Psi-Informationen z.B. über Krankheitsursachen zu erhalten, sind sie davon überzeugt, die Emotionen und Gedanken des Klienten besser mitzubekommen. Unabhängig von der paranormalen Komponente scheinen sie sehr gut in der Lage zu sein, sich empathisch in einen anderen Menschen hineinzufühlen. In der Gesprächspsychotherapie von Carl Rogers ist die Empathie das erste Element des gesprächspsychotherapeutischen Beziehungsangebotes (Rogers, 1957). Unter Empathie versteht Rogers, das Einfühlen in das Erleben eines anderen, als ob es das eigene Erleben wäre, ohne aber jemals diesen „Als-ob-Status“ zu verlassen. Das Training des bildhaften Vorstellungsvermögens, um sich verschiedene sensorische und unbewusste Informationen „vor Augen zu führen“, wie dies von Aurasichtigen anscheinend gemacht wird, stellt vielleicht eine effiziente Methode da, um das empathische Einfühlungsvermögen zu verbessern. Um den empathischen Aspekt des Aura-Sehens zu erforschen, wäre es denkbar, dass Psychotherapeuten sich im Aura-Sehen ausbilden lassen. Zum Einen könnten anschließend die Therapeuten darüber befragt werden, ob sie eine Veränderung ihrer Empathiefähigkeit und anderer therapeutischer Attribute subjektiv wahrnehmen, zum anderen könnten auch Veränderungen bei den Klienten beobachtet, sowie die Klienten über ihre Wahrnehmung der therapeutischen Beziehung interviewt werden.Es bestehen also noch viele Möglichkeiten für Psychologen, sich der Thematik des Aura-Sehens anzunähern. Allerdings ist eine größere Offenheit gegenüber neueren und unkonventionellen Forschungsmethoden erforderlich, um ein tieferes Verständnis dieses Phänomens zu erlangen.
Anmerkungen zur Subjektivität des Forschers bei einer qualitativen
Untersuchung eines paranormalen Phänomens:
Zum Abschluss sind noch ein paar Anmerkungen zur qualitativen Forschungsmethode
und zur Subjektivität des Forschers in der qualitativen Forschung zu machen.
Für diese Untersuchung über das Aura-Sehen wurde eine qualitative Methode
gewählt, um die Innenperspektive von Aura-Sehern nachzuzeichnen. Dies war
notwendig, da bisher noch völlig unklar war, was Aurasichtige genau wahrnehmen,
obwohl es bereits elaborierte Theorien zum Aura-Sehen gibt. Außerdem war es mit
einer qualitativen Methode möglich, die Bedeutung und Stellung des Aura-Sehens
in Zusammenhang mit verschiedenen Lebensaspekten zu beleuchten. Problematisch
erwies es sich aber, einen kritischen und gleichzeitig offenen Standpunkt
bezüglich der Weltbilder der Interviewten einzunehmen. In der Literatur über
qualitative Forschungen werden als theoretische Positionen z.B. der „symbolische
Interaktionismus“ (Blumer, 1973), bei dem es um subjektive Bedeutungen und
individuelle Sinnzuschreibungen geht, oder die „Ethnomethodologie“ (Garfinkel,
1967), die an den Routinen des Alltags und deren Herstellung interessiert ist,
angeführt. Den diversen theoretischen Positionen ist zwar gemeinsam, dass sie
davon ausgehen, dass Wirklichkeiten nicht vorgegeben sind, sondern konstruiert
werden, nichtsdestotrotz scheinen die theoretischen Positionen implizit von
einer konventionellen Wirklichkeitsvorstellung auszugehen. Im Falle einer
Untersuchung von Aurasichtigen handelt es sich jedoch um eine idiosynkratische
Wahrnehmung, die von dem Großteil der Menschen nicht geteilt wird. Die „drei
einfachen Prämissen“ des symbolischen Interaktionismus werden von Herbert Blumer
folgendermaßen zusammengefasst: „Die erste Prämisse besagt, dass Menschen
,Dingen‘ gegenüber auf der Grundlage von Bedeutungen handeln, die diese Dinge
für sie besitzen. (...) Die zweite Prämisse besagt, dass die Bedeutung solcher
Dinge aus der sozialen Interaktion, die man mit seinen Mitmenschen eingeht,
abgeleitet ist oder aus ihr entsteht. Die dritte Prämisse besagt, dass diese
Bedeutungen in einem interpretativen Prozess, den die Person in ihrer
Auseinandersetzung mit den ihr begegnenden Dingen benutzt, gehandhabt und
abgeändert werden.“ (Blumer, 1973, S.81). Solange es sich bei den ,Dingen‘ um
materielle Subjekte oder Objekte handelt oder um reine Konstrukte, wie z.B.
,Liebe‘ oder ,Technik‘, sind die Wirklichkeitskonstruktionen, die von den zu
erforschenden Subjekten aufgrund der Bedeutung, die sie diesen ,Dingen‘
beimessen, von dem Forscher nachzuvollziehen. Ist der Gegenstand aber weder ein
abstraktes Konstrukt, noch eindeutig nachweisbar materiell vorhanden, wie im
Falle der Auren, wird es für den Forscher schon schwieriger, den Nachvollzug der
Wirklichkeitskonstruktion des Interviewpartners zu leisten. Des weiteren stellt
sich das Problem bei der Darstellung der Wirklichkeitskonstruktion unter
Berücksichtigung der rationalen Weltbilder einer wissenschaftlichen Leserschaft.
Bei einer wissenschaftlichen Darstellung von Wirklichkeitskonstruktionen, die auf Aura-Wahrnehmungen beruhen, muss der Forscher also zwischen zwei Weltbildern vermitteln. Auf der einen Seite befinden sich die phantastisch anmutenden und esoterisch geprägten Weltbilder von Aurasichtigen, auf der anderen Seite das Weltbild einer scientific comunity, die dem Ideal der absoluten Objektivität verpflichtet ist. Um nun beiden Seiten gerecht zu werden, wurden die Wahrnehmungen und Wirklichkeitskonstruktionen der Aurasichtigen als subjektiv-psychologische Realitäten dargestellt. Damit sollte im Prinzip eine Stellungnahme zu den Wirklichkeiten der Interviewpartner umgangen werden. Trotz allem stellt sich die berechtigte Frage, wie „real“ denn nun die Wahrnehmungen der Aurasichtigen, und die sich daraus ergebenden Konstruktionen, sind. Da sich diese Frage nicht im Rahmen dieser Arbeit klären lässt, soll zumindest die Problematik der Subjektivität des Forschers in Anbetracht eines solchen Dilemmas diskutiert werden. In einem Text von 1996 weisen Katja Mruck und Günter Mey auf die Problematik der Ausblendung der Subjektivität des Forschers in sowohl quantitativer wie auch qualitativer Forschung hin (Mruck & Mey, 1996). Dies gründe in einer teilweise unkritischen Übernahme traditioneller wissenschaftstheoretischer Imperative, deren illusionäres Ziel es sei, über Personen, Zeiten und Situationen hinweg unumstößliche Wahrheiten hervorzubringen. Dies Ziel soll nun erreicht werden durch Verbannung der Subjektivität aus dem Forschungsprozess. Obwohl auch die „exakteste“ aller Wissenschaften, die Physik, diesbezüglich im 20. Jhd. eine nachhaltige Irritation erlitten hat, vor allem durch die Bohrsche Komplementarität und die Heisenbergsche Unschärferelation, wird das Wissenschaftsideal einer subjektunabhängigen Forschung in der Psychologie weiterhin angestrebt. Aber auch in der qualitativ-psychologischen Forschung hat die Subjektivität des Forschers einen maßgeblichen Einfluss auf das Forschungsfeld.
Zu Verzerrungen durch den Forscher kommt es bereits durch die künstlich geschaffene Interviewsituation, des weiteren bei der Transkription der Interviews und natürlich bei der Auswertung, da der Forscher subjektiv wertend eine Auswahl der Interviewbereiche trifft, die er schließlich analysiert. Bei der Ergebnisdarstellung kommt es zu einer zusätzlichen Verzerrung durch die vom Forscher imaginierte Erwartungshaltung des Lesers. Wie bereits oben erwähnt, befand sich der Forscher hierbei in einer Vermittlungsrolle zwischen esoterischen Weltbildern und einem „wissenschaftlichen“ Weltbild. Nach Mruck und Mey gibt es nur einen Ausweg aus dem Dilemma der Subjektivität des Forschers: „Entgegen dem Unterfangen, Subjektivität und Selbstreflexivität zu eliminieren (...) gehen wir davon aus, dass nicht deren Einbezug, sondern ihre Vernachlässigung zu „Verzerrungen“ führt – Wissenschaft jenseits von Subjektivität, Sozialität und Historizität scheint uns eine, wenn auch dem Anliegen nach nachvollziehbare, Fiktion.“ (Mruck & Mey, 1996, S. 13.)
In der vorliegenden Arbeit konnte diesem Problemzusammenhang nicht auf
eindeutige Weise entgegengetreten werden. Der Autor war sich der Tatsache
bewusst, dass er sich nicht nur in einem Spannungsfeld zwischen
„konventioneller“ und „paranormaler“ Wahrnehmung zu bewegen hatte. Gleichzeitig
ging es um den vorsichtigen Versuch eines Brückenschlags zwischen
wissenschaftlicher Logik, die Rationalität und Objektivierbarkeit voraussetzt,
und einer idiosynkratischen, gerade eben nicht objektivierbaren Form der
Wahrnehmung, wie dem Aura-Sehen. Da die „Übersetzbarkeit“ der Sprache der
Wissenschaft und der Sprache der Menschen mit paranormaler Wahrnehmung bisher
nur in Ansätzen versucht wurde, konnte sich der Autor nur auf eine fortlaufende
Reflexion dieses Problems beschränken. Die „Wirklichkeit“ der Aurasichtigen kann
nur sukzessive in den wissenschaftlichen Kontext hereingeholt werden. Deswegen
können die vorliegenden Ergebnisse auch nur als Annäherungen an subjektive
Wirklichkeiten gelesen werden.
7. Zusammenfassung
Mit der vorliegenden Arbeit sollte ein Beitrag zum Verständnis des Aura-Sehens geleistet werden. Als Aura wird eine lichtartige Ausstrahlung des menschlichen Körpers verstanden, der von Sensitiven angeblich gesehen werden kann. Die Vorstellung von Auren ist eng verbunden mit der Idee von nichtmateriellen, unsichtbaren Energiekörpern und -systemen und ist kulturell weitverbreitet. Es wurde ein Überblick gegeben über diese Vorstellungen in verschiedenen Kulturen, z.B. in China, Indien und im Christentum. Da die Vorstellung von Auren eine besondere Bedeutung in esoterischen Traditionen hat, wurde die Esoterik als „Denkform” erläutert und verschiedene moderne Aurasysteme vorgestellt. Lebensenergiesysteme und Aura-Vorstellungen beeinflussten aber auch moderne biophysikalische Theorien, wie die Biophotonentheorie, und inspirierte Wissenschaftler zur Entwicklung verschiedener Messgeräte, z.B. der Kirlian-Fotografie, die ebenfalls dargestellt wurden. Naturwissenschaftlich konnte die Existenz von Auren bisher nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden.
Zur Erläuterung des Phänomens des Aura-Sehens sind Theorien von
Psychophysiologen, Psychologen, Psychiatern und Parapsychologen dargestellt. Von
verschiedenen Forschern wird vermutet, dass es sich bei der wahrgenommenen Aura
um eine Projektion handelt. Verschiedene sensorische und unbewusste
Informationen werden im Bewusstsein des Aurasichtigen als farbige Lichschimmer
um eine Person herum wahrgenommen. Diese Art der Wahrnehmung anderer Menschen
weist Parallelen zur Synästhesie auf, dem Doppelempfinden. Außerdem wird
vermutet, dass auch Psi-Informationen bei der Aura-Wahrnehmung eine Rolle
spielen. In der vorliegenden Unterschung sollten die subjektiven Aspekte des
Aura-Sehens erforscht werden. Hierzu wurden fünf qualitative Interviews mit
ausgewählten Aurasichtigen geführt, die die Wahrnehmung von Auren in ihre
berufliche Arbeit, z.B. als Heilpraktiker oder Psychotherapeut, miteinbeziehen.
Die Interviews wurden nach der Technik des „Zirkulären Dekonstruierens”
ausgewertet. Hierbei wurden Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Berichten
der Aurasichtigen herausgearbeitet. Bei der Ergebnisdarstellung wurden folgende
Aspekte mit ausführlichen Zitaten aus den Interviews dargestellt:
- Ontogenese des Aura-Sehens
- Individuelle Repräsentation der Aura-Wahrnehmung
- Berufliche Anwendung des Aura-Sehens
- Persönliche Bedeutung des Aura-Sehens
- Umgang der Aurasichtigen mit Freunden und Familie
- Paranormale und mystische Erlebnisse der Aurasichtigen
Nach dem vorliegenden Material kann das Aura-Sehen und die Sensitivität rein
deskriptiv als eine „veränderte Wahrnehmung” betrachtet werden. Diese
Wahrnehmungsform kann sich spontan entwickeln oder in einem Kurs erlernt werden.
In beiden Fällen geht sie aber mit anderen paranormalan Erlebnissen und einer
Hinwendung zu einem spirituellen Weltbild einher. Aurasichtige haben eine
„andere Wahrnehmung” der Welt. Ihr Erleben hat einen intensiveren emotionalen
Gehalt, ist extrem bedeutungshaltig und spirituell geprägt. Obwohl es durch
diese veränderte Wahrnehmungsform zu psychischen Belastungen kommen kann, ist
das Aura-Sehen von traditionellen psychischen Störungen zu unterscheiden. Auf
der anderen Seite verspricht eine weitere Erforschung des Aura-Sehens Aufschluss
über bisher kaum erforschte Themen, wie „Sensitivität”, „Intutition” oder
„Empathie” zu geben.
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